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Pia Wilhelm lässt Gold am Revers blitzen PD 7/2019
Pia Wilhelm lässt Gold am Revers blitzen

Essingen
. Am Heimatort eine Ehrung zu erfahren, ist etwas Besonderes. Pia Wilhelm, Dressurreiterin aus Essingen, wird dieses einmalige Erlebnis am 10. Juni beim Pfingstturnier in ihrer Heimatstadt erfahren. Die 28jährige Sportlerin hat in der Dressurreiterei so viele Erfolge in der Klasse S des Pferdesports errungen, dass sie die Voraussetzungen für das Goldene Reitabzeichen erfüllt hat. Das also wird ihr bei ihrem Heimturnier ans Revers geheftet. Pia Wilhelm hat mit ihrem Pferd Birkhof‘s Meraldik ein herausragendes Pferd unter dem Sattel, das aus einer ebenso herausragenden Zucht des Donzdorfer Gestüts Birkhof stammt. Mit ihm gewann sie zwischen 2014 und 2018 neunmal und landete in einem weiteren Wettbewerb auf dem vierten Platz. Die Dressurwettbewerbe gliedern sich dabei in der Klasse S nach Schwierigkeitsgraden, die mit Sternen gekennzeichnet werden. Fünf Siegesschleifen bekam sie in Böblingen, Heidenheim, Waiblingen und zweimal in Heuchlingen in der Dressur Klasse S*. Vier Siege gab es in Klasse S** in Rot am See-Musdorf, Linkenheim-Hochstetten und zweimal in Heidenheim. Der genannte vierte Platz gelang ihr 2015 in Linkenheim-Hochstetten in einer Dressur Intermediaire II in Klasse S***. Das allerdings ist nur die Spitze des Erfolgsberges, denn bis Pia Wilhelm dort hinauf kam, vergingen Jahre gründlicher Ausbildung, zahllose Starts und auch damit verbundene zahlreiche Platzierungen. Man muss sich gehörig ins Zeug legen für die eigene Ausbildung und die Steigerung des Könnens. Dazu kommt die Bereitschaft, sich den kritischen Augen der eigenen Reitlehrer und beim Turnier den Richtern zu stellen. Außerdem gibt es für eine so erfolgreiche Reiterin wie Pia Wilhelm während der Saison kaum ein freies Wochenende, weil sie mit Reisen zu den Turnieren gefüllt sind.

Wer ist der Mensch, der hinter dem Namen Pia Wilhelm steht? Die gebürtige Aalenerin wurde nach dem Abitur Industriekauffrau im elterlichen Betrieb und schloss ihre Berufsausbildung 2019 als Betriebswirtin ab. Ihre Eltern führen in Aalen die Firma DSM Messtechnik GmbH. Mit Pferden hatte die Familie im Grunde wenig zu tun. Dafür gab es aber Nachbarn, die ein Shetlandpony besaßen: „Darauf habe ich mit vier Jahren meine ersten Erfahrungen sammeln dürfen“, erzählt Pia Wilhelm lächelnd und ergänzt: „Einmal die Woche durfte ich zum Reiten kommen.“ Aus diesen Anfängen entwickelte sich die ernsthafte Reiterei von Pia Wilhelm. Sie startete zunächst für den Reitverein Aalen, seit 2006 für Essingen. Ihre Reiterei wurde insbesondere durch die Nähe zum Gestüt Birkhof der Familie Casper befeuert und dort von Nicole Casper in die richtigen Bahnen gelenkt. Allerdings gab es auch Unterricht von Oliver Luze vom Gestüt Birkhof und Jessica von Bredow-Werndl aus Aubenhausen. Gute Reitlehrer sorgten dafür, dass aus der ehrgeizigen Pia Wilhelm eine Reiterin wurde, die großes Einfühlungsvermögen für jedes Pferd entwickeln kann, das sie unter den Sattel bekommt. „Man muss jedes Pferd als individuelle Persönlichkeit wahrnehmen, um ihm gerecht zu werden, seine Leistungsbereitschaft herauszuarbeiten und Freude mit ihm zu haben“, erklärt die Reiterin. Sie sei verantwortungsbewusst, aber manchmal auch etwas ungeduldig. Sie gesteht auch offen ihre „Schwäche“ ein, wenn sie sagt: „Manchmal schummle ich ein wenig, wenn ich die Basisarbeit zugunsten der Lektionen auslasse.“

