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Der Wolf – noch nicht wirklich da, macht er schon richtig Probleme PD 4/2018
Der Wolf – noch nicht wirklich da, macht er schon richtig Probleme

Stuttgart.
Der böse Wolf und der gute Wolf, der reißende Wolf und der schützenswerte Wolf – je nach Standpunkt trägt der Wolf im Wolfserwartungsland Baden-Württemberg zur Spaltung der Bürger bei, obwohl das große Raubtier erst mit ein paar Spähern im Lande aufgefallen ist. Das Problem Wolf beschäftigt viele Leute auf unterschiedliche Weise. Die Differenzen, die Stand-punkte und Ansichten könnten nicht unterschiedlicher sein: „Wolf – wozu brauchen wir den? Ich brauche ihn nicht! Er muss bejagt werden!“ „Der Wolf wurde vor 150 Jahren ausgerottet – er hat ein Anrecht darauf, hier bei uns wieder heimisch zu werden.“ Der Wolfs-Konflikt, der sich unschwer zu einem heftigen Streit auswachsen wird zwischen Wolfsfreunden, oft als Wolfsroman-tiker bezeichnet, und Wolfsgegnern, oft als Wolfsfeinde verschrien, baut sich allmählich auf und sorgt bis in die politischen Ebenen der Landesregierung für Ärger und z.T. für völlig unterschiedliche Herangehensweisen bei den „zuständigen“ Ministerien.

Abgesehen davon veranstaltete Minister Peter Hauk, Chef des Ministeriums Ländlicher Raum und Verbraucherschutz, am 19. März 2018 in den Räumen des Innenministeriums in Stuttgart eine öffentlich ausgeschriebene Tagung mit der Frage: „Weidewirtschaft und Wolf in Baden-Württemberg – ein lösbarer Konflikt?“ Die Tagung war sehr gut besucht, was belegt, dass sich viele Menschen Gedanken über das Thema Wolf machen.

Grundsätzlich sei angemerkt: Die Referenten, die ausgewählt wurden, waren allesamt sorgfältig und breitgefächert ausgewählt. Es gab die rein wissenschaftliche Herangehensweise ebenso wie die eindeutige Stellungnahme, dass der Wolf weder wirklich gefährlich noch bejagenswert sei. Das Publikum ließ sich kaum dem einen oder anderen „Lager“ zuordnen, weil nur einige wenige Stimmen bei den beiden kurzen Aussprachen erkennbar ihre Sorgen vortrugen. Beim meist spärlichen Applaus ließ sich ebenfalls kaum erkennen, wer zu welchem „Lager“ gehörte. So richtig wagte sich keiner der Besucher aus der „Deckung“, um sich als „kompromissloser Wolfsfreund“ oder „entschiedener Wolfsgegner“ zu outen. Während der Mittagspause allerdings gab es viele Gesprächsmöglichkeiten und dann auch klare Ansagen in beide Richtungen. Aber eben nicht coram publico.

Minister Peter Hauk machte deutlich, dass er die Tagung nicht als „Anti-Wolf-Veranstaltung“ betrachtete, was man ihm bei der Auswahl der Referenten auch zugestehen muss. Ihm machte eher Sorgen, dass die „Artenvielfalt“ zu Problemen führen würde: „Der Wolf frisst leider kein Gras!“ Die zu erwartende Wolfsansiedlung dürfe man nicht mit „Blauaugen“ in unserer Kulturlandschaft betrachten. „Der Wolf muss klar gemanagt werden – auch mit Abschuss. Und dafür seien die Jäger prädestiniert. Der Wolf könne gerade in Baden-Württemberg viele Konflikte hervorrufen. Allerdings könne man im Wolfsmanagement von anderen Ländern, auch Bundesländern, lernen, frühzeitig und vorausschauend, weil der Wolf eben im Lande noch nicht wirklich angekommen ist. Der Wolf werde dann auch Tieren nachstellen, die bequem erreichbar sind und dabei seien eben Schafe und Ziegen besonders gefährdet.

