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Schenkelbrand in der Kritik: Brandzeichen bei Pferden vor dem Aus? PD 3/2011
Schenkelbrand bei Pferden in der Kritik
Brandzeichen bei Pferden vor dem Aus?

Bonn.
Der Deutsche Tierschutzbund gibt nicht nach. Er bekämpft weiterhin vehement das Brennen von Fohlen, das seitens der Pferdezüchter bisher als Kennzeichnung und unverwechselbares Merkmal angewendet wurde. Die Diskussion darüber, ob Fohlen wie bisher „gebrannt“ oder künftig ausschließlich „gechippt“ werden sollen, war in der jüngeren Vergan-genheit mindestens ebenso heiß geführt worden, wie die Werkzeuge sind, mit denen der Brand gesetzt wird. Das Land Rheinland-Pfalz hat sich im Bundesrat dieses „heißen Eisens“ angenommen und eine gesetzliche Regelung angestoßen, die nun von den Grünen weiter befeuert wird. Der Tierschutzbund hat dazu vor kurzem eine Erklärung verbreitet, die wir nachstehend abdrucken:

„Im Oktober letzten Jahres hatte der Bundesrat dem rheinland-pfälzischen Antrag zum Verbot des Schenkelbrandes bei Pferden zugestimmt. Nun befasst sich auf Antrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen der Bundestag mit dem beschlossenen Verbot des Schenkelbrandes bei Pferden. Der Antrag wurde eingereicht, mit dem die Bundesregierung aufgefordert wird, einen Gesetzentwurf zur Änderung des Tierschutzgesetzes vorzulegen und zur Beschlussempfehlung in das Ausschussverfahren gegeben.

Der Deutsche Tierschutzbund fordert bereits seit Jahren das Verbot dieser Tierqual und hofft auf ein zügiges Voranschreiten der Beratungen im Bundestag. „Nach unserem großen Erfolg im Oktober letzten Jahres erwarten wir nun, dass die Bundesregierung den Beschluss zügig umsetzt“, fordert Wolfgang Apel, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. „Eine Verschleppung des Themas werden wir nicht hinnehmen. Wir brauchen das Verbot noch bevor die nächsten Fohlen im Frühsommer gebrannt werden. Damit das Thema nicht in den Gesetzesmühlen hängen bleibt, erhöhen wir den Druck auch medial mit einem neuen Poster- und Postkartenmotiv“, so Apel abschließend. Obwohl seit dem 1. Juli 2009 eine EU-weit gültige Kennzeichnungspflicht mit einem Mikrochip für alle Pferde gilt, werden nach wie vor Fohlen dem qualvollen und unnötigen Brennen ausgesetzt. Das „Chippen“ hingegen ist fälschungssicher und macht jedes Pferd individuell und unverwechselbar identifizierbar. Das Brandzeichen aber hat nur einen Werbezweck für den jeweiligen Zuchtverband, wie beispielsweise dem Hannoveraner-Verband, und stellt somit keine individuelle und unverwechselbare Kenn-zeichnungsmethode dar. Fohlen erleiden durch Brandzeichen Verbrennungen dritten Grades (irreversible Zerstörung der Oberhaut und der Haarfollikel). Mit einem bis zur Rotglut erhitzten Brenneisen wird den Tieren ein schmerzhaftes Brandmal aufgedrückt. Dadurch werden große Narben künstlich herbeigeführt, die sich von der gesunden Haut abheben und lebenslang sichtbar sind.“ Deutscher Tierschutzbund

Die Pferdezuchtverbände kritisieren den Verzicht auf den Schenkelbrand

Seitens der Pferdezuchtverbände gibt es darüber massive Verärgerung. Schon vor einiger Zeit sagte Theodor Leuchten aus Ratingen, Vorsitzender des Bereichs Zucht der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und des Rheinischen Pferdestammbuchs: „Wir sind sehr enttäuscht über diese Entscheidung. Ein über Jahre gut funktionierendes System zur Kennzeichnung von Pferden wurde einfach so weggewischt. Den Argumenten der organisierten Pferdezucht wurde überhaupt keine Beachtung geschenkt!“ Die Zuchtverbände haben seit Jahren für die Erhaltung der Kennzeichnung durch den Schenkelbrand gekämpft. So wurden über Jahre immer wieder Gespräche mit Staatssekretären, den Tierseuchenreferenten von Bund und Ländern und den Landwirtschaftsministern der Länder geführt. Auch der Versuch, Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner zu überzeugen, scheiterte.

