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Karin Heß-Müller: Meine Arbeit mit Pferden erfüllt mich PD 11/2018
Karin Heß-Müller: Meine Arbeit mit Pferden erfüllt mich

Schwäbisch Gmünd.
Wenn Karin Heß-Müller über ihre Pferde und ihre Arbeit mit ihnen spricht, spürt man sofort: Hier spricht nicht die Profireiterin, die Profiausbilderin. Hier spricht eine Frau, die ihre Berufung, ihre Leidenschaft lebt. „Ich bin immer neugierig, ob und wie ich eine Aufgabe oder ein Problem lösen kann, die sich mir mit den Pferden stellen, mit denen ich arbeite.“ Dabei sei sie, so erzählt die Ausbilderin und Reitlehrerin aus Schwäbisch Gmünd, immer ehrgeizig und gespannt darauf, welche Lösung sie finde. Und weiter: „Bei allem Ehrgeiz versuche ich doch, selbstkritisch zu bleiben, ob ich auch wirklich den richtigen Lösungsansatz gefunden habe.“ Vermutlich liegt darin das Geheimnis für ihre erfolgreiche Arbeit mit den Pferden. Nie zu schnell zufrieden sein, nicht vorschnell eine Aufgabe abschließen, lieber darauf achten, dass die Arbeit nachhaltig ist. „Dabei lerne ich immer wieder dazu“, sagt Karin Heß-Müller und verweist auf prägende Begegnungen mit dem Spanier Manolo Rodriguez aus Arcos de la Frontera. „Bei ihm durfte ich lernen, wie man „Pferde an der Hand“ ausbildet. Ich lerne tagtäglich und immer weiter!“ Allerdings muss sie sich auch immer wieder selbst zurücknehmen, denn „mein Hang zum Perfektionismus steht mir manchmal im Wege.“ Deshalb orientiert sie sich immer an ihrem Mentor Rodriguez, den sie zufällig 1999 bei einem Aufenthalt in Andalusien kennenlernte und mit dem sie bis heute eine schöne Freundschaft pflegt. „Seine Leichtigkeit bei der Demonstration seiner Arbeit mit Pferden hat mich vollkommen ergriffen. Die Art und Weise, verschiedenen Pferden die schweren Lektionen wie Piaffe, Passage und Einerwechsel beizubringen, verblüffte uns damals komplett und machte mich zu einem großen Fan. Das Ergebnis war für mich eindeutig: Mir wurde sofort bewusst, dass ich diesen Weg auch unbedingt gehen und die Fähigkeiten erlenen wollte.“

Wie stark diese erste Begegnung mit dem Spanier wirkte, beschreibt Karin Heß-Müller so: „Ich habe mich in Manolo nicht getäuscht und schaue heute stolz auf 18 Jahre zurück, die mir eine sehr abwechslungsreiche und lehrreiche Zusammenarbeit mit Manolo bescherten.“ Karin Heß-Müller lernte, Pferde an der Hand zu arbeiten, um ihnen die Bewegungsabläufe der Piaffe und Passage zu vermitteln. Sie genießt es geradezu, dass Pferde mit dieser „begleitenden Arbeit an der Hand, gepaart mit viel Verständnis und ganz ohne große Missverständnisse und fast wie selbstverständ-lich Piaffe und Passage erlernen können.“ Selbst Pferde, denen die Fähigkeiten für schwere Lektionen abgesprochen wurden, schaffen mit dieser Methode doch noch, den Weg in den Grand Prix zu finden, sagt die Trainerin überzeugt. Ihre Kenntnisse und Fähigkeiten haben im Laufe der Jahre auch dazu beigetragen, dass sie deutschlandweit „gebucht“ wird, Pferden und Reitern auf ihrem sportlichen Werdegang zu helfen. Sie sagt dazu: „Inzwischen habe ich mich dieser Arbeit voll und ganz gewidmet und darf deutschlandweit bei der Ausbildung vieler Grand-Prix-Pferde mitwirken. Ganz besonders schön ist es, Pferde zu begleiten von den ersten Tritten bis zum Turniereinsatz.“