Hauk mache sich Sorgen um die freie Weidelandschaft, wenn Schafe und andere Weidetiere verschwänden. Er betonte: „Wir brauchen die Weidewirtschaft!“ Diese sei hierzulande auch nicht vergleichbar mit den Situationen auf Truppenübungsplätzen oder den Braunkohlegebieten im Osten Deutschlands. Dennoch: „Ich werbe für eine sachbezogene Diskussion!“ Dem Minister schwebt dazu eine Herangehensweise vor, die der von Sachsen ähnelt: Verbriefter Schadensersatz bei Ausbruch von Herden. Ein „Canidenbiss“ müsse als Nachweis ausreichen. Hauk sagte aber auch, Wildtierbeauftragte würden das Wolfsmanagement nicht ersetzen und die Berner Konvention sowie die FFH-Richtlinien müssten auch den Managementproblemen der Länder gerecht werden. Hauk fügte hinzu: Der Managementplan müsse einerseits der Erhaltung des Wolfes dienen, andererseits aber auch der Schadensabwehr. Dazu müsse der Wolf aus der „FFH-Richtlinie Anhang 4 in Anhang 5“ übernommen werden. Das ließe eine Begrenzung des Wolfes stärker zu, denn die Reproduktionsrate des Wolfes liege bei ca. 30 Prozent, was eine spürbare Zunahme bedeute. „Auch wenn der Wolf dem Jagdrecht unterliegt, so unterliegt er weiterhin dem Naturschutzrecht. Das erleichtert aber das Management zwischen allen Interessen“, betonte der Minister.

Dr. Axel Heider vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft wies auf den aktuellen Koalitionsvertrag hin, der Leitlinien formuliere. Unter Ziffer 4083 ff würde hier die Weidetierhaltung angesprochen. Maßnahmen seien in Arbeit. Er legte einige Zahlen vor, die unterstreichen sollten, dass Deutschland bzw. Baden-Württemberg nicht zu den Ländern der glückselig-wolfsfreien Gebiete gehören wird: In Finnland seien z.B. in den „sog. großen Wolfsjahren“ von 1858 bis 1862 rund 2.800 Pferde, 1.090 Stiere, 4.514 Kühe, 5.422 Kälber und 25.974 Schafe gerissen worden. Das führte dazu, dass der Wolf massiv zurückgedrängt wurde. Das wird sich heute und in Deutschland sowieso nicht wiederholen, aber der Schutz vor dem Wolf sei nötig und sei seit Ende des 20. Jahrhunderts international und europaweit ähnlich wie in Sachsen im Jagdrecht verankert. Und das sei EU-konform. In Finnland gäbe es pro Jahr rund 10.000 Schafsrisse, in Deutschland im Jahr 2017 waren es ca. 1000. „Wolfsentnahmen“ habe es inzwischen in anderen Ländern zwischen 20 und 150 gegeben, in Polen seien im Jahr 2014 allein 53 registriert worden. Im Baltikum gäbe es keine Obergrenze für Wölfe sondern Zielkorridore. Hier würden 10 bis 20 Prozent geschossen. Heider umriss auch die Situation in der Schweiz, in Spanien, Schweden, Frankreich und Norwegen. Es gäbe eine sehr kritische Stimmung. Die Gefahr bestünde, dass hier die Weidetierhaltung abnehme. Die EU-Plattform Wolf müsse eingerichtet werden plus Leitlinien für den Managementplan. Der Wolf sei, zusammenfassend gesagt, nicht gefährdet und in Deutschland steige die Population. Die nordosteuropäisch-baltische Population sei hier im Vormarsch. In Deutschland sei die Entnahme von Wölfen noch nicht flächendeckend akzeptiert, sagte Heider mit Blick auf die Naturschutz-organisationen und öffentliche Meinung. Entnahmen sollten in Deutschland nicht tabuisiert werden.

Minister Thomas Schmidt aus Sachsen forderte: „Akzeptanz erreichen und Ängste der Menschen ernstnehmen!“ Der Umgang mit Problemwölfen habe noch keine Routine, Behörden ermitteln vom Landrat bis zum Staatsanwalt. Sachsen sei das erste Land mit einem Wolfsmanagement und sei dabei breit aufgestellt. Über 60 Interessensverbände seien beteiligt. Zugleich sagte er, dass der Wolf ins Jagdrecht gehöre, um die Jäger ins Monitoring einzubeziehen, nicht um die Entnahme zu erleichtern. Das Ziel Sachsens sei auch, Entscheidungen rasch zu treffen, auch in Bezug auf die Entschädigung. Öffentlichkeitsarbeit sei im Monitoring wichtig, auch um Emotionen abzubauen – auf beiden Seiten der Wolfsmedaille. Außerdem seien in jedem Landratsamt geschulte Personen installiert. Sachsen gewähre die Entschädigung schon dann, wenn „nicht ausgeschlossen werden kann, dass es ein Wolf war. Entschädigungen werden auch dann gezahlt, wenn Tiere ausbrechen bei unverschuldeten Fehlern in der Prävention. Der Minister warb für eine bundesweite Regelung statt Flickenteppich der Bundesländer. Die Entnahme soll nicht an den Landesgrenzen stoppen. Thomas Schmid stellte die Frage: Wie können wir den Artenschutz mit den Problemen der Menschen vereinbaren? Artenschutz könne man nur erreichen, wenn man die Menschen mitnimmt.

