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Abwärtstrend bei Pferdesportvereinen hält an PD 4/2011
Abwärtstrend bei Pferdesportvereinen hält an

Warendorf (fn-press).
Die negative Mitgliederentwicklung in deutschen Pferdesportvereinen hält an. Laut aktueller Statistik des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) für das Jahr 2010 gibt es in deutschen Vereinen nur noch 736.870 Reiter, Fahrer und Voltigierer. So wenig Mitglieder registrierte die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) zuletzt 1999. Im Vergleich zu 2009 verließen weitere 12.000 Mitglieder die Reitvereine. Damit haben die FN und ihre Mitgliedsverbände innerhalb eines Jahres annähernd so viele Vereinsmitglieder verloren wie in den vorhergegangenen fünf Jahren insgesamt.

Pferdefreunde bleiben an achter Stelle der Sportverbände
Entgegen dem allgemeinen Trend des DOSB, der seit 1990 bis in die heutige Zeit eine gewisse Konstanz und Stabilität in der Mitgliederentwicklung feststellt, kämpft der Pferdesport weiter um seine Vereinsmitglieder. Die FN und ihre Mitgliedsverbände erleiden aber kein Einzel-schicksal innerhalb der zehn mitgliederstärksten Sportverbände des DOSB. Lediglich der Fußballbund (plus 72.100) und der Alpenverein (plus 38.004) können sich über deutliche Mit-gliederzuwächse freuen. Andere Spitzenverbände haben – verglichen mit den Mitgliederzahlen 2009 – ähnliche Abgänge zu beklagen wie die FN: Turnerbund (minus 21.175), Tennis Bund (minus 10.229), Schützenbund (minus 13.360). Die Deutsche Reiterliche Vereinigung bleibt aber der achtgrößte Sportverband in Deutschland.

Die negative Mitgliederentwicklung im Pferdesport ist mittlerweile in fast allen Landesverbänden zu erkennen. Waren 2009 noch sieben der 17 Landesverbände in den schwarzen Zahlen, konnten sich 2010 nur Sachsen (plus 773), Berlin-Brandenburg (plus 211) und Bremen (plus 203) über leichte Zuwächse freuen. Die meisten Mitglieder verlor der Landesverband Hannover (minus 2.516), gefolgt von Westfalen (minus 2.072) und Weser-Ems (minus 1.614).

Pferdesport bleibt in Frauenhand
Ungebrochen bleibt auch der Trend zur „Verweiblichung“ des Pferdesports. So standen im vergangenen Jahr 550.549 Mädchen und Frauen (minus 5.936) nur noch 186.321 Jungen und Männer (minus 6.033) gegenüber. Besonders betroffen von Rückgängen ist bei den Männern die Gruppe der über 26-Jährigen, bei den Frauen ist es insbesondere die Altersklasse der bis 18-Jährigen.

In einem Interview mit FN-Aktuell sagte FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach: „Für unsere Vereine ist es fünf vor zwölf.“ Der organisierte Pferdesport befände sich allerdings nicht im freien Fall. Definitiv mache aber der anhaltende Trend Sorgen. Aus dieser Sorge heraus hat die FN schon im Frühjahr 2010 die Initiative Vorreiter Deutschland gestartet, um den organisierten Pferdesport wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Lauterbach sagte dazu in FN-Aktuell: „Erstens können die Zahlen von der Initiative noch gar nicht berührt sein. Es ist zwar die Statistik von 2010. Tatsächlich erfasst sind in ihr aufgrund des hohen Erfassungs- und Verarbeitungszeitraums beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) aber die Mitgliederbestände in den Vereinen mit Stichtag 31. Dezember 2009. Zweitens zeigt die neue Statistik, wie wichtig und richtig diese Initiative zur Mitgliederentwicklung ist. Drittens kann es sein, dass die Statistik auch im kommenden Jahr noch nicht besser ausfällt, denn uns war von vornherein klar, dass diese auf vier Jahre angelegte Initiative nicht sofort greifen wird. Aber eins ist uns im ersten Jahr der Initiative klar geworden: Zu viele Vereine und Betriebe haben die Bedeutung dieser Entwicklung noch nicht erkannt.“

