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Biodiversität – Reitvereine sind naturnah – Bei „anderen“ abschauen PD 1/2018
Biodiversität – Reitvereine sind naturnah – Bei „anderen“ abschauen

Biodiversität und Artenvielfalt waren kürzlich schon Thema im PRESSEDIENST (12/2017). Die Redaktion greift da Thema aber nochmals auf, um Anregungen weiterzugeben, die die Redaktion aus unterschiedlichen Medien zusammengetragen hat, z.B. von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung und dem Pferdesportverband Baden-Württemberg sowie von der Heinz-Sielmann-Stiftung auf Gut Herbigshagen in Niedersachsen und von Dr. Stefan Rösler, Stuttgart, der speziell für Reitanlagen einen Biodiversitäts-Check entwickelt hat (der PRESSEDIENST berichtete davon aus der Schleyer-Halle Stuttgart).

Worum geht es? Was ist das Ziel? Was können Reitvereine und Pensionsbetriebe leisten?
In erster Linie geht es darum, die vorhandenen Möglichkeiten auf einem Reitgelände oder dem Gelände eines Pferdepensionsbetriebes zu sichten, zu bewerten, um dann ggf. umzuplanen und umzugestalten. Dabei steht immer im Mittelpunkt: Wie kann man im nahen Umfeld eines Reit-betriebes für mehr Biodiversität für Tiere, Insekten und Pflanzen sorgen?

Eine interessante Variante zum Nachdenken und Adaptieren bietet die Heinz-Sielmann-Stiftung aus Duderstadt mit einem Projekt „Naturnahe Firmengelände“. Dort heißt es u.a.: „Man geht davon aus, dass durch das Eingreifen des Menschen in den Naturhaushalt das Artensterben heutzutage um das Tausendfache schneller voranschreitet.“ Also stellt sich Frage, wie man im „Kleinen“ mithelfen kann, große Verluste an Biodiversität aufzufangen? Das geht gut auf dem Firmengelände. Also warum nicht auch auf dem Gelände eines Reitvereins oder eines Pensionsbetriebes für Pferde? Hier finden sich, wenn man genau hinschaut, viele Möglichkeiten „im Kleinen“ etwas für das Große und Ganze zu schaffen.

In der Broschüre „Naturnahe Gestaltung von Firmengeländen“ von der Heinz Sielmann Stiftung, der Bodensee-Stiftung und dem Global Nature Fund heißt es: „Naturnahe Firmengelände schaffen neue Lebensräume für wildlebende Tiere und Pflanzen – ohne dass die Betriebsabläufe gestört werden.“ Das lässt sich doch leicht übertragen, nur in einem Wort verändert: Naturnahe Reit-anlage-Flächen schaffen neue Lebensräume für wildlebende Tiere und Pflanzen – ohne dass die Betriebsabläufe gestört werden.“ Folglich gewinnt man – wieder übertragen aus der Broschüre – als Reitverein oder Pensionsbetrieb:

--Grünräume, die auch als soziale Treffpunkte dienen können,
--Erholungs- und Pausenräume sowie Lebensqualität,
--Gelegenheit zur Naturbeobachtung im Kleinen,
--positives Image des Reitvereins/Pensionsbetriebs bei Nachbarn, Mitgliedern, Gästen, Freunden,
--ein naturnahes Außenareal als „grüne Visitenkarte“ demonstriert gesellschaftliche Verantwortung des Reitvereins/Pferdebetriebs
--Reitbetriebe sparen bei naturnah gestalteten Flächen Arbeitszeit und Geld durch pflegeleichten und günstigen Unterhalt,
--Feuchtlebensräume als natürliche Retentionsflächen puffern

Starkregenereignisse und sind gleichzeitig wertvolle Rückzugsräume für wassergebundene Arten.
Heimische Wildsträucher ernähren im Schnitt 24 Vogelarten
All das gilt auch für den Neubau einer Reitanlage. Und ein weiterer Gedanke kommt hinzu: Büsche, Gehölze, Wildpflanzen tragen mit ihren Früchten zur Ernährung der „tierischen Bewoh-ner“ bei: Zum Beispiel erklärt die Heinz-Sielmann-Stiftung, dass die Früchte eines heimischen Wildstrauches im Schnitt 24 Vogelarten ernähren, Exoten schaffen nur vier. Die Prinzipien der naturnahen Gestaltung sind also einfach: Die Versiegelung wird auf das Notwendigste beschränkt, heimische Pflanzen schaffen vielfältige Lebensräume und Nahrungsangebote und regionale Mate-rialien verringern den ökologischen Fußabdruck. Bei der Pflege des Vereins- oder Stallgeländes kann man auf Dünger und Pestizide verzichten, also extensiv pflegen. Bei Wildgehölzen entfallen häufige Rückschnitte wie sie z. B. an Formschnitthecken und Formgehölzen nötig sind. Wild-blumenwiesen müssen ebenfalls viel seltener gemäht werden und erhalten so ihre Artenvielfalt.