Professor Dr. Rainer Luick von der Hochschule Rottenburg unterstrich in seinem Beitrag, dass die Baden-Württemberger Landwirtschaft rund 200 Millionen Euro für Zäune aufbringen müsse. Zugleich schilderte er Erfahrungen aus Rumänien und der Ukraine und stellte die Komplexität „Natur und Weidetierhaltung“ heraus. Auch durch den Wolf würden die Landschaft, die Tier-, Pflanzen- und Insektenwelt beeinflusst. Luick forderte, die „Ökologie des Wolfes“ zu beachten. Es sei zudem kontraproduktiv, durch Einzelabschüsse ein Rudel zu stören. Die Probleme der Landwirtschaft lägen zudem nicht zuerst beim Wolf. Vielmehr gäbe es generell eine prekäre Einkommenssituation in der Landwirtschaft, dazu kämen komplizierte Förderrichtlinien, schlechte Beratung und fehlende Kompetenz bei den Verwaltungen. Kosten-Leistungen würden schlecht-gerechnet. Luick schließt mit der Feststellung: „Ohne Risse wird es nicht gehen, wir müssen lernen, uns mit dem Wolf zu arrangieren“ und es gäbe Beispiele für die Koexistenz.

Professor Dr. Martin Elsäßer (LAZBW) sagte, Baden-Württemberg sei kein typisches Weide-land trotz seiner Grünlandgebiete. Seit 150 Jahren gäbe es eine reine Schnittnutzung der Flächen. Die sogenannte Hutweide habe es von 1200 bis 1500 gegeben. Die „Transhumans“ (Hauptnutzung) mit Wiesen und Weiden als ertragsarmes Grünland bestünde aus ca. 45.000 ha. Die Streuobstlandschaft Baden-Württembergs sei bundesweit einmalig. In Oberschwaben sei die Mähweide bedeutend, d. h. Sommerweide für Rinder und den Ökolandbau. Die Sommerweiden für Schafe auf der Alb habe die wichtige Funktion der Offenhaltung der Landschaft. Es gäbe im Lande etwa 80 Prozent Wanderschäferei, der Rest sei stationäre Haltung. In Nordwürttemberg und Nordbaden gäbe es wenig Weidewirtschaft. In Deutschland würden 600.000 Hektar für Pferdeweiden genutzt, in Baden-Württemberg ca. 106.000 bei 15.700 Haltern. Martin Elsäßers Fazit lautete: Ökologische Betriebe brauchen Weidegang, denn Weideprodukte setzen Landschaft ideal in Wert. Schwer bewirtschaftbare Flächen fielen weg, und wenn das Grünland geht, kommt der Wald. Nachhaltige Nutzung des Grünlandes gelinge nur im Zusammenhang mit Weidetier-haltung, also Wiederkäuer und Weide.

Aussprache zu knapp bemessen
Hier erfolgte eine erste „Aussprache“, die zeitlich bei der Fülle der Informationen und Redner sehr begrenzt war. Es wurde aber deutlicher, welche Sorgen die Leute haben: Die Versicherungsfrage sei nicht abschließend geklärt, das sei eine größere Sorge als der Wolf selbst, meinte ein Besucher. Wenn Herden draußen sind, gibt es keinen Schutz vor dem Wolf, wenn die Weide nicht „wolfssicher“ sei, sagte ein anderer. Einen kritischen Blick warf ein Teilnehmer auf die Frage der Zäune: In seinem Fall seien 29 Kilometer Weidezaun nötig. Das wären dann zusätzlich 800 Stunden Arbeit im Jahr allein für die Zäune.

