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Vielseitigkeit: „Wir müssen Rotationsstürze vermeiden“ PD 2/2018
Vielseitigkeit: „Wir müssen Rotationsstürze vermeiden“
Interview mit Parcoursbauer Karl-Heinz Nothofer zur Sicherheit in der Vielseitigkeit

Warendorf (fn-press).
Karl Heinz Nothofer aus Kamp-Lintfort baut seit mehr als 25 Jahren Geländestrecken für die Vielseitigkeit und ist unter anderem Parcourschef am Bundesleistungs-zentrum in Warendorf. Dort testet er immer wieder neue Systeme, mit denen feste Hindernisse sicherer gestaltet werden können. Im Interview berichtet er von seinen Wünschen für die Sicherheit in der Vielseitigkeit und von einem Sicherheits-Workshop in Schweden.

Das Thema Sicherheit hat gerade für die Disziplin Vielseitigkeit einen immer höheren Stellenwert bekommen. Was hat sich aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren in diesem Punkt getan?
Karl-Heinz Nothofer: Wir wollen unseren Sport erhalten und müssen ihn weiterentwickeln. Vor allem Stürze, bei denen sich Pferd und Reiter überschlagen, müssen verhindert werden. Die Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport zum Beispiel hat ein großes Projekt unter dem Titel „Mit Sicherheit besser reiten“ aufgezogen, das unter anderem den Bau von und die Forschung an deformierbaren Hindernissen unterstützt. Insbesondere seit dem tödlichen Unfall von Benjamin Winter 2014 ist viel passiert, um die Sicherheit für Pferd und Reiter zu verbessern. Es wird immer weiter an Hindernissen gearbeitet, die einklappen sollen, wenn das Pferd sie aus einem bestimm-ten Winkel und mit einer bestimmten Kraft berührt. Auch ich persönlich habe mir natürlich große Gedanken gemacht. Inzwischen bekannt und akzeptiert sind zum Beispiel die MIM-Systeme aus Schweden, die es ermöglichen, Hindernisse so zu bauen, dass sie in sich zusammenfallen. Auf dem Geländeplatz des Deutschen Olympiade Komitees (DOKR) gibt es zum Beispiel einen ganzen Pool an verschiedenen innovativen Hindernissen, an denen wir als Parcoursbauer viel ausprobieren können, um Erfahrungswerte zu sammeln und uns stetig zu verbessern.

Wie hat sich aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren der Aufbau der Geländestrecken verändert?
Nothofer: Die Sicherheit von Pferd und Reiter hat oberste Priorität. Mein Anspruch ist, dass ich Parcours entwerfe, in denen die Pferde die Chance haben, einen guten Job zu machen und Situationen sicher zu meistern –auch wenn ihre Reiter Fehler machen. Ich baue beispielsweise vor einer sehr schweren Aufgabe oft einen Vorbereitungssprung ein, damit Pferd und Reiter aus einem geringeren Tempo oder auf einer gebogenen Linie an die schwere Aufgabe heran kommen. Es geht darum, einen angemessen anspruchsvollen Parcours aufzubauen –mit verschiedenen Klippen und einer konditionellen Herausforderung. Vorbeiläufer dürfen passieren, das ist unser Sport, und wenn ein Reiter in der Kurve runterpurzelt, liegt das nicht in der Hand des Parcourschefs. Aber Rotationsstürze müssen wir verhindern. Ich baue seit zirka zwei Jahren in meine Geländestrecken soweit möglich, Hindernisse ein, die bei einem Aufprall zusammenklappen. Natürlich soll ein Geländeparcours nicht irgendwann aussehen wie ein normaler Springparcours im Wald sondern muss unbedingt mit festen Hindernissen aufgebaut sein.

Sie haben die MIM-Systeme angesprochen, die in Schweden entwickelt wurden. Sie waren gerade beim Erfinder, um mit ihm über Verbesserungen zu diskutieren. Was ist dabei herausgekommen?
Nothofer: Ich bin mit einigen internationalen Parcourschefs zum Entwickler Mats Björnetun nach Schweden gereist. Neben mir war unter anderem James Willis vor Ort, der den Parcours für Badminton baut, eine der schwierigsten Geländestrecken der Welt, das ist ein gutes Zeichen. Wir waren bei Björnetun in Schweden, um zu überlegen, wie die Systeme noch weiter ausgearbeitet werden können und wie weltweit noch mehr Turnierveranstalter davon erfahren.

Was gilt es zukünftig zu verbessern?
Nothofer: Wir können mittlerweile Steilsprünge und offene Oxer bauen, die Dank der MIM-Clips in einer Gefahrensituation zusammenklappen. Leider gilt das noch nicht für alle Hindernistypen. Eine große Schwierigkeit sind bisher noch Tische und Kisten, also Hindernisse mit einer Tiefe bis zu 1,80 Meter, da gibt es Entwicklungspotenzial. Außerdem sollten Veranstalter, überall da wo es möglich ist, die MIM-Systeme nutzen. Für mich fängt das auf A-Niveau an, denn da werden statistisch die ersten Rotationsstürze erfasst. Auch ich baue die MIM-Systeme ab dieser Klasse ein. In Schweden beispielsweise sind diese Sicherheitselemente ab der Klasse A Pflicht und ich halte das für sinnvoll. Die Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport stattet deutschlandweit Turnier-veranstalter ab A-Niveau mit MIM-Systemen für ihre Veranstaltungen aus. Das ist eine gute Initiative, die aus meiner Sicht noch mehr Turnierveranstalter in Anspruch nehmen sollten. Ich selbst habe einige Situationen erlebt, in denen die Systeme ausgelöst und einen Rotationssturz verhindert haben.

Hindernisse, die beim Aufprall zusammenklappen, sind ein Aspekt für mehr Sicherheit im Vielseitigkeitssport. Was sollte außerdem dafür getan werden?
Nothofer: Für mich steht die Ausbildung von Pferd und Reiter an allererster Stelle. Je besser Ausbildung und Vorbereitung, desto geringer das Risiko. Deshalb ist es besonders wichtig, dass die Reiter dabei beraten werden, in den für sie angemessenen Prüfungen zu starten. Wir sind in Deutschland auf einem sehr guten Weg, dürfen aber nicht aufhören, uns zu verbessern. Lau


Definition:

Deformierbare Sicherheitshindernisse: MIM-System
Das von dem Schweden Mats Björnetun entwickelte System funktioniert nach dem Prinzip eines aufklappbaren Scharniers, das durch einen Spezialclip zusammengehalten wird. Kommt der Druck aus dem unfallträchtigen Winkel und mit einer Kraft von zirka 300 Kilogramm, bricht die Sollbruchstelle am Metallteil und das Hindernis klappt zusammen. Für bestimmte Hindernistypen ist das MIM-System bereits bei der FEI-zertifiziert. Vorteil: Der Rückbau eines Hindernisses dauert nur Sekunden, außerdem enthält der Clip einen Indikator, der das Auslösen des Systems anzeigt.

Projekt „Mit SICHERHEIT besser reiten“ der Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport
Bis zum Frühjahr 2017 hat die Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport 430 MIM-Systeme an 109 Veranstaltungsorte verschickt. Bei nationalen Turnieren sind die Pferdestürze seit 2013 um 35 Prozent zurückgegangen. Turnierveranstalter können sich auch 2018 dafür bewerben, von der Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport mit MIM-Systemen ausgestattet zu werden.

Weitere Informationen: www.spitzenpferdesport.de