Rest- und Randflächen nutzen
Gerade Reitanlagen, Pensionsbetriebe und auch Bauernhöfe verfügen oft über Rest- und Rand-flächen, die der Natur zur Verfügung gestellt werden können. Löschwasserrückhaltebecken in Gebieten mit geringer Anbindung an die Infrastruktur der Gemeinde wegen der Randlage von Reitbetrieben oder geringer Wasserführung, wie z.B. auf der Schwäbischen Alb, können naturnah angelegt werden. Feuerwehr- und Rettungszufahrten gibt es in vielen Reitanlagen/Pensionsbetrieben. Auch sie lassen sich naturnah gestalten und damit erhöht sich die Funktionalität und bietet im Gegensatz zur Versiegelung „eine bis zu 30 Prozent verbesserte Versickerungsleistung“. Dies liegt insbesondere an der im Vergleich zu artenarmen Rasenansaaten deutlich intensiveren Durchwurzelung des Untergrunds. Zum Beispiel sind Schotterflächen mit Einsaaten (Schotter-rasen) befahrbar und zugleich eine attraktive und ökologisch wertvolle Alternative für versiegelte Wege. Neben einer geringeren Barrierewirkung für Tiere ist das Mikroklima im Sommer besser, da sich Schotterrasenflächen weniger stark aufheizen als versiegelte Flächen.

Sorgfältiges Planen ist sinnvoll
Es gibt also bei genauem Planen manche sinnvolle und dabei oft kostengünstigere Möglichkeit naturnaher Gestaltung: Wildblumenwiesen und -säume, Staudenpflanzungen, Gehölze oder Hecken, Fassaden- und Dachbegrünung, Totholz- oder Lesesteinhaufen, Nisthilfen oder Feucht-biotope. Fast jede Reitanlage, jeder Pensionsbetrieb und Bauernhof kann Biodiversität unter-stützen und einen spürbaren Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt leisten. Bei der Bepflanzung von Außenbereichen eines Reitstalles, eines Pensionsbetriebes oder Bauernhofes kann man zudem auf Pflanzen zurückgreifen, die in der jeweiligen Region heimisch sind und gut gedeihen. Wildblumenwiesen und Blühhecken etc. bieten Nahrung für Insekten, bieten Vögeln Nistgelegenheiten und Versteckmöglichkeiten für Tiere, die eher „nicht öffentlich“ leben wollen.

Oft ist es auch so, dass Reitanlagen in der Nachbarschaft von Anlagen anderer Sportarten liegen. Wenn sich die Betreiber zusammentun, können sie sogar einen „Verbund“ schaffen und gemein-sam einen öffentlichkeitswirksamen Erfolg verbuchen. Sie tragen dazu bei, dass Lebensräume von Kleinsäugern, Eidechsen, Vögeln und Insekten entstehen.

Naturnahes Gelände – geht das?
Eine naturnahe Gestaltung nutzt also auf dem Gelände eines Reitstalles, Pensionsbetriebes oder Bauernhofes Potentiale aus, die der Natur einen Platz einräumen. Eine Erkenntnis aus dem Ausland: „Die in der Praxis erprobten Kriterien der Schweizer Stiftung Natur & Wirtschaft nennen ein Gelände naturnah, wenn 30% der nicht bebauten Fläche naturnah gestaltet sind.“ Weiter heißt es in der Broschüre (www.naturnahefirmengelaende.de): Naturnahes Gelände – geht das? Ja – es geht! In der Schweiz wurden mittlerweile rund 19 Millionen Quadratmeter naturnaher Betriebsgelände zertifiziert und fast jede Branche ist dabei: Unternehmen aus dem Banksektor, der Baubranche, Logistik, Bildung, Tourismus oder aus dem produzierenden Gewerbe. Ob großes oder kleines Unternehmen: Es geht - fast - immer!“ Wer also als Betreiber eines Reitstalles, eines Pferdepensionsbetriebes genau hinschaut, findet diese 30 Prozent. Die Heinz Sielmann Stiftung, der Global Nature Fund und die Bodensee-Stiftung unterstützen Unternehmen aller Branchen bei der naturnahen Gestaltung – auch mit einem Biodiversitiy-Check zur Erfassung potentieller Auswirkungen auf die Biodiversität.

Pferdebetriebe sollten bereit sein
Pferdebetriebe sollten also bereit sein für den nächsten Schritt! Das heißt, zunächst gilt es, einen umfangreichen Biodiversity-Check vorzunehmen, um konkrete Empfehlungen erarbeiten zu können. So hält man negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt in Grenzen. Ein solcher Biodiversitäts-Quick-Check für Pferdevereine und Pferdebetriebe hält zum Beispiel Dr. Stefan Rösler aus Stuttgart bereit.