Einige Antworten aus den Reihen der Referenten:
Minister Peter Hauk sagte, die Bejagung von Jungwölfen greife nicht so in die Rudelstruktur ein. Zur Versicherungsfrage meinte er: Die Weideprämie sei die schlechteste Variante der Hilfe, die Vorschriften und das „Schwanzzählen“ seien Hemmnisse. Bei der Flächenverrechnung gehe es um viele Vorortgegebenheiten, die Problematik aber sei nicht extrem falsch dargestellt. Ohne Prävention gäbe es aber keinen Schadensersatz: Elektrozäune seien in Ordnung, aber sie seien ein „Ausbruchsschutz für die Herde, jedoch kein Einbruchsschutz gegen den Wolf“. Er betonte, dass das sächsische Jagdrecht auf den Wolf bezogen richtig sei. Die Jäger sollten sich intensiver am Monitoring beteiligen. Für die Entnahme müsse der jeweilige Jäger zuständig sein. Hauk sähe aber auch die „Bedrohung für Jäger und ihre Familien durch radikale Naturschützer.“ In diesem Zusammenhang wurde auch aus dem Plenum deutlich, dass die Jäger es ablehnten, dass „anonyme Jäger“ zur Jagd auf problematische Wölfe durch „unsere Reviere schleichen“.

Ihre Erfahrungen mit dem Wolf aus dem schweizerischen Calandagebiet, aus dem schon Wölfe abwanderten, berichtete Astrid Summerer. Sie betreibe ihren Herdenschutz seit 2012. Ihre Alm sei so weit abgelegen, dass sich selten Wanderer dorthin verirren. Jedoch der Wolf sei präsent. Das höre sie nachts am Verhalten ihrer Hunde. Seit 2016 betreibt sie ihre Schutzmaßnahmen mit hohem Aufwand an Arbeitszeit. Sie hat für ihre 420 Schafe die Zäune unter Strom. Dazu weiden 7 Esel mit und 7 Herdenschutzhunde sind ständig da. Dazu kommen 3 Hütehunde. An ihre Schutz-hunde mussten sich ihre Schafe erst gewöhnen. Allabendlich müsse sie die Einfriedung in der Nähe der Unterkunft aktivieren und ihre Schafe dort sammeln. Die Details ihres Arbeitsaufwandes sind so umfangreich, dass sie hier nicht vertieft werden können. Dafür habe sie seit 2013 keine Attacken durch Wölfe mehr. Die Ausfälle von bis zu 10 Prozent hätten andere Ursachen. Ihr Resümee: Die ständige Behirtung hat Vorteile. Den Zuhörern nötigte das Engagement der Schweizerin zwar Respekt ab, aber die Frage blieb im Raum, wie lange sie diesen Aufwand in der Abgelegenheit alleine noch stemmen kann.

Nicole Benning hat ihre Schafherde in der niedersächsischen Wümme-Niederung zwischen Bremen und Hamburg. Sie habe drei Wolfsrudel „vor der Haustüre“ und hat ihre Weidetiere größtenteils in Koppelhaltung. Der wirtschaftliche Ertrag käme nur über die Fläche. Sie ist begeistert von ihren Herdenschutzhunden, die man von jungauf erziehen muss. Sogar an Bodenbrüter könnten sie so gewöhnt werden, dass sie nicht drauftreten. Ihre Erfahrung: Die Herdenschutzhunde würden die Schafe wie einen Hund ansehen, wüssten aber, dass Schafe keine Hunde sind. Herdenschutzhunde in der „Pubertät“ machen manchmal Probleme. Grundsätzlich seien sie auch für den Schutz von Rindern und Pferden einsetzbar, man müsse sie nur an „ihre Weidepartner gewöhnen“. Im Harz gäbe es Pferdewirtschaft, aber keinen Wolfsdruck, eher Übergriffe von Pferderippern. Sie empfiehlt, bei der Arbeit mit den Hütehunden die Herden-schutzhunde so lange zu separieren, wie der Hütehund arbeitet. Sie lehnte den Einsatz von „Herdenschutzhunden in touristischen Gebieten ab, denn Spaziergänger mit Hunden hätten da rasch Probleme. Dennoch seien Herdenschutzhunde nicht grundsätzlich gefährlich. Sie übe oft die Begegnung mit Gruppen und Besuchern von kleinen Festen am Rande ihrer Koppeln. Die Hunde seien damit beschäftigt, allein durch ihre Präsenz Besucher von der Herde fern zu halten. Sie sehe auch keine Rassebeschränkung für Herdenschutzhunde. Man müsse zudem nicht die Anschaffung der Hunde fördern sondern deren Unterhalt. Das hielte skrupellose Züchter zurück.