Aber Karin Heß-Müller war natürlich nicht immer auf diese Arbeit spezialisiert. Ihr reiterlicher Werdegang ist ebenfalls interessant: Elf Jahre alt war sie, als sie mit dem Reiten richtig begann. Das heißt: „In unserem Dorf gab es einen Stall mit fünf Pferden. Dort war ich oft und als ich das erste Mal auf einem Pferd saß, hat mich das Reitfieber gepackt!“ Die Eltern kauften ihr schließlich ein Pony und später ein Reitpferd. Allerdings hieß Reiten für sie damals Freizeitreiten. Nach der Schule begann sie „folgerichtig“ eine Bereiterlehre bei Rudolf Casper in Idar Oberstein und setzte diese von 1979-1981 im Reitinstitut Egon von Neindorf in Karlsruhe fort. In jener Zeit durfte sie auch Turniere reiten und kam so zunächst in die Vielseitigkeit, die damals noch Military hieß. Es folgten Jahre der Weiterentwicklung, in denen sie zum Beispiel auch Landestrainerin der Ponyreiter in der Sparte Vielseitigkeit war, bis 1999.

Auch in der Vielseitigkeit machte Karin Heß-Müller durch Trainingsfleiß und Konsequenz eine gute Figur. Die bekannten Trainer aus Warendorf, Horst Karsten und Martin Plewa, waren daran wesentlich beteiligt. „Mein größter sportlicher Erfolg in dieser Disziplin gelang mir mit Cabrio 1988 in Achselschwang. Damals ritt ich in Klasse S. Erwähnenswert dabei ist, dass dieser Wettbewerb noch ein letzter Test war für die Olympiateilnehmer von Seoul. „Damals schon hatte ich ein gutes Gefühl für die Geschwindigkeit meiner Pferde und konnte auch gut taxieren. Aller-dings übertrieb ich nie, um sicher ins Ziel zu kommen.“ Vielseitigkeit heißt für sie auch, z.B. in der Dressur zu überzeugen. So hatte sie mit ihrem Vielseitigkeitspferd Quantas, als Baden-Württemberger Champion qualifiziert und platziert beim Bundeschampionat Vielseitigkeit in Warendorf, auch in der Dressur Klasse S überzeugt. Gleiches gelang ihr mit dem Vielseitig-keitspferd FBW Hidalgo. Mit ihm gewann sie S-Dressuren und konnte sich sogar im Grand Prix platzieren. FBW Hidalgo ging später unter seiner neuen Besitzerin Gema Martin in Spanien erfolgreich im Grand Prix bis zum Alter von 17 Jahren. Solche Werdegänge zu verfolgen, bestätigt die gute Arbeit der engagierten Pferdewirtschaftsmeisterin.

In Schwäbisch Gmünd führt sie mit ihrer Familie das „Reitsportzentrum in der Krähe“, wo sie sich spezialisiert hat auf die „Arbeit mit Pferden an der Hand, um sie für die Piaffe und Passage zu fördern.“ Karin Heß-Müllers Familie ist natürlich vom Reitsport durchdrungen. Aus Züchter- und Ausbildersicht junger Pferde bis zum Bundeschampionat in Warendorf ist da zum Beispiel FBW Santanas Boy zu erwähnen, der später unter Johanna Zantop aus Weilheim in der Vielseitigkeit bei Europameisterschaften drei Goldmedaillen gewonnen hatte: Einzel- und Mannschaftsgold 2015 in Billy Bor in Polen und 2016 mit der Mannschaft im italienischen Montelibretti. „Zu unseren Erfolgspferden gehört auch Gringosch, der nach erfolgreicher Teilnahme am Bundes-championat an die Amerikanerin Debora Rosen verkauft wurde. Mit ihr wurde er eines der erfolgreichsten Vielseitigkeitspferde der USA.“

Auch ihr Mann, Bernd Müller, war neben seinem Beruf als Drogist als begeisterter Springreiter erfolgreich bis Klasse S und zeigte sein Können 1986 auch im Stuttgarter Hallenchampionat und der Baden-Württemberger Tour. So blieb es nicht aus, dass die Kinder der beiden ebenfalls im Sattel aufwuchsen. Marian Müller trat in die Fußstapfen der Mutter und wurde 2018 Pferdewirtschaftsmeister und arbeitet heute auf dem Hofgut Albführen in Dettighofen. 2018 erhielt er das Goldene Reitabzeichen (der PRESSEDIENST berichtete darüber in seiner Ausgabe 7/2018). Karin Heß-Müller freut sich, dass auch Tochter Johanna als ausgebildete Bereiterin „Hand in Hand im elterlichen Betrieb“ mitarbeitet bei der Ausbildung der Pferde und der Betreuung der Kunden. Hier, zu Hause, hat Karin Heß-Müller auch ihre Erfahrungen in einem Buch zusam-mengefasst unter dem Titel „Pferde arbeiten an der Hand“, erschienen im Kosmos Verlag. Mit Pferdia TV hat sie einen Film gedreht unter dem Titel „Ausbildung an der Hand“ (https://www.youtube.com/watch?v=AfxVpRrq6sc) und veröffentlichte Beiträge im Magazin Reiterjournal der Matthaes Medien GmbH Stuttgart z.B. in der bekannten Reihe „Richtig Reiten“: Richtig Reiten - Grundlagen der Handarbeit Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=-vgFo87X1VE Richtig Reiten – Handarbeit unter dem Reiter Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=eRtXQioguWA sowie im Magazin St. Georg.

Obwohl Karin Heß-Müller schon einige Jahrzehnte im Pferdesport aktiv ist, hat sich ihre Freude daran noch nicht geschmälert. Vielmehr blickt sie positiv in die Zukunft und sagt: „Ich möchte weiterhin meine Pferde und Schüler bei ihren Erfolgen unterstützen. Ich will mein Wissen und meine Erfahrung weiterhin im Reitsport verbreiten dürfen und selbst immer weiter dabei lernen. Auch möchte ich so gesund bleiben, dass ich noch viele Jahre mit dem herrlichen Geschöpf Pferd arbeiten kann.“ Nach all den Jahren engagierter Reiterei und Arbeit in der Ausbildung zieht Karin Heß-Müller auch dieses Fazit: „Ich kann sagen: Mein Beruf macht mir heute immer noch sehr viel Freude gerade wegen seiner Vielfalt in all den Phasen der Ausbildung.“ Und so rechnete Karin Heß-Müller einmal nach, ob ihre sportlichen Erfolge aus der Vielseitigkeit und der Dressurreiterei für das Goldene Reitabzeichen reichen. Siehe da, die Liste ist komplett! Es kommt recht selten vor, dass Pferdesportler disziplinübergreifend das Goldene Reitabzeichen erlangen. Karin Heß-Müller gelingt dies mit einer ganzen Reihe von Erfolgen aus Dressur und Vielseitigkeit. Genauer, sie kann für das „Goldene“ drei vordere Platzierungen in der Vielseitigkeit nachweisen mit Cabrio aus den Jahren 1988 und 1991 in Altensteig (2x) und Schwäbisch Gmünd. Dazu kommen zwei Siege in der Dressur Klasse S* in Schorndorf und Offenburg aus den Jahren 1997 und 2013 mit den Pferden Et Moi und Quantas. Zuletzt gelang ihr ein dritter Platz in der Dressur Klasse S*** 2018 in Königsbrunn mit dem Pferd Rom.

Die Verleihung des Goldenen Reitabzeichens muss natürlich ein wenig gefeiert werden und die zu Ehrenden dürfen sich Ort und Turnier für diesen Anlass aussuchen. Karin Heß-Müller hat darum gebeten, die Auszeichnung im baden-württembergischen Reiter- und Pferdemekka Marbach zu erhalten. Das ist für die so vielseitige und geachtete Reiterin, Züchterin und Ausbilderin der richtige Ort! Dort findet nämlich vom Freitag, 2. November bis Sonntag 4. November2018, das Marbacher Wochenende des Pferdezuchtverbandes Baden-Württemberg (s. auch Seite26) statt mit großer Präsentation für die Auktion. Sportlich geht es zudem um den Konle-Cup und dem Gert-Gussmann-Cup 2018. Das alles bietet einen würdigen Rahmen für die feierliche Ehrung von Karin Heß-Müller, die dann im Kreise ihrer Familie mit Freunden und Weggefährten sowie Züchterkollegen das Ereignis genießen kann. Herzlichen Glückwunsch!
Martin Stellberger