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Der Pferdereport Baden-Württemberg – ein lesenswerter Beitrag PD 12/2018
Der Pferdereport Baden-Württemberg – ein lesenswerter Beitrag

Nürtingen/Geislingen/Schwäbisch Gmünd.
Will sich ein Pferdefreund über die aktuelle Situation des Pferdes als Kulturgut und Sportpartner in Baden-Württemberg informieren, geht kein Weg vorbei am kürzlich erschienenen „Pferdereport Baden-Württemberg 2018“. Die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen und die Schwäbisch Gmünder Landes-anstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume gaben das Heft gemeinsam heraus. Es ist nach 2014 der zweite erfolgreiche Versuch, einen guten Überblick zu geben, wie es um die Pferdehaltung im Lande steht. Interesse weckte der Report 2014 allein schon deswegen, weil er deutschlandweit und europaweit zum ersten Male für eine Region bzw. ein Bundesland erstellt wurde. Für die Ausgabe 2014 haben 38 Betriebe ihre Daten für die Auswertung zur Verfügung gestellt mit Schwerpunkt Pensionspferdehaltung. Für 2018 unterstützten 47 Betriebe die Erhebung.

Auch wenn die Zahl der Betriebe überschaubar scheint, steckt dahinter doch eine Fleißarbeit, die viele Details aufgreift und zahlreiche Erkenntnisse liefert. Einbezogen in die Untersuchung ist eine Bachelorthesis im Studiengang Pferdewirtschaft. Corinna Toso aus Wertingen untersuchte dafür zwölf Reitschulbetriebe. Einige wesentliche Punkte des Reports sollen hier beispielhaft vorgestellt werden.

Pensionspferdehaltung wurde tragender Betriebszweig
Ob es eine neue Erkenntnis ist? Das sei dahingestellt. Bestätigt jedenfalls wird, dass sich die Haltung von Pensionspferden in den letzten 50 Jahren für die Landwirtschaft zu einem tragenden Betriebszweig entwickeln konnte. Raus also aus der Hobbynische und Ausbau eines Betriebszweiges könnte man sagen. Das hat sich dann für Baden-Württemberg so entwickelt, dass nach einer langen Anlaufzeit in den letzten 20 Jahren „eher ein Überangebot an Pferdepensionen“ entstand. Folglich sanken die „kostendeckenden Stallmieten“, weil sie sich nicht überall durchsetzen ließen. Auf der anderen Seite „geht das Angebot an privaten Reitschulen immer mehr zurück und reiterliche Ausbildung kann oft nur noch durch Reitvereine wahrgenommen werden.“ Auch die Pferdezucht blieb offenbar nicht verschont von einem gewissen Rückgang. Sie habe aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit immer mehr an Bedeutung verloren und stellt für viele Züchter nur noch ein zum Teil teures Hobby dar.“ Der Report bemerkt kritisch, dass es im Rahmen des aktuellen Reports nicht gelang, den Betriebszweig Pferdezucht zu untersuchen, weil „die Resonanz bei den Betrieben gleich Null“ war.

Detaillierte Erkenntnisse in Tabellen und Grafiken
Der Report stützt sich auf einen roten Faden aus detaillierten Tabellen und Grafiken, die in vielen Bereichen gute Erkenntnisse liefern. Die Auswertung ergab zum Beispiel Folgendes: Die räum-liche Verteilung der 47 Betriebe spiegelt die Bedeutung der gesamten Pferdehaltung im Land bezogen auf die „Raumkategorien des Landesentwicklungsplanes 2002“. D.h., 26 Betriebe (55 %) liegen in Verdichtungsräumen, 9 Betriebe (20 %) in Randzonen um den Verdichtungsraum, 11 Betriebe (23 %) im Ländlichen Raum im engeren Sinne und 1 Betrieb im Verdichtungsraum im Ländlichen Raum. Die meisten Betriebe der Untersuchung kommen aus den Landkreisen Böblingen, Rems-Murr-Kreis, Esslingen und Ludwigsburg.

Pferdesport ist weiblich
Auch diese Erkenntnis ist nicht neu: Der Pferdesport ist laut FN-Mitgliederstatistik weiblich domi-niert, weil rund 70 Prozent der Mitglieder Mädchen und Frauen sind. Der Pferdereport Baden-Württemberg stützt dies so: „Wie bei der Kundschaft der Betriebe stellt auch in der Leitung der Betriebe das weibliche Geschlecht heute einen erheblichen Anteil: 28 Prozent der Betriebe werden von einer Frau geleitet.“ Das Durchschnittsalter der Betriebsleiter insgesamt liegt bei knapp 48 Jahren, Tendenz ansteigend. Nebeneffekt der Erkenntnisse ist die Tatsache, dass teilweise die Hofnachfolge noch nicht geklärt ist.