Martin Baumann aus der Schweiz schilderte das Wolfsmanagement seines Heimatlandes. Seine Zahlen von Wolfsrissen sprechen eine eigene Sprache: 1995 seien 50 Tiere gerissen worden. Die aktuellen Risse belaufen sich derzeit pro Jahr auf rund 250 Tiere, davon 94 Schafe. Heute lebten in der Schweiz etwa 17 Wolfsrudel. Von den 14.500 Weidetierhaltern seien 66 im Haupterwerb, 33 im Nebenerwerb tätig mit Schafen, Ziegen und Rindern. In der Schweiz würde „pro Schlag“ gefördert. Ein Schlag zählt 12 Tiere. Auf den Alp-Gebieten gäbe es Herdenschutzhunde, kaum Zäune und Schutzmaßnahmen würden von den Betrieben angepasst. Große Probleme gäbe es, wenn Schäden in den sog. Erhaltungszuchten seltener Rassen von Ziegen und Schafen durch Wölfe entstünden. Das führe zum Verlust im Genpool. Wegen der Gefährdung hätten von 2000 bis 2016 die Bergbetriebe mit Rindern um 72 Prozent abgenommen, die Schafhalter um 66 Prozent und die Ziegenhalter um 75 Prozent. (Das korreliert mit Zahlen aus Deutschland: Bundesweit sank die Zahl der Berufsschäfer in den letzten sieben Jahren um 13 Prozent. Allein auf Niedersachsens Weiden und in den Ställen stehen aktuell etwa 230.000 Lämmer und Schafe. Vor zehn Jahren waren es noch rund 290.000 Tiere.)

In der Schweiz gehe man u.a. gegen den Wolf so vor, dass man die Schadensschwelle mindert durch den Abschuss der Hälfte eines Welpenwurfs. Ein Problem sei auch das Wandern der Wölfe, die unterwegs Tiere rissen. Man muss die Wölfe entnehmen, die lernen, die Herdenschutz-maßnahmen zu umgehen. Der Wolf sei sehr schlau, was das Auffinden der Schwachstellen angeht. Als Fazit sagte der Schweizer: Der Wolf ist ein emotionales Thema. Deshalb muss das Management sachlich sein und man müsse ein gemeinsames Wertesystem schaffen. Der Abschuss von Einzeltieren obliege den Kantonen ebenso wie die Entschädigung.

Aus Slowenien berichtete Rok Cerne, dass vor dem Jahr 2000 die 1-Meter-Zäune mit Strom versehen gefördert worden seien. Die Entschädigungsleistung sei damals bei umgerechnet 0,4 Millionen Euro gelegen. Ab 2000 bis 2014 wurden Stromzäune ab 1,70 m gefördert und die Entschädigungsleistung sei um 100.000 Euro gesunken. Wichtig sei, die Viehalter gut zu beraten. Die Population des Bärs steige ebenfalls kontinuierlich, sagte Cerne. Auch der Bär verursache Schäden an Weidetieren.

Daniel Metter vertrat in Stuttgart die Betriebsberatung durch die AGRIDEA Schweiz und erklärte, dass die Beratung in der Schweiz nicht durch die Verbände erfolge, da dies zu Inter-essenskonflikten führe. Die Beratung würde nicht institutionalisiert. Sie helfe, den Herdenschutz auszubauen und Betroffene zu sensibilisieren. Beratung wirke sich so aus, dass man vorbereitet und bei der Ankunft des Wolfes richtig beraten sei. Dafür sei eine gute Datenbasis nötig, u.a. auch die Erfassung von „Risikozonen Wolf“. Auch er befürwortet die Förderung des Unterhalts von Herdenschutzhunden, nicht deren Anschaffung, um dubiose Züchter abzuwehren. Es brauche für das Wolfsmanagement agrarpolitische Rahmenbedingungen zur Planungssicherheit sowie gesetz-liche Grundlagen für den Ressourceneinsatz. Außerdem bräuchte es dezentrale Beratungsstellen, aktualisiertes Praxiswissen, Glaubwürdigkeit des Fachnetzwerks und ein konfliktorientiertes Management. Dies alles trüge dazu bei, dass die Beratung glaubwürdig sei, nach „Best Practise“ gehandelt würde, Nachhaltigkeit gesichert sei und letztlich auch Wolfsabschüsse gerechtfertigt werden könnten.

Dr. Regina Walther aus Sachsen erklärte, dass wirtschaftliche Veränderungen die Viehalter zum „Koppeln“ zwingen würden. Gerade auch Kleinstschafhaltungen von 3 bis 50 Tieren müssten „koppeln“. Sie begrüßte den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung, weil die „Züchter doch ernstgenommen werden“. Sie betonte aber auch: „Wenn wir keinen Herdenschutz betreiben, können wir die Schäferei aufgeben.“ Sie vertrete das Prinzip Hoffnung, wisse jedoch, dass die Ängste der Öffentlichkeit zunähmen. Dazu komme, Biologen hätten z.T. verschwiegen, dass die Wölfe auch durch die Dörfer streifen würden. Die Diskussionen um den Wolf zeigen zudem, dass selbst die Schäfer gespalten seien. Deshalb sei Transparenz so wichtig. Die Presse helfe nicht wirklich mit Bildern und „Interviews mit Betroffenen“. Regina Walther kommentierte die Verluste des Jahres 2017 so: „Der Wolf kennt sich aus. Er verzeiht keinen Fehler.“ Außerdem seien Herdenschutzhunde nicht überall das geeignete Mittel und Festzäune seien kein Herdenschutz gegen Wölfe. Die Entnahme sei wichtig.