Weltweite Identifizierbarkeit
Dabei sei der Schenkelbrand unverwechselbar, sicher und leicht rückverfolgbar, vor allem aber weltweit kompatibel und für jeden Laien auch ohne Hilfsmittel mit bloßem Auge effektiv zu lesen. Der Schenkelbrand ermöglicht seit Jahrzehnten ausnahmslos eine weltweite Identi-fizierbarkeit. Transponder und Datenbanken, in denen die Transponder-Informationen hinterlegt sind, können das nicht. Neben dem Hauptaspekt der sicheren Identifikation dient der Brand traditionell auch noch als Markenzeichen mit weltweiter Bedeutung. „Mit der Aufgabe des Schenkelbrandes wird ein Markenzeichen, das wir uns über viele Jahre erarbeitet haben, aufs Spiel gesetzt und die traditionelle Bindung der Züchter zu ihrem Verband zerschlagen“, sagte Leuchten. Außerdem ist darauf hingewiesen worden, dass auch die Einsetzung des Transponders kein „einfacher Piks ohne Belastung und Stress“ sei. Gutachter belegen außerdem, dass sich weder der Brennvorgang noch der Brand als „erhebliche“ Schmerzen im Sinne des Deutschen Tierschutzgesetzes einstufen lassen.

Auslöser der Streitfrage Transponder oder Schenkelbrand war die effektive Tierseuchen-bekämpfung in Deutschland. In Deutschland kennzeichnen die FN-Mitgliedszuchtverbände die registrierten Equiden seit Jahrzehnten mittels Schenkelbrand und leisten damit einen effektiven und funktionierenden Beitrag zur Tierseuchenbekämpfung. „Die Kennzeichnung ist seit fünf Jahren ein Dauerthema. Wir hatten bei der Europäischen Union (EU) erreicht, dass unser bewährtes System mit Schenkelbrand und Pass als alleinige Kennzeichnung möglich wäre. Bei der Umsetzung in eine nationale Verordnung zeigte sich dann, dass der Druck aus den Bundesländern so hoch war, dass trotz der Möglichkeit in der EU-Verordnung der Transponder dennoch kommen würde“, blickte Dr. Klaus Miesner, Geschäftsführer des FN-Bereiches Zucht, zurück. Der Transponder sei daher in Deutschland ohne Not der organisierten Pferdezucht aufgezwungen worden, obwohl alternative Kennzeichnungsmethoden in der EU-Verordnung gerade für Länder wie Deutschland vorgesehen sind und allein ausreichend sicher seien. Gemäß EU-Vorgabe reiche der Schenkelbrand zur alleinigen Kennzeichnung voll aus. Daher lassen andere Mitgliedsstaaten wie Österreich, Spanien, Großbritannien und osteuropäische Länder die alternative Kennzeichnung mittels Schenkelbrand zu.

Schenkelbrand zunächst zugesichert, dann doch abgeschafft
Seit Anfang März 2010 ist die neue Viehverkehrsverordnung in Deutschland in Kraft. Jetzt müssen Fohlen und Zuchtpferde der FN-Mitgliedszuchtorganisationen mit einem Transponder gekennzeichnet werden. Die zusätzliche Kennzeichnung durch den Schenkelbrand war in der Begründung zur Viehverkehrsverordnung allerdings zugesichert und nun doch abgeschafft worden. „Das Vertrauen in die Politik und in die Landesregierungen ist jetzt natürlich weg. Insbesondere auch, weil ein eindeutiges und sicheres Verfahren mit dem Schenkelbrand durch ein nicht weltweit nachhaltiges Transponder-System ersetzt werden soll“, sagte Theodor Leuchten. „Der Transponder bietet im Seuchenfall bei der Rückverfolgung eines einzelnen Pferdes keinerlei Überlegenheit oder Zugewinn gegenüber dem Schenkelbrand und ist nur mit einem speziellen Lesegerät zu identifizieren, das in der Regel nur Fachleuten zur Verfügung steht. Darüber hinaus gibt es weder ein weltweit noch ein europaweit vernetztes Datenbanksystem für Transponder“, ergänzte er. Außerdem könne das Vertrauen von Bund und Ländern in den Transponder nicht sehr groß sein, wenn der Bundesrat mit Verabschiedung der Viehverkehrsverordnung beschlossen hat, sich auf EU-Ebene gegen die verpflichtende Kennzeichnung von Schaf und Ziege mittels Transponder einzusetzen.