Gerne erinnert sie sich an ihre ersten schönen Erfolge: als Junge Reiterin gewann sie 2012 bei den Landesmeisterschaften in Schutterwald die Bronzemedaille mit Meraldik und Sir Württemberg und wiederholte diesen Erfolg 2016 in der Altersgruppe U 25. Im vergangenen Jahr wurde sie Württembergische Meisterin. Obwohl Birkhof’s Meraldik sich recht hengstig zeigte, gewann Pia Wilhelm beide S-Dressuren. Ein Jahr zuvor gab es für sie hier den zweiten Platz. „Ein besonderes Erlebnis war für mich jedoch der erste Einritt in das Dressurviereck in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart im Jahr 2013. Hier reiten zu dürfen ist ein Höhepunkt ganz eigener Art.“

Birkhof’s Meraldik, der auf Münchhausen x Caramell xx zurückgeht, gehört zu den besonders ehrgeizigen Pferden, erzählt Pia Wilhelm. „Er ist nicht nur ehrgeizig, er ist auch ein ‚Showman“ im besten Sinne und er kämpft immer mit! Auf ihn ist einfach Verlass!“ Sie erzählt weiter: „Wir haben Meraldik neunjährig gekauft und mit ihm habe ich dann den Sprung in Klasse S geschafft. Sir Württemberg, ein Sohn von Sir Oldenburg x Donnerhall, haben wir 6-jährig gekauft und bis in die schwere Klasse weiter ausgebildet. „Es ist im Übrigen ein ganz tolles Gefühl, so ein Pferd weitgehend selbst ausgebildet zu haben. Leider starb „Sirchy“ Anfang 2013 an Nierenversagen, er war mein Seelenpferd. Er wusste ganz genau, wenn es darauf ankam, und er lehrte mich, vieles mit Geduld anzugehen.“ Pia Wilhelm erzählt aber auch von einer schweren Krise in ihrem Sportlerleben: „Vor paar Jahren, als viele Pferde krank waren und eine negative Nachricht die andere jagte, war ich sehr angeschlagen. Ich fragte mich damals, wozu man eigentlich all diesen Aufwand treibt. Aber ohne die Pferde wird es nicht gehen, dachte ich. Daher habe ich mich damals auch entschlossen nach vorne zu schauen und weiter am Ball zu bleiben. Nach jedem Tief kommt ein Hoch.“ Man merkt Pia Wilhelm an, wie sehr sie an ihren Pferden hängt und mit ihnen und für sie lebt. So eine Verbindung lässt einen Pferdefreund dann auch sportliche Krisen überwinden.

Auf ihr ganz persönliches Ziel mit den Pferden angesprochen, sagt Pia Wilhelm, dass es ihr Plan und Wunsch sei, auch in Zukunft Pferde gut auszubilden. Im Grand Prix Fuß zu fassen, sei eine tolle Sache, aber bei allem Ehrgeiz müssen die Pferde gesund bleiben. Da passt dann auch ihr Vorbild dazu: Jessica von Bredow-Werndl sei eine Reiterin, die „pro Pferd“ denkt. „Sie sieht das Pferd als Partner und sie strahlt immer Freude aus!“ Dass die Reiterei, der Umgang mit Pferden sie selbst unmittelbar berührt, gibt Pia Wilhelm freimütig zu: „Ich bin durch die Pferde ein ausge-glichener Mensch.“ Das allerdings bekam einen Dämpfer, als sich Pia Wilhelm Anfang April 2019 das Handgelenk brach. „Ich war wochenlang unausstehlich, weil ich nicht reiten durfte. Das Reiten und der Turniersport geben mir so viel und lassen mich immer wieder neue Kraft tanken.“ Da versteht man die Reiterin, weil sie eine Zwangspause machen musste. Gleichwohl hat sie auch während dieser Pause ihre Pferde nicht aus den Augen gelassen. „Wissen Sie“, sagte sie dem PRESSEDIENST, „jedes Pferd ist anders, jedes Pferd lehrt mich etwas und trotz ihrer Größe sind sie sensibel, einfühlsam und sehr intelligent.“ Mit einer solchen Einstellung macht es Freude, bei Turnieren Erfolg zu haben. Ein besonderer Erfolg ist dabei die Verleihung des Goldenen Reitabzeichens, das einer Art Ritterschlag im Reitsport gleichkommt. Gefeiert wird dann in Essingen zusammen mit Reiterfreunden und der Familie.
Martin Stellberger