Heiner Schumann aus Niedersachsen berichtete, dass es in seinem Bundesland inzwischen 14 Wolfsrudel gibt. Er monierte, dass viele Zäune ungeeignet sind, weil sie sich als „Präventionsflops“ dort erweisen, wo sie falsch oder nicht umsichtig genug aufgebaut sind. Schumann zeigte dazu Fotos, auf denen neben dem Zaun für den Wolf geschickte Sprunghilfen zu sehen sind. Beste Ergebnisse bringen E-Zäune plus Hunde, sagte Schumann. Die Zäune müssten 12.500 Volt haben, damit spürbare Stromfelder entstünden. Allerdings seien die Kosten sehr hoch, trotz der 50 Prozent-Förderung.

Dr. André Baumann war als Vertreter des Umweltministeriums gekommen. Er betonte unmiss-verständlich: Die Erhaltung von Wolf und Lebensraum sowie der Naturräume in ihrer jeweiligen Besonderheit habe Priorität. Im Übrigen verwies auch er auf die niedrigen Stundenlöhne in der Landwirtschaft, die bei 6,20 Euro lägen, die eine Rolle dabei spielen, ob Betriebe überhaupt überleben. Jedoch: Gehe der Schäfer von der Weide, gehen viele Pflanzen auch, meinte Baumann. Zum Wolf sagte er: „Ich brauche den Wolf auch nicht. Aber wenn er kommt, dann muss man gewappnet sein.“ Die Förderung sei deutlich zu erhöhen und Betriebe dürften nicht unter der Erhaltung leiden. EU-Naturschutzfonds und Koalitionsvertrag der Bundesregierung seien Beratungsgrundlagen. Der Ausgleichsfonds Wolf sehe eine Förderung von bis zu 90 Prozent vor, manchmal gar 100 Prozent. Herdenschutzmaßnahmen in Baden-Württemberg müssten mit den Weidetierhaltern abgestimmt werden. Baumann betonte auch, dass Sicherheit an erster Stelle stehe. Problemwölfe müssten getötet werden – professionell und schnell. Das Naturschutzgesetz lasse schon heute Entnahmen zu. Es gelte, „jetzt Lösungen zu schaffen“, nicht erst, wenn der Wolf da und es zu spät sei. Er zeigte auch auf die Kooperation zwischen Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Der Vertreter des Umweltministeriums wies entschieden darauf hin, dass eine Überführung des Wolfes in das Jagdrecht nicht hilfreich sei. Der Wolf halte sich nicht an Reviergrenzen, geschweige denn an Landesgrenzen. Das Umweltministerium setze auf erfolgreiches Wolfs-Management und auf spezielle Jäger, die zu ihrem eigenen Schutz anonym bleiben müssten.

Kurze Aussprache 2
Die abschließende Kurz-Aussprache zeigte noch etliche offene Fragen. Z.B. wurde diskutiert, ob der Herdenschutzhund in Baden-Württemberg zugelassen sei. Der Herdenschutzhund unterliege dem Gesetz und daraus folglich der Verantwortung der Besitzer, Sachkunde sei nötig und eine Herde muss da sein. Herdenschutzhunde seien per se nicht ungefährlich, da sie ein Schutz- und Revierverhalten zeigten. Kopfschütteln löste die Sorge vor radikalen „Naturschützern“ aus, die zu Übergriffen gegenüber Wolfsskeptikern und –gegnern fähig sind.

Schlusswort des Ministers
Gastgeber Minister Peter Hauk sagte als Schlusswort: „Die EU-Kommission scheint in der Diskussion um den Wolf im Einlenkmodus zu sein.“ Die Schweiz habe ein praktisches System der Entnahme entwickelt. Der Freistaat Sachsen sei mit seiner Entschädigungs- und Schadens-ersatzpraxis deutlich voraus, weil beides im dortigen Gesetz implementiert sei. „Dahin müssen wir in Baden-Württemberg kommen. So etwas brauchen wir in Baden-Württemberg. Voraussetzung bei allen Entwicklungen sind jedoch Transparenz und Information.“

Anmerkung: Auf der Internetseite
https://mlr.baden-wuerttemberg.de/de/unsere-themen/landwirtschaft/weidewirtschaft-und-wolf/ hat das Ministerium für Ländlichen Raum die Beiträge der Referenten der Tagung inzwischen eingestellt.