Die sinkenden Mitgliederzahlen haben offensichtlich gravierende Folgen, wie Lauterbach erklärt: „Sinken die Mitgliederzahlen im organisierten Pferdesport, sinkt die Bedeutung und vor allem der Einfluss des gesamten Pferdesports. Mitglieder haben Gewicht und Einfluss… Darum stärkt jedes Vereinsmitglied jeden Verein, jeden Pferdebetrieb, jeden Reiter, Fahrer, Voltigierer, Züchter, Ausbilder und letztlich seine eigenen Interessen. Am Ende wollen doch wir alle, dass es Raum in diesem Land gibt für unsere Leidenschaft und unser Hobby: das Pferd.“

Weiter sagte Lauterbach: „Jeder Verein hat direkte wirtschaftliche Vorteile durch mehr Mitglieder. Er hat zum einen mehr Beitragseinnahmen und mehr Manpower, zum anderen gewinnt der Verein als Wirtschaftspartner und Institution auch lokal mehr Bedeutung und Einfluss. Das ist für ihn ja fast wichtiger als bundesweite Interessen, denn von Entscheidungen vor Ort zum Beispiel über Ausreitmöglichkeiten, Zugang zum Gelände, Bau- und Erweiterungsvorhaben, Genehmigung von Veranstaltungen oder die Gewinnung von örtlichen Sponsoren und Unterstützern betreffen ihn direkt.“

Die FN geht davon aus, der Schlüssel zur Stärkung der Vereine liege in den Vereinen selbst und im Ehrenamt. Ein Viertel der Vereine sagt Lauterbach, muss wegen mangelnden Engagements in den Vereinen um seine Existenz fürchten. „Deshalb braucht es eine breitere Basis für Engagement in den Vereinen – also mehr Mitglieder. Dazu braucht es aber auch neue Formen der Ämter- und Aufgabengestaltung. Konzepte dafür und für vieles mehr wie Mitgliedergewinnung und -bindung, Mitgliederbeitragsmodelle gibt es bei uns Verbänden. Sie müssen von den Vereinen nur abgeholt und umgesetzt werden.

Diskussion in den Landesverbänden
Die Mitgliederentwicklung 2010 wird in den Pferdesportverbänden der Länder ebenso diskutiert wie auf Bundesebene. Die FN wollte denn auch wissen, was die Landesverbände zu einigen Fragen sagen: Wie beurteilen Sie die bundesweite Mitgliederentwicklung? Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Ihrem Landesverband? Was sind die Gründe für den Mitglieder-rückgang/Mitgliederzuwachs in Ihrer Region? Gibt es landesverbandsspezifische (Gegen-)Maßnahmen? Hier einige Auszüge:

Aus Baden-Württemberg meldete sich Christian Abel zu Wort. Er ist Geschäftsführer des Pferdesportverbandes Baden-Württemberg: „Obwohl wir jetzt schon seit einigen Jahren über die demographische Entwicklung und ihre Folgen diskutieren, ist es keinem der großen Verbände gelungen, seinen Mitgliederstand zu halten. Das ist im Prinzip schon erschreckend. Aber wir haben keinen direkten Einfluss darauf. Bei allen für sehr gut geheißenen Projekten ist der Zuspruch da, aber es bleibt unter dem Strich nichts oder noch nichts hängen.

In Baden-Württemberg haben wir nunmehr seit drei Jahren einen Wettbewerb um den größten Mitgliederzuwachs. Hierbei wird nicht die Veränderung von Jahr zu Jahr, sondern über einen Vierjahreszeitraum betrachtet. Es sind meist dieselben Vereine, die vorne stehen. Untersucht man die Bestandsmeldungen der einzelnen Vereine, bekommt man den Eindruck, dass hier gerade jetzt einmal die Karteileichen beseitigt wurden. Anders sind Rückgänge von 50 und mehr Mitgliedern nicht zu erklären. Bei allem negativem Trend gibt es aber auch nach wie vor Lichtblicke, das heißt, Vereine mit einem steten Mitgliederzuwachs. Unser Rückgang geht hauptsächlich zu Lasten eines unserer drei Regionalverbände. Dieser hat uns zugesagt, Ursachenforschung zu betreiben. Ergebnisse liegen uns allerdings noch nicht vor.“

Für Bayern äußerte sich Marei Grehl. Sie ist Referentin beim Bayerischen Reit- und Fahrverband: „Man könnte den Rückgang mit der Wirtschaftskrise verbinden, was unseres Erachtens aber zu einfach wäre. Generell gilt, dass der „Individualismus“ und die Konkurrenz durch „vereinsfreie“ Pferdebetriebe zunimmt. Ein weiterer Schritt zeichnete sich bereits vor 15 Jahren ab, als nicht klassische Reitweisen von der FN nicht aufgenommen, sondern lediglich als Anschlussverbände eingegliedert wurden. Seitdem nimmt die Anzahl der Anschlussverbände zu (korrespondiert auch mit dem Individualismus). Sollten die Maßnahmen der FN (Initiative Vorreiter Deutschland) an der Basis ankommen und auch umgesetzt werden, könnten sich die Mitgliederzahlen zumindest stabilisieren.