Schenkelbrand erschwert Fälschung
Aussagen, dass der Transponder das Einschleppen und Ausbrechen von Pferdeseuchen ver-hindere beziehungsweise verhindern könne, werden durch die in Deutschland aktuell aufge-tretenen Fälle von Infektiöser Anämie (Blutarmut) bei durch Transponder gekennzeichneten Pferden rumänischer Herkunft widerlegt. „Eine Kennzeichnung mittels Schenkelbrand hätte das Fälschen der Papiere definitiv erschwert, wenn nicht sogar verhindert“, ist Klaus Miesner überzeugt.

Ausfallraten bei Chips ist zu hoch
Bisherige Erfahrungen zeigten außerdem, dass der Transponder Ausfallraten in Höhe von bis zu zwei Prozent und mehr habe. Das bedeute im Exportfall, dass diese Pferde nicht mehr rückverfolgt werden können und damit als Pferde deutscher Herkunft mit Zugehörigkeit zu einem deutschen Zuchtprogramm verloren sind. „Das heißt, wenn der Transponder defekt ist und die zum Pferd zugehörigen Papiere fehlen, dann weiß kein Mensch, ob dieses Pferd aus Argentinien, Chile, den USA, Holland, Deutschland oder woher auch immer kommt“, erklärte Miesner. Dabei sei es weltweit ein begründetes Anliegen zahlreicher Menschen und nicht nur von Fachleuten, über die züchterische Herkunft eines Pferdes informiert zu sein.

Pferdezuchtverband warnte schon 1994: Micro-Chips sind nicht zuverlässig genug
Schon 1994 erklärte der Pferdzuchtverband Baden-Württemberg (s. PD 5/1994), dass kurzfristig eine wirksame, umfassend vor Missbrauch schützende Methode mit einpflanzbaren Micro-Chips nicht zuverlässig anwendbar ist. Der Pferdezuchtverband Baden-Württemberg ging damals mit einer offiziellen Presseerklärung an die Öffentlichkeit, die vom Germersheimer Rechtsanwalt Dr. Dietrich Plewa verfasst worden war. Der Pferdezuchtverband erklärte damals: „Auf eine aktive Kennzeichnung von Pferden kann nicht verzichtet werden. Sie ist erforderlich, um die Identifizierbarkeit eines jeden Pferdes sicherzustellen. Die aktive Kennzeichnung dient den Interessen der Pferdehalter, -züchter, -käufer und -verkäufer. Sie ist nicht zuletzt auch aus Tierschutzgründen erforderlich. In dem Beschluss des Amtsgerichts Kehl (damals kam es im Zusammenhang mit der Kennzeichnung zu einem Gerichtsverfahren, das Anlass für die Erklärung war, Anm. d. Red.) wird die generelle Notwendigkeit der aktiven Kennzeichnung anerkannt. Eine praktikable Alternative zur Kennzeichnung des Pferdes durch den Schenkelbrand wird jedoch nicht aufgezeigt. Dies gilt insbesondere für die von dem Sachverständigen Prof. Dr. Löffler vorgeschlagene Implantation sog. Transponder. Zumindest derzeit ist ein ausgereiftes System nicht vorhanden. Zudem liegen gesicherte Erfahrungen über die dauerhafte Verwendbarkeit von Transpondern nicht vor, ganz abgesehen davon, dass dem Einsatz von Mikrochips nicht überwindbare logistische Schwierigkeiten entgegenstehen. Zur Zeit stellt der Schenkelbrand die einzige tierschutzgerechte Möglichkeit der Kennzeichnung von Pferden dar.“ siehe u.a. PD 4/1994, 1/1999 und PD 3/2010

Stimmen zum Thema:

Peter Bleser, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion stärkte in einer Pressemitteilung der CDU-/CSU-Fraktion im deutschen Bundestag den Pferdezüchtern den Rücken. „Für die Unionsfraktion im Bundestag ist der Tierschutz keine Frage von Details, sondern ein fortlaufender Gesamtauftrag. Deshalb lassen wir uns auch keine Detailänderung im Tierschutzgesetz aufdrängen. Wer die Gesamtheit der Tierschutz- und Haltungsbedingungen außer Acht lässt, verursacht oft mehr Leid bei den Tieren als er zu vermeiden glaubt. Wir lehnen den Antrag der Grünen daher ab. Wir werden gemeinsam mit dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz dagegen eine Gesamtstrategie vorlegen.“

