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Julia Rode - Junge Reiter braucht das Land PD 07/2001
Lahr. Zum Gesprächstermin treffe ich Julia Rode in der Stallgasse des Reitvereins Lahr. Mit anderen Jugendlichen füttert sie gerade die vierzig Pferde. Dann hat sie Zeit. Typisch Julia. Zuerst kommen die Pferde und dann lange nichts anderes. Trotz ihrer Berufung in den Junioren-C-Kader des Deutschen Olympischen Komitees für Reiterei (DO-KR) am 20. Mai ist sie ein ganz normales 16-jähriges Mädchen ohne Allüren geblieben.

"Pferde sind für mich Mitgeschöpfe, die man anständig und artgerecht behandeln muss" sagt sie über die Tiere, die sie im letzten Jahr zum Titel einer Landesmeisterin und Deutschen Vize-Meisterin trugen und ihr die Berufung in den Bundeskader bescherten. Geplant war das alles nicht, obwohl sie durch ihre Eltern erheblich vorbelastet ist: Mutter Hilde ritt früher Prüfungen der Klassen A und L, Vater Werner war 1964 Europameister der Vielseitigkeitsreiter, beendete 1996 seine aktive Laufbahn als Meister des Ortenauer Reiterringes und ist heute als Parcours-Chef Sachverständiger für Pferdeleistungsprüfungen. Seit 1978 ist er Reitlehrer des Reitervereins Lahr. Klar, dass Julia schon im Sattel saß bevor sie laufen konnte. "Bevor ich aber in Springprüfungen richtig loslegen durfte, musste ich Dressurprüfungen reiten" schildert sie ihre ersten Turniererfahrungen, "denn mein Vater wusste genau, dass der richtige Weg in den Parcours nur über eine vielseitige Ausbildung führt". Elfjährig, gerade einmal etwas über einen Meter groß, ritt sie 1996 ihr erstes Springen der mittelschweren Klasse über 1,30 Meter hohe Hindernisse. "Meine Mutter bekam schier einen Herzinfarkt" erzählt Julia. Prompt kam sie in die Platzierung und Landestrainer Karl-Heinz Streng berief sie 1997 in den Landeskader. Mehrmals wurde Julia Rode zum Preis der Besten nach Warendorf eingeladen und trainierte unter der Anleitung von Bundestrainer Kurt Gravemeier auf der Anlage des DOKR. Der bundesweite Durchbruch kam im letzten Jahr, als sie bei den Deutschen Meisterschaften der Junioren in Exter/Westfalen hinter dem Mannheimer Paul Hofmann Zweite wurde. Auf ihrem 8-jährigen Oldenburger Schimmel Garfield feierte sie im Finale ihren zweiten Sieg in Klasse S, nachdem sie schon in Zaiskam den Profis den Sieg weggeschnappt hatte.

Unterwegs ist sie während der Wochenenden auf Turnieren in ganz Deutschland, wobei sie ihre Heimat nicht vergisst: "Wenn es zeitlich möglich ist, starte ich natürlich gerne auf den Ortenauer Turnieren. So habe ich für Ichenheim, Schutterwald, Nussbach und Lahr gemeldet. Nach dem Ichenheimer Turnier geht es jedoch erst einmal zum CSI nach Hagen, dort werden die Fahrkarten zu den Europa-Meisterschaften in Gijon/Spanien vergeben. "Und was sagen die Lehrer zu den mit den Reisen verbundenen Unterrichtsausfällen? "Der Direktor des Scheffel-Gymnasiums und meine Klassenlehrerin haben großes Verständnis für meinen Sport und unterstützen mich, wo es nur geht" freut sich Julia. Nach ihren Hobbys befragt, antwortet sie ohne mit der Wimper zu zucken: "Reiten - das ist ja wohl klar - und lernen". So gibt sie ihren Lehrern das in sie gesetzte Vertrauen zurück. Ihre Freunde hat die 16-jährige unter den Jugendlichen des RV Lahr, und ihre Schulfreundin Seline begeisterte sie vor vier Jahren kurzerhand für den Reitsport, als ihre Klasse Projekttage beim RV Lahr hatte. "Das hat einen großen Vorteil: Wir sprechen eine gemeinsame Sprache", sagt Julia, das Angenehme mit dem Nützlichen verbindend.

Täglich ist Julia auf der Anlage des RV Lahr, um dort vier eigene und ein in ihren Beritt gegebenes Pferd zu reiten. "Mit den "Großen" Garfield (8)und Kolambo (9) reite ich nur dressurmäßig, mit den Nachwuchspferden La Luna (5) und Liquido (4) mache ich Spring-Gymnastik und reite vor einem Turnier auch mal einen Parcours", schildert Julia ihre Arbeit mit den Pferden, die ihr ans Herz gewachsen sind. "Wissen Sie, Reitsport ist mit viel Arbeit verbunden, die mir sehr viel Spaß macht. Erfolg zu haben ist natürlich schön, aber viel wichtiger ist für mich, dass Erfolg die Bestätigung dafür ist, dass die Ar-beit und der Umgang mit den Tieren richtig ist". Von dem Vorurteil, dass kein Pferd freiwillig über Hindernisse springt, will sie nichts hören. "Das können nur Leute sagen, die noch nie richtig mit Pferden gearbeitet haben. Die Pferde können und wollen springen, sonst brächte man sie nie und nimmer über die Hindernisse. Im Gegenteil, die Pferde arbeiten richtig mit und helfen einem auch einmal, wenn ein Sprung nicht hundert-prozentig angeritten wird" beschreibt Julia die Harmonie zwischen Reiter und Pferd.

Was ihre Zukunft im Reitsport betrifft, darüber macht sie sich noch keine Gedanken. "Zuerst einmal will ich in drei Jahren mein Abitur machen, dann sehen wir weiter." Keinesfalls soll der Weg in Richtung Berufsreiter gehen, denn "das wollen meine Eltern und Karl und Irma Ruder nicht" sagt Julia Rode. Die Ruders sind so etwas wie Oma und Opa und Onkel und Tante gleichzeitig. Zu ihnen kam Julia nach Kindergarten und Grund-schule nach Hause, spielte dort und machte ihre Hausaufgaben, bevor es zu Papa Rode in den Reitverein ging. Zudem ist Karl Ruder seit 1959 im Vorstand, seit 1986 Vorsitzender des Vereins und maßgeblich für den Auf- und Ausbau der vorbildlichen Reitanlage verantwortlich. "Meinen Eltern und den Ruders habe ich das alles zu verdanken", sagt Julia, geht und holt ihren Liebling Garfield zum Foto-Termin aus der Box.
Werner Stock