Biodiversitäts-Quick-Check aus Stuttgart
Dieser Biodiversitäts-Quick-Check orientiert sich im Namen und in seiner Grundstruktur am ein-geführten „Biodiversity-Check“ für Unternehmen (vgl. www.business-biodiversity.eu/biodi-versity-check) und ermöglicht einen ersten, schnellen Überblick über die positiven und negativen Auswirkungen auf die biologische Vielfalt. Dabei betrachtet Dr. Stefan Rösler nicht das ganze Wirk- und Beziehungsnetz und auch nicht alle Einflussfaktoren zwischen Pferdevereinen und Biodiversität, vielmehr lenkt er den Blick auf ausgewählte Themen und Wechselwirkungen und benennt mögliche Bewertungsfaktoren. Der Biodiversitäts-Quick-Check für Verbände oder Ver-eine wurde erstmals im Rahmen des DOSB-Wettbewerbs „Sport bewegt - Biologische Vielfalt erleben“ erarbeitet und stellt ein neuartiges Instrument zur Förderung der Biodiversität in Orga-nisationen dar.

Konzentriert auf Pferdebetriebe
Die Fragen des Checks konzentrieren sich auf die für Pferdevereine und Pferdebetriebe besonders relevanten Themen und Einflussbereiche. Möglichst praxisbezogene Fragestellungen und einfach zu beantwortende Bewertungsfaktoren sollen dazu beitragen, dass der Biodiversitäts-Quick-Check in den Vereinen und Betrieben Neugierde und Interesse weckt, Akzeptanz findet und Lust macht auf mehr. Er wird durch einen Maßnahmenkatalog ergänzt. Dazu gehören
--Nachhaltigkeits-Beratung
--Biodiversitäts-Management
--Natur-Coaching
--Förderung der biologischen Vielfalt in Pferdevereinen und –betrieben

Die Pferdewelt prägt die biologische Vielfalt
Pferde brauchen Ställe, Heu und Stroh, Wiesen und Weiden. Dies alles zusammen prägt in vielfacher Weise die biologische Vielfalt im Umfeld der Pferdehaltung. So finden sich in vielen Gestüten, Pferdesportvereinen oder Betrieben Scheunen, Dachböden sowie Gebäude mit Ritzen und Spalten und damit Nistmöglichkeiten und Nahrung. Zudem gibt es vielerorts Bereiche mit offenem Boden, vielfach arten- und strukturreiches Grünland mit begleitenden Hecken und Baum-gruppen. Vor allem die Vielfalt an Strukturen und Kleinklimaten sowie die extensive Nutzung von Weiden und Heuwiesen sind Grundlage für ganz spezifische Artengemeinschaften mit teilweise spezialisierten und gefährdeten Arten, die als „Begleitarten“ der Pferde bezeichnet werden können. Dazu zählen z. B. Schleiereule, Rauchschwalbe, Schafstelze und Kiebitz, außerdem Fledermäuse, Heuschrecken, Tagfalter und Dungkäfer. Viele von ihnen kommen sowohl in ländlichen wie in städtischen Räumen vor.

Verbesserungspotential erkennen und nutzen
Trotz dieser im Grundsatz guten Ausgangssituation gibt es in vielen Anlagen deutliches Verbesse-rungspotential hinsichtlich der Förderung der Biologischen Vielfalt. Dabei fehlt es in der Regel nicht an Offenheit und gutem Willen, sondern zunächst einmal am fachlichen Wissen und bewussten Wahrnehmen der vorhandenen Fauna und Flora. Entsprechend dazu fehlen in der Regel fachlich fundierte Ideen und praktische Handreichungen für konkrete Maßnahmen sowie ein systematischer Austausch von best-practise-Beispielen.

Der Maßnahmenkatalog zur Förderung der biologischen Vielfalt in Pferdevereinen und -betrieben wurde im Rahmen des Förderprojektes des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) „Pferde bewegen – biologische Vielfalt erkunden, erhalten und fördern“ für die Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. entwickelt und im Rahmen der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet.

Kontakte zum Thema:
Dr. Stefan Rösler, Stuttgart, +49 1705265234, roesler@oecoach.de www.oecoach.de

Heinz Sielmann Stiftung Duderstadt, +49 (0)5527 914-0 www.sielmann-stiftung.de

Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) www.pferd-aktuell.de/biologischevielfalt

Deutscher Olympische Sportbund: www.dosb.de/bio

Global Nature Fund. www.business-biodiversity.eu/biodiversity-check


Link: www.oecoach.de