Betriebsflächen wurden erweitert, Pensionspferdehaltung stützt Erträge
Der Pferdereport 2018 stellt eine Entwicklung heraus, die auch im Vergleich zur ersten Ausgabe interessant ist: Die Betriebe haben ihre Flächen „durchschnittlich um sechs Hektar auf 84 Hektar aufgestockt, wobei jedoch die Ackerfläche um drei Hektar auf 39 Hektar zurückging. Zugleich erhöhte sich die Zahl der Pensionspferde von 44 auf 47 Tiere.“ Das wirkte sich auf die Gewinn-lage aus: „Eine deutliche Verbesserung (im Vergleich zu 2014; Anm. d. Red.) ergibt sich für den bereinigten Gewinn, nämlich von knapp 44.000 Euro auf 51.000 Euro. Der durchschnittliche Gewinn aller 38 Betriebe aus dem ersten Pferdereport lag nur bei 35.000 Euro, d.h., überwiegend die schlechteren Betriebe haben beim zweiten Report nicht mehr teilgenommen. Insgesamt konnten 16 der 23 Betriebe ihren Gewinn steigern und nur sieben verzeichneten einen Gewinn-rückgang.“ Beigetragen zur Erhöhung des Ertrages hat die Pensionspferdehaltung. Die durch-schnittlich je Monat erzielten Brutto-Stallmieten bewegen sich zwischen 224 Euro und 357 Euro. Nur wenige Betriebe überschreiten die für einen „Fullservice“ in der Regel erforderliche Schwelle von 400 Euro.

12 Reitschulbetriebe im Blick
Die Arbeit hierzu listet zunächst einen Überblick auf: „Der Pferdesport hat in Deutschland eine große Bedeutung. Ca. 4 Mio. Menschen reiten, mehr als ein Viertel davon betreiben diese Sportart intensiv. Neben den aktiven Reitern zeigen knapp 14 Mio. Personen grundsätzliches Interesse am Pferdesport. Mit fast 700.000 Mitgliedern befindet sich die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) an achter Stelle innerhalb des Deutschen Olympischen Sportbundes. Über 10.000 Unternehmen machen Umsätze mittelbar oder unmittelbar durch Pferdesport und Pferdehaltung, insgesamt wird hier ein Betrag von ca. 6,7 Mrd. Euro erwirtschaftet. 39 Prozent der Umsätze können direkt der Haltung von Pferden zugeordnet werden, während über 4 Mrd. Euro auf Einzel-handel und Dienstleistungen rund ums Pferd entfallen. Diese Zahlen stützen sich auf Angaben der FN aus dem Jahr 2017.

Mischbetriebe
Die Arbeit zeigt auf, dass die Reitschulen mehrere Standbeine haben können. Neben der Pensionspferdehaltung wird noch Landwirtschaft betrieben, Beritt wird angeboten und manche Betriebe züchten auch selbst. Auch die Ausstattung der Reitschulen ist interessant: elf Betriebe haben eine Reithalle, ein Betrieb hat zwei. Acht weisen einen Reitplatz aus, ein Betrieb hat zwei Außenplätze. Vier Betriebe haben einen Springplatz, drei eine Longierhalle und ein Betrieb verfügt noch über eine Führanlage. Die meisten Betriebe bestehen seit 10 und mehr Jahren. Die Einsatzzeit der Schulpferde streut indes sehr: Ein Betrieb setzt seine Schulpferde maximal fünf Jahre ein, vier Reitschulen bis zu zehn Jahre. Bei fünf Reitschulen erstreckt sich die Nutzungszeit auf über 10 bis 15 Jahre. Für Reitschulen, die die eigene Nachzucht in der Reitschule einsetzen, kann die Einsatzzeit sogar 15 bis 20 Jahre betragen.

Konkurrenz belebt nicht immer das Geschäft
„Die Pensionspferdebetriebe müssen sich gegen andere Betriebe durchsetzen… Um Kunden zu halten, neue zu finden und deren Ansprüchen entgegenzukommen, sind neben dem Preis auch die Ausstattung der Betriebe und zusätzliche Serviceleistungen entscheidend.“ Reitschulen müssten sich, so der Report, gegen alternative Freizeitangebote behaupten und trotz Schwierigkeiten wie z. B. den längeren Unterrichtszeiten von Kindern und Jugendlichen durch das G8 und zunehmende Ganztagsschulen immer noch attraktiv bleiben.

Fazit der Rezension
Als Fazit der Lektüre kann man sagen, dass das Brot der Betreiber von Pensionsställen und Reit-schulen hart verdient ist. Die Konkurrenz ist da und der gesellschaftliche Wandel ist spürbar: Die Ansprüche steigen, die Preise sollten das auffangen können, aber das ist nicht leicht durch-zusetzen. Dazu kommen natürlich Belastungen aus Pacht- und/oder Zinsen und Löhne, die erwirtschaftet werden müssen. Kurzum, der Bleistift für die Rechnung Gewinn/Verlust ist spitz. Gleichwohl legt der Pferdereport Baden-Württemberg den „Finger in die Wunden“, beschreibt eingehend die Details und beschönigt nichts.

Kontakt: Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume, Schwäbisch Gmünd, Oberbettringer Straße 162, Telefon 07171 917-100, poststelle@lel.bwl.de, www.lel-bw.de


Link: www.lel-bw.de