In Bayern sind die Vereine bei den vier Regionalverbänden angesiedelt. Der Bayerische Reit- und Fahrverein (BRFV) kann lediglich über die Landeskommission sowie durch seine Seminare und Lehrgänge Einfluss nehmen. Auch hier gilt: Sollte der Maßnahmenkatalog der Initiative umgesetzt werden, kann die Mitgliederentwicklung gestärkt werden.

In Hamburg betrachtete Kai Haase die Unterrichtssituation an den Schulen kritisch. Er ist Geschäftsführer beim Landesverband der Reit- und Fahrvereine Hamburg. Die hohen Abgänge bei Reiterinnen/Reitern bis 18 Jahre seien durch die heute praktizierte Unterrichtsgestaltung der Schulen begründet. Er will aber der „Ganztagsschule“ nicht die alleinige Schuld geben. Ihm fällt eher die Rhythmisierung des Schulunterrichts auf. Hier gäbe es eine entscheidende Änderung, die in der Regel ab Klassenstufe fünf in Hamburg beginnt. Die Kinder seien auch ohne „Ganztagsschule“ einfach länger in der Schule als früher. Auch könnten sich Schüler nicht einfach von Projekten, Arbeitsgemeinschaften und anderen außerunterrichtlichen schulischen Veranstaltungen ausschließen, um keine Nachteile zu haben. Bei vielen Kindern sei einfach die „Luft raus“. Neben Hausaufgaben und Klausurvorbereitungen hätten sie möglicherweise einfach keine Lust mehr, sich für anderes zu engagieren. In manchen Fällen fehle auch die Unterstützung der Eltern.

Haase sieht ein weiteres Problem bei den Reitbetrieben und Vereinen: Kinder, die in ihrer knapper werdenden Freizeit am späteren Nachmittag oder am frühen Abend ihr Hobby Reiten pflegen wollen, stießen bei vielen Reitvereinen/Betrieben mit Schulpferden auf eine Kapazitätsgrenze. Die Reitzeiten, die Schüler nun bräuchten, sind meist von einer anderen Zielgruppe besetzt. „Dies wird und muss zu einer Umstrukturierung der Betriebe führen, um den Verdienstausfall zu kompensieren und möglichst jeder Zielgruppe ein Angebot machen zu können. Doch zeigt die Realität, dass dieser Prozess bei Weitem nicht in den Betrieben abgeschlossen ist“, sagte Haase.

Die Verantwortlichen in Mecklenburg-Vorpommern scheinen die Lage gelassener zu sehen. Hans-Joachim Begall, Geschäftsführer in Mecklenburg-Vorpommern, meint: „Die FN-Mitglieder-Entwicklung sollte man im Verhältnis zur Gesamtbevölkerungsentwicklung betrachten. 1999 hatten wir 736.176 Mitglieder und jetzt haben wir 736.870. Man sollte es nicht so dramatisch sehen, wenn nun von 2009 zu 2010 ein Minus von 1,6 Prozent auftritt. Die Entwicklung sollte über einen längeren Zeitraum gesehen werden. Die Mitgliederstatistik in Mecklenburg-Vorpommern ist seit 1998 etwa gleich, mit kleinen Aufs und Abs. Da die Bevölkerung in den vergangenen 20 Jahren von 1,7 auf 1,5 Millionen Einwohner sank (cirka 1 Prozent), ist keine Panik angesagt. Im Verhältnis zu anderen Sportarten nehmen wir gegenwärtig den siebenten Platz im Land ein, bei den Fachverbänden liegen wir sogar an vierter Stelle.“

Die ausführlichen Beiträge aus den Landesverbänden zu diesem Thema finden Sie in FN-Aktuell unter www.pferd-aktuell.de