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Pferdesport im Wandel der Bevölkerungs-Entwicklung PD 06/2007
Pferdesport im Wandel der Bevölkerungs-Entwicklung

Sindelfingen/Kornwestheim/Warendorf Das Thema „Bevölkerungsentwicklung“ ist in aller Munde. Auch die Pferdesportvereine und -betriebe müssen sich darauf einstellen, dass es künftig weniger Kinder und Jugendliche geben wird. Der Nachwuchs wird spärlicher und – umkämpft werden. Bereits seit Jahren in vollem Gange ist der „Jungen- und Männerschwund“ im Pferdesport. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) in Warendorf reagiert bereits auf diese Entwicklungen und diskutiert Themen wie diese:

„Wie machen wir den Pferdesport zukunftsfähig?“
„Jungs ans Pferd“
„Reiten als Schulsport“
„Schulpferde in der Praxis“
„Erwachsene Wiedereinsteiger“.

Reinhard Wendt, stellvertretender Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, sprach Mitte April in Sindelfingen beim „Landtag der Reiter“, der Delegiertenversammlung des Pferdesportverbandes Baden-Württemberg, die aktuelle Entwicklung im Pferdesport an. Er appellierte eindringlich an die Vereine, sich rechtzeitig auf die neue Situation einzustellen. Anhand zahlreicher Folien belegte Wendt die Entwicklung. Der PRESSEDIENST stellt die wesentlichen Fakten im Folgenden zusammen:

Vereine und Sportverbände müssen sich Gedanken machen
Dass der demographische Wandel in Deutschland in vollem Gange ist, spürt jeder, der sich mit den aktuellen politischen Diskussionen um Altersvorsorge, Überalterung der Bevölkerung, Zukunftssicherung, Zuwanderung oder Integration beschäftigt. Auch wegen der Änderungen in der Bildungslandschaft – immer mehr Verschulung des Lebens von Kindern durch die angestrebte flächendeckende Ganztagesschule – müssen sich Vereine und Sportverbände Gedanken machen. Manche Leute aus Vereinen und Verbänden sagen einen harten Konkurrenzkampf um jugendliche Mitglieder voraus, die wegen ihres zahlenmäßigen Rückgangs und wegen ihrer ganztägigen Schulpflicht immer weniger Zeit haben, sich um Vereine, Sport und Vereinsarbeit, um Musik und Kultur zu kümmern.

Deutsche Bevölkerung nimmt ab und überaltert
Die deutsche Bevölkerung geht zahlenmäßig deutlich zurück und überaltert dramatisch: 2001 lebten in Deutschland 82,5 Millionen Menschen, 2050 werden es nach den Berechnungen der Fachleute nur noch 75 Millionen sein. Gleichzeitig verändert sich die Altersstruktur: 2001 lag die Zahl der „unter 20-Jährigen“ bei 21 Prozent, die Zahl der „über 80-Jährigen“ bei 4 Prozent. Bis 2050 wird sich das Bild voraussichtlich dramatisch verändern: Während die Zahl der „unter 20-Jährigen“ auf 16 Prozent sinkt, steigt die der „über 80-Jährigen“ auf 12 Prozent.

Höhere Lebenserwartung bietet auch Chancen
Für Baden-Württemberg heißt das: Von 2005 bis 2020 errechnet sich ein Rückgang der „bis 13-Jährigen“ um 17 Prozent und der „13 bis 19-Jährigen“ um 22 Prozent. Solche Zahlen müssten vor allem den Vereinen und Verbänden zu denken geben, die auf den Nachwuchs aus der Jugend angewiesen sind. Eine weitere Feststellung: Die statistische Lebenserwartung jedes Deutschen wächst täglich um fünf (!) Stunden. Dass in einer steigenden Lebenserwartung natürlich auch Chancen liegen, liegt auf der Hand: Viele Menschen bleiben länger fit und wollen sich engagieren und sind in der Lage, Angebote von Vereinen und Verbänden jeglicher Art länger aktiver anzunehmen. Das gilt natürlich auch für die Reiterei.

Der Pferdesport ist weiblich
Betrachtet man den derzeitigen Status der Mitgliedschaft in den Reiterverbänden, so ergibt sich folgendes Bild: 2006 gab es in der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) 762.500 Mitglieder. Die trafen sich in 7.600 Pferdesportvereinen. Daneben existieren 3.800 Mitgliedsbetriebe. Die Mitglieder der FN gliedern sich bundesweit so auf: 206.500 Männer (27,0 %) stehen 556.000 Frauen gegenüber (73,0 %). „Der Pferdesport ist also weiblich!“, sagte Reinhard Wendt in Sindelfingen und bewies das durch nachfolgende Zahlen:

Die Mitgliederentwicklung der Pferdesportvereine weist seit 1980 eine klare Linie auf: 1980 gab es 254.000 Frauen in der FN, von denen 167.000 jünger als 21 Jahre waren. Die Zahl der Männer lag damals bei 212.000. Von ihnen waren 62.500 jünger als 21 Jahre. 2006 waren 556.000 Frauen in der FN organisiert, 26 Jahre und jünger waren 340 000. Männliche Mitglieder gab es 206.500, von denen lediglich 45.500 Mitglieder 26 Jahre und jünger waren. Der Rückgang männlichen Nachwuchses liegt bei 17.000, was einem dramatischen Rückgang von 27 auf 12 Prozent entspricht.

Die weibliche Übermacht zeigt sich auch im Vergleich der Turnierteilnehmer in der Kategorie A und B, Stand 2006:
Ausbilder überwiegend weiblich.

Betrachtet man die Entwicklung bei der Ausbildung zum Pferdewirt (ohne Bayern), so ergibt sich auch hier ein interessantes „weibliches“ Bild: 1987 gab es 118 Frauen oder 64 Prozent, die sich für diesen Beruf entschieden und 66 Männer (36 Prozent). 2006 absolvierten 185 Frauen die Prüfung zum Pferdewirt (71 Prozent) und nur 77 Männer unterzogen sich der Prüfung (29 Prozent). Der Rückgang der beruflich am Pferdesport interessierten Männer ist auch hier gravierend.

Ein ähnliches Bild findet man bei den Amateur-Ausbildern (Trainer A, B, C). 753 oder 85 Prozent der Absolventen im Jahr 2000 waren Frauen; ihnen standen nur 136 Männer (15 Prozent) gegenüber. Das Jahr 2006 zeigt eine enorme Steigerung bei den Frauen. Von den Absolventen der Amateurausbildungsgänge waren 1.081 oder 92 Prozent Frauen! Nur 98 Männer oder 8 Prozent wollten Amateurausbilder werden.

Reiterverbände müssen sich stärker bei der Integration beteiligen
Reinhard Wendt richtete seinen Blick auch auf die Entwicklung bei den ausländischen Mitbürgern und forderte die Reitvereine auf, sich noch mehr als bisher um die Integration der Migranten zu kümmern. Hier werde sich die Bevölkerung in Deutschland ebenfalls verändern, sagte er und wies nach, dass der Anteil der Europäer an der Weltbevölkerung stetig abnimmt und weiter abnehmen wird:

Anteil der Europäer an der Weltbevölkerung:
1900 : 33%
2000 : 12%
2100 : 4%

Der Rückgang ist in Baden-Württemberg deutlich aber noch nicht dramatisch
Die Entwicklung im Pferdesportverband Baden-Württemberg in den letzten 5 Jahren macht einen Rückgang deutlich. Noch ist er nicht dramatisch, aber bedenkenswert. Die Zahl der privaten Pferdebetriebe – die konnte die FN durch guten Service an sich binden – nimmt zu und steht zum Teil bereits in spürbarer Konkurrenz zu den Vereinen, die oft personell nicht mehr in der Lage sind, einen florierenden Reitbetrieb zu unterhalten.

2002 2006
Mitglieder in Pferdesportvereinen Baden-Württembergs 2002: 106.512
2006: 105.708

Anzahl Pferdesportvereine in Baden-Württemberg
2002: 837
2006: 883

Durchschnittsgröße derPferdesportvereine/Mitglieder
2002: 127
2006: 119

Anzahl Pferdebetriebe in BW alsSondermitglieder
2002: 322
2006: 444


Bessere Öffentlichkeitsarbeit gefordert
Reinhardt Wendt merkte kritisch an, dass viele Menschen, potentielle Pferdefreunde und damit auch potentielle Mitglieder, nichts von den Angeboten der örtlichen Vereine wüssten. Er stützte sich dabei auf die umfangreiche Marktanalyse, die IPSOS-Studie von 2001, die die FN in Auftrag gegeben hatte: Die Angebote der Pferdesportvereine seien mehr als der Hälfte der Nichtmitglieder oder 55 Prozent nicht bekannt. Sogar potentielle Reiter (50 Prozent) seien nicht darüber informiert, wo man reiten kann.

Vereine befinden sich in Schieflage
Auf einem weiteren „Denkzettel“ notierte Wendt die Zahlen über die Pferdehaltung: Danach bringen nur 36 Prozent der Vereinsmitglieder ihre Pferde im Verein unter, 64 Prozent haben sie außerhalb untergebracht. Von den Nichtmitgliedern unter den Pferdebesitzern haben nur 15 Prozent ihre Tiere in einem Vereinsstall untergebracht, 85 Prozent halten sie bei Privatställen. Die Zahlen laufen auf eine Erkenntnis hinaus: Die Vereine befinden sich in einer bemerkenswerten „Schief-lage“ ihrer Entwicklung. Neben dem beginnenden Rückgang der Mitgliederzahlen schaffen sie es nicht, neue Mitglieder zu gewinnen, ältere Pferdefreunde aufs Pferd zu bringen, ehemalige Reiter wieder aufs Pferd zu holen und vor allem die älteren Mitglieder wieder stärker reiterlich am Vereinsleben zu beteiligen. Viele Vereine dümpelten in ihrem Dasein auf bleibendem oder gar sinkendem Niveau und verpassen möglicherweise den Anschluss im Konkurrenzkampf um neue Mitglieder.

Private Pferdebetriebe erstarken als Konkurrenten
Die privaten Pferdebetriebe sind, auch wenn sie sich der FN anschließen, in vielen Fällen bereits auf dem Weg, den Vereinen das „Dienstleistungswasser“ abzugraben. Die Betreiber verstehen es vielerorts, attraktive Angebote zu machen und durchzuhalten. Der Vorteil für die Einsteller: Sie müssen sich keiner „Vereinsverpflichtung“ fügen und können eher nach Lust und Laune die Angebote nutzen und ohne eigenen Aufwand genießen. In den Vereinen dagegen sind die ehren-amtlichen Mitarbeiter vielerorts „ausgelaugt“, häufige Vorstandswechsel signalisieren dies über-deutlich. Anerkennung fehlt oder ist mangelhaft, Ansprüche werden gestellt seitens der Mitglieder, ohne dass viel Mithilfe angeboten und geleistet wird. Das führt zu Frust. Alles zusammen macht den Vereinen schwer zu schaffen.

Die genannte Marktanalyse zeigt aber, dass es viele Menschen in Deutschland außerhalb der Vereine gibt, die regelmäßig reiten, nämlich rund 900.000. Weitere 870.000 würden gerne reiten. Demnach sind annähernd 2 Millionen Menschen in Deutschland am Pferd sehr interessiert. Dieses Potential gilt es zu nutzen und es bietet den Vereinen ein weites Feld der Betätigung.

Im nachfolgenden Beitrag geht es noch einmal aus anderer Sicht um das gleiche Thema.


Zukunft des Sports im demographischen Wandel
Sportorganisationen müssen für die Zukunft umlernen

Rostock (fn-press). „Der gesamte Sport unterliegt zukünftig einem gravierenden demographischen und gesellschaftlichen Wandel, dessen Auswirkungen im Augenblick noch kaum absehbar sind. Deshalb müssen sämtliche Sportorganisationen, um in der Zukunft bestehen zu können, neue Strategien, Konzepte und Instrumente entwickeln.“ Das waren Kernaussagen von Prof. Dr. Volker Rittner von der Deutschen Sporthochschule in Köln anlässlich der FN-Tagung in Rostock.

Der Anteil der unter 20-Jährigen an der Gesamtbevölkerung wird in den kommenden Jahren drastisch fallen, so Rittner. Schon bis zum Jahr 2020 wird der Anteil der bis zu 20-Jährigen in der Bevölkerung um rund 20 Prozent abnehmen. Entsprechend wächst der Anteil der älteren Altersgruppen. Dieser Trend wird noch dadurch verstärkt, dass die durchschnittliche Lebenszeit zunimmt. Mit den fehlenden Kindern und Jugendlichen verliert der gesamte Sport seine zur Zeit noch vordringliche Zielgruppe. Gleichzeitig gelte es zu erkennen, dass die Menschen zukünftig deutlich länger sportlich aktiv bleiben, wobei sich die Sportaktivitäten dieser ‚Neuen Alten’, so Rittner, vom zur Zeit herkömmlichen wettkampforientierten Sport deutlich unterscheiden.

Neben dem demographischen Wandel unterliegt der Sport aber auch einem strukturellen Wandel, der ebenso große Auswirkungen hat, sagt Rittner. Schon jetzt sei ein enormer Zuwachs an selbstorganisierten Sportaktivitäten außerhalb des Vereinsgeschehens zu verzeichnen. Die bisher bekannte Rolle des Sports beginne sich aufzulösen und die Motivation, Sport zu treiben, verändere sich. So spielen Fitness, Wellness und Gesunderhaltung eine zunehmende Rolle bei der Motivation, Sport zu treiben. Aber auch die zunehmende Individualisierung in der Gesellschaft habe deutliche Auswirkungen auf den Sport, seine Organisationen und Strukturen.

Für die Zukunft des Pferdesports im Besonderen sah es Rittner als positiv an, dass vom „Erlebnis Pferd“ in Kombination mit der Naturerfahrung eine hohe emotionale Bindung ausgehe. Von Vorteil sei auch, dass sich der Pferdesport, ob leistungs- oder rein freizeitsportlich bezogen, bis ins mittlere oder hohe Alter ausüben lasse. Daher habe der organisierte Pferdesport seine Mitgliederzahlen im Gegensatz zu einigen anderen Sportarten bisher noch halbwegs halten können. Dennoch müsse auch der Pferdesport die demographischen und gesellschaftlichen Entwicklungen berücksichtigen und sich ihnen anpassen. Als mögliche Maßnahmen forderte er die Entwicklung von zielgruppenspezifischen Angebotsformen und Erlebnisräumen für den Erwachsenenbereich sowie die stärkere Berücksichtigung der Themen Gesundheit, Fitness und Wellness. T.H.


Link: www.fn-aktuell.de