Kommentar: Der Wolf spaltet die Gesellschaft
Von Martin Stellberger

Der Wolf spaltet die Gesellschaft – heute. Einerseits wird ihm „das Recht der Rückkehr“ zugesprochen, weil man ihn vor 150 Jahren ausgerottet hatte. Andererseits wird er strikt abgelehnt, weil sich die Kulturlandschaft von heute in eben diesen 150 Jahren so entwickelt hat, wie sie ist. Hier passt der Wolf einfach nicht hin. Einerseits wird der Wolf „vermenschlicht“ in seinem angeblichen Recht zur Wiederkehr, die grimmsche Panikmache als solche verteufelt, andererseits aber äußern viele Menschen in Deutschland eine echte Angst vor dem unberechen-baren, weil schlauen Wolf, bzw. vor Wolfsrudeln. Dieses Spannungsfeld ist hochgeladen. Wer gegen den Wolf ist, ihn gar abschießt, muss mit Attacken radikaler „Tierschützer“ rechnen nach dem Motto: „Wir wissen wo dein Auto steht und wo du wohnst.“ Auch das ist schon Realität geworden. Andererseits: Wer uneingeschränkt für den Wolf ist, erntet Unverständnis.

Einerseits vergeht keine Woche ohne Meldungen oder Beiträgen in den Zeitungen Deutschlands über auffällige Wölfe oder handfeste Übergriffe. Die Untersuchungen dazu sind ganz bestimmt detailliert und bringen eindeutige Ergebnisse: Der Wolf ist da und er ist gefährlich und er gefähr-det Existenzen. Andererseits werden die Berichte von interessierter Seite als „Panikmache“ ab-getan, die nur dazu beitrüge, Vorurteile zu festigen. Man könne gut mit dem Wolf leben, heißt es.
Die Spaltung wird tiefer. Der Wolf wird zum Teil vermenschlicht, wenn manche Leute den Begriff „Willkommenskultur“ benutzen, um für die Akzeptanz des Wolfs werben. Damit verbunden ist eine Verharmlosung des Tieres. Das kann nur schiefgehen. Denn wenn Menschen nicht mehr respektieren, dass Wölfe Wildtiere sind, kommt es zu unliebsamen, ungewollten Zwischenfällen. Hinzu kommen Leichtsinn oder gar Dummheit im Verhalten gegenüber dem Wolf. Bisher gab es in Baden-Württemberg sechs Einzeltiere, heißt es. 2016 wurden im Lande bei 300 Übergriffen 1000 Tiere vom Wolf gerissen. Das lässt sich kein Schäfer und Weidetierhalter lange gefallen. Auch die Pferdebesitzer und Stallbetreiber gehören zu denen, die Sorgen haben, dass Wölfe eines Tages ihre Pferde angreifen. Von wegen „wehrhafte Tiere“ oder „kein Beuteschema“. Blanker Unsinn! Das Pony, das Fohlen, der Pferderentner sind sehr wohl gefährdet und nicht wehrhaft. Und Pferdeleute haben auch ein inniges Verhältnis zu ihren Tieren.

Wenn die Schafhaltung zurückgeht, verlieren wir zahlreiche Tier- und Pflanzenarten und damit die Wacholderheiden auf der Schwäbischen Alb, sagen die Kritiker. Ein Wolfs-management sowie Regeln im Umgang mit Wölfen sind also unbedingt nötig – rasch, klar und eindeutig. Zudem muss der Versicherungsschutz so gesetzlich geregelt werden, dass die Weidetierhalter nicht doch noch um Sack und Bändel kommen, wenn ihre Tiere wegen der Wölfe ausbrechen. Auch dieses Szenario sorgt für graue Haare, weil eben diese Versicherung gegen Schäden, die von ausgebrochenen und fliehenden Tieren verursacht werden, nicht geklärt ist. Wobei zu fragen ist, warum sich niemand intensiv mit dem Problem zufrieden-stellend befasst? Wer schon einmal gesehen hat, wie ein Unfall ausgeht, bei dem ein Pferd von einem Auto gerammt und „aufgeladen“ wurde, den graut es vor der Vorstellung, dass gleich mehrere Tiere vor dem Wolf fliehen und auf Straßen und Geleise geraten. Das Erlegen und Töten von Wölfen darf kein Tabuthema mehr sein und in Wohngebieten hat auch ein Einzelwolf nichts verloren. Die Angst der Bürger vor Übergriffen von Wölfen auch gegen Kinder ist vielleicht nur auf den ersten Blick überzogen. Wenn ein Wolf aber bereits am Kindergarten vorbeizieht, wird die Angst der Leute begreifbarer.

Es hilft nicht viel, wenn die Wolfsfreunde sagen „in der Regel passiert nichts“ oder „der Wolf hat eine natürliche Scheu vor dem Menschen“, man müsse sich „nur richtig verhalten und den Wolf nicht anfüttern“. Die Floskel von „in der Regel“ kann ich schon nicht mehr hören. Oft werden in den Medien meist jene „Wolfsexperten“ zitiert oder kommen zu Wort, die schon wegen ihrer Verbindung zu NGO wie NABU und BUND nicht unabhängig sein können in ihrer Bewertung. Da ist die Forderung durchaus gerechtfertigt, dass die Wolfsberatung wie in der Schweiz von einer unabhängigen Institution geleistet werden muss. Auch die Medien sind nicht immer hilfreich mit ihrer Berichterstattung. Gerade zur Tagung in Stuttgart liest man wenig von den Inhalten, in fast jedem Bericht aber wird die Dissonanz zwischen den Häusern Hauk und Untersteller herausgehoben. Das langweilt und bringt die Sache nicht weiter. Die Leser, vor allem die betroffenen Bürger, hätten dagegen lieber mehr sachgerechte, abwägende und natürlich auch gegensätzliche Information und sähen ihre Sorgen in den Medien stärker wahr- und ernster genommen. Die Leute haben ein Problem – und fühlen sich allein gelassen.

Schön, dass im Koalitionsvertrag der Bundesregierung folgender Satz steht: „Im Umgang mit dem Wolf hat die Sicherheit der Menschen oberste Priorität.“ Was daraus gemacht wird, werden wir sehen. Es geht aber nicht, dass Aussagen zum Credo werden wie diese des Chefs des Arbeitskreises Hallesche Auenwälder, der auch die Debatten um den Biber im Kreis Wittenberg kritisch sieht. Er verfolgt mit „großer Sorge und Abscheu“ das verstärkte Streben in der gesamten Bundesrepublik, auf „der Basis fadenscheiniger Begründungen, Wildtiere zu töten“. Die Sorgen der Bürger als „fadenscheinig“ abzutun, lässt eine gute Portion Empathie für die Menschen vermissen (Wie hat man sich über die verbale - später entschuldigte - Ungeschicklichkeit von Minister Hauk kürzlich in Sachen Pflanzenschutz erregt?!). Anders gesagt, viele selbsternannte Naturschützer erheben sich über berechtigte Sorgen der Bürger. Sie werden sich Fragen gefallen lassen müssen, wenn es tatsächlich einmal zu einem Wolfsangriff auf ein Kind kommen sollte. Dann ist nicht mehr der Biber am Baum sondern die Axt in Gestalt aufgebrachter Bürger, die Rechenschaft verlangen von den Verantwortlichen – und den Verharmlosern ihrer Sorgen.

Baden-Württemberg ist Wolfserwartungsland. Das steht fest. Es ist gut, dass man sich frühzeitig Gedanken macht, wie reagiert werden kann und soll – immer aber mit Maß und Ziel. Zäune sind nicht das Mittel erster Wahl. Oder kann man etwa die Wacholderheiden der Alb einzäunen für die Beweidung? An der Küste gibt es etwa 50.000 ha Weideland, rechnete ein Schäfer vor. Die Einzäunung würde rund 280 Millionen Euro kosten. Ist das überhaupt noch erwägenswert? Da bliebe nicht nur der Wolf weg – auch die Urlauber und Touristen blieben fern. Dennoch: Baden-Württemberg ist auf einem guten Weg – auch wenn sich die Minister nicht gleich einig sind. Sie alleine werden das Problem sowieso nicht meistern, Animositäten hin oder her. Sie müssen die Bürger mitnehmen, die Jäger mitnehmen, die Angstvollen mitnehmen und auch die Besserwisser ebenso wie die Naturschützer, denen man ja nicht abspricht, Kenntnisse der Zusammenhänge zu haben. Alles unter einen Hut zu bringen, ist politische Kunst – und Kunst kommt bekanntlich von Können.