Dieter Stier, Berichterstatter für Tierschutzfragen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, erklärte in diesem Zusammenhang: „Wir möchten unsere hohen Tierschutz- und Umweltstandards aber auch EU-weit durchsetzen. Nur so können sie eine ausreichende Wirkung auch in einem offenen EU-Binnenmarkt entfalten.“

Breido Graf zu Rantzau, Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) erklärte seinerseits für die FN: „Der Schenkelbrand ist unverwechselbar, sicher und leicht rückverfolgbar, vor allem aber weltweit kompatibel und für jeden Laien auch ohne Hilfsmittel mit bloßem Auge effektiv zu lesen. Neben dem Hauptaspekt der sicheren Identifikation dient er traditionell auch noch als Markenzeichen mit weltweiter Bedeutung.“

Weiter sagte der FN-Präsident in FN-Aktuell: „Pferdezüchter sind keine Tierquäler…Der Schenkelbrand ist keine mittelalterliche Methode und hat sich über Jahrhunderte zur Identifikation bei Pferden bewährt.“ Der Transponder hingegen sei ohne Not in Deutschland der organisierten Pferdezucht aufgezwungen worden, obwohl Kennzeichnungsmethoden wie der Schenkelbrand nach EU-Vorgaben ausdrücklich erlaubt seien. „Um so unverständlicher sind daher die Aussagen von Bundesministerin Aigner, den Schenkelbrand verbieten lassen zu wollen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Fortbestand des Schenkelbrandes trotz Transponders auf Landes- und Bundesebene zugesagt war.“

Der Deutsche Bauernverband (DBV) bezieht in einer aktuellen Pressemitteilung ebenfalls zum Thema Schenkelbrand Stellung. „Das historisch gewachsene Kulturgut des Pferdebrands durch elektronische Chips zu ersetzen, stößt Tausende Pferdezüchter und Millionen Menschen, die sich dem Pferd verpflichtet fühlen, vor den Kopf. Markenzeichen für weltweit führende Zuchtorganisationen wie für Holsteiner, Hannoveraner, Oldenburger, Westfalen, Mecklenburger und Trakehner sollen nicht opportunistisch und wider besseren Wissens dem Zeitgeist geopfert werden.“ Der Bauernverband will sich gegen eine populistische Debatte verwahren und weist in seiner Pressemitteilung darauf hin, dass der Tierschutz in der deutschen Landwirtschaft in den letzten Jahren enorme Fortschritte erzielt habe und aus der Landwirtschaft heraus enorme Vorleistungen und Selbstverpflichtungen erbracht worden seien.

Dr. Werner Schade, Zuchtleiter des Hannoveraner Verbandes, erklärte in „PferdeSport international“, Ausgabe 6/2011 unter anderem zu einem Werbeplakat gegen den Heißbrand: „Man hat den Eindruck, dass die Tierschutzorganisationen im Wettbewerb um Mitglieder und Spenden stehen und sich deshalb möglichst spektakulär darstellen. Ihre Glaubwürdigkeit und Seriosität stellen sie so in Frage.“

In der gleichen PSI-Ausgabe: „Was den Chip anbelangt, haben wir auf internationaler Ebene einen Flickenteppich unterschiedlicher Verfahren… Die praktischen Erfahrungen mit Brennen und Chippen haben deutlich gemacht, dass der Chip zur Kennzeichnung nicht ausreicht und der Brand unentbehrlich ist.“ Und weiter: „In den Fraktionen (des Bundestages, Anm. d. Red.) gibt es zahlreiche Vertreter, die gegen das Brennverbot sind.“

Aus PSI 6/2011: „Bei einem Besuch in der Niedersachsenhalle in Verden hat MdB Andreas Mattfeld (CDU) erneut die Gelegenheit wahrgenommen, sich über den Sachstand des Themas Schenkelbrand zu informieren. Er bestätigte im Gespräch mit Dr. Werner Schade, dass nach seiner Information der Schenkelbrand bei Fohlen für die Kennzeichnung gerade auch international für die Identifizierung benötigt werde.“
Zusammengestellt von PD/stb Pressedienst 3/2011