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TIERQUÄLEREI UND HINTERGRÜNDE
TIERQUÄLEREI UND HINTERGRÜNDE

Isny, Kreis Ravensburg.
Die Schwäbische Zeitung berichtete am 21. November 2006 davon: Drei inzwischen ermittelte junge Männer „stehen im Verdacht“, wie es so schön zurückhaltend heißt, am frühen Sonntagmorgen (!) auf einem Skaterplatz in Isny im Kreis Ravensburg eine junge Katze mit Benzin übergossen und angezündet „zu haben“. Ein älterer Mann entdeckte später das noch lebende Tier in einem Mülleimer. Die herbeigerufenen Polizisten erlösten das Kätzchen von seinen Qualen mit einem Schuss aus der Dienstpistole. Die „tatverdächtigen“ drei jungen Männer von 18, 19 und 21 Jahren wurden nach Hinweisen aus der Bevölkerung ermittelt. Die drei Schüler, so berichtete die Schwäbische Zeitung vier Tage später, hätten sich nach reichlichem Alkoholgenuss nachts gegen zwei Uhr auf den Skaterplatz begeben, wo sie zufällig das Kätzchen antrafen und unter einem umgestülpten Gittermülleimer gefangen hielten. Danach hatten sich die Täter bei einer Tankstelle einen halben Liter Benzin besorgt, den sie schließlich über die Katze gossen. Dabei legten die drei eine Art „Lunte“, um, für sich selbst gefahrlos, die Katze in ihrem Gefängnis anzuzünden. Bekanntlich ist Benzin hochexplosiv, so dass das Kätzchen im Nu in Flammen stand. Die drei Täter überließen nun das Tier seinem Schicksal und begaben sich wieder in eine Gaststätte, von wo aus sie mit dem Taxi nach Hause fuhren. Der Polizei gegenüber waren die drei geständig, berichtete die Zeitung.

Wie Bernhard Kotz von der Polizei Isny dem PRESSEDIENST mitteilte, werde die Anzeige vorbereitet. Möglicherweise, so erklärt der Polizeibeamte, werde die Staatsanwaltschaft Ravensburg ihrerseits ein Gutachten beim Veterinäramt Leutkirch über die Qualen der Katze anfordern. Zwischenzeitlich, so erklärte Polizeihauptmeister Kotz, werde es im Rahmen eines „Täter-Opfer-Ausgleichs“ zu einem Gespräch kommen zwischen dem Besitzer der Katze und den sogenannten Tatverdächtigen. Noch aber seien die Hintergründe der Tat nicht völlig durchleuchtet, weil der Hauptverdächtige zwar zugibt, bei der Tat dabei gewesen zu sein, sich aber über Einzelheiten und Motive noch ausschweigt. Die Öffentlichkeit sei, so sagte der ermittelnde Polizist, wegen der Tat sehr aufgeschreckt.

Pferdesportverband ist an der Verfolgung solcher Taten interessiert
Der Vorfall deckt sich insofern mit den Interessen der Pferdebesitzer des Landes, weil es ja immer wieder auch zu schweren Übergriffen gegenüber Pferden kommt. Der Pferdesportver-band Baden-Württemberg ist deshalb daran interessiert, dass auch derartige Taten intensiv verfolgt werden, die sich gegen andere Tiere als eben nur Pferde richten. Der Paragraph 17 des Tierschutzgesetzes verlangt nach einer konkreten Bestrafung, wenn Tieren Schmerzen zuge-fügt werden, um sie zu quälen. Da werden auch seitens der Pferdeleute keine Unterschiede zwischen den Tieren gemacht. Der Pferdesportverband ist froh darüber, dass es der Isnyer Polizei gelungen ist, so rasch nach der Tat die Verdächtigen zu ermitteln. Oft genug bleiben Tierquälereien und sonstige Übergriffe auf Tiere ungesühnt, weil es nicht genügend Hinweise und Beweise gibt. Im Übrigen heißt es im Gesetz, dass „mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft (wird), wer
1. Ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet oder
2. Einem Wirbeltier
a) aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden oder
b) länger anhaltende oder sich wiederholende Schmerzen und Leiden zufügt.

Per Gesetz wird Tierquälerei nach den Kriterien der (gefühllosen) Gesinnung des Täters sowie der Intensität der Misshandlungen bewertet.

Buchtitel erschienen: Verschwiegenes TierLeid
In diesem Zusammenhang macht der PRESSEDIENST ausdrücklich auf ein Buch aufmerksam, das 2006 erschienen ist: Verschwiegenes TierLeid – sexueller Missbrauch an Tieren (siehe Kontakt.) Nun, der Fall von Isny muss ja nicht unbedingt sexuelle Triebfedern haben. Aber die Autoren in diesem Buch untersuchten mit wissenschaftlichen Methoden viele Fälle von Tierquälereien im In- und Ausland. Immer wieder sind sich die Autoren darin einig, dass Tierquälerei neben den sexuellen Motiven auch mit „Machtverhalten“ gegenüber der Kreatur und/oder deren Besitzern einhergeht. Gleichzeitig sind sich die meisten Autoren darin einig, dass Menschen, die Tiere quälen, sehr oft in der Tierquälerei eine Art „Vorübung“ für Taten sehen, die sie möglicherweise im Stande sind Menschen zuzufügen. Wie aus „tierquälerischen“ Tötungsdelikten gegenüber Pferden bekannt ist, gibt es Täter, die nach ihren „Tierversuchen“ Menschen umbrachten.

Das Buch Verschwiegenes TierLeid analysiert das gesamte Spektrum der Kriminalität gegen Tiere. Unter zahlreichen anderen Autoren untersucht die promovierte Verhaltenswissenschaftlerin Alexandra Stupperich von der Universität Regensburg das Phänomen unter dem Gesichtspunkt „Tierquälerei und Gewaltstraftäter“. Sie kommt unter anderem zu folgender Er-kenntnis: „Die Motive erwachsener Straftäter, die sich auch an Tieren vergreifen, können folgendermaßen umschrieben werden: Aufrechterhaltung der Kontrolle, Rachsucht, Befriedigung eines Vorurteils, Vandalismus, Aufmerksamkeitserlangung, Aggressivitätssteigerung, Kanalisierung von Aggressionen oder Realisierung sadistischer Fantasien. Diese Motive können isoliert, aber auch kovariierend mit anderen auftreten.“

Weiter kommt die Sozialbiologin zu der Feststellung, „dass Tierquälerei das Ausleben machtorientierter, gewalttätiger Handlungsintentionen gegen ein fühlendes Mitgeschöpf bei geringst möglichem Risiko ermöglicht (geringe Entdeckungswahrscheinlichkeit, geringe Strafbewertheit.)“ Interessant ist Stupperichs Aussage über eine Untersuchung von 1996 im Zusammenhang von Tierquälerei und Brandstiftung: Die damaligen Autoren hätten 200 Fälle entlassener Brandstifter untersucht und festgestellt, „dass diejenigen Patienten, die neben der Brandstiftung auch Tiere quälten, signifikant häufiger durch ein späteres Gewaltdelikt auffielen also solche, bei denen Brandstiftung alleine auftrat.“ Bereits 1971, 1981 und 1994 hätten Wissenschaftler festgestellt, dass Tierquälerei „Einstiegskriminalität“ sei. Tierquälerei sei also „nur eine Stufe in der gewaltkriminellen Karriere auf dem Weg zum gewohnheitsmäßigen Gewaltverbrecher.“

Gewalt gegen Tiere entspringt häufig häuslicher Gewalt
Alexandra Stupperich berichtet in ihrem Beitrag für das Buch Verschwiegenes TierLeid von Untersuchungen aus den 1980-er Jahren, die feststellten, dass Gewalt gegen Tiere in Familien verbreitet ist, aus denen über häusliche Gewalt berichtet wurde. In mehr als sechzig (60 !) Prozent solcher Familien käme auch Tierquälerei vor. Eine Studie mit 2 600 Jungen und Mädchen im Alter von 4 bis 16 Jahren konnten Wissenschaftler 1991 „signifikant höhere Tierquälereiraten feststellen, wenn diese aus sozial belasteten Familien stammten, insbesondere wenn es sich um Jungen handelte. Die Autoren führen diese Verhaltensweisen auf sozial kognitive Lernprozesse zurück. Die Gefahr, dass einmal gelernte und etablierte Verhaltens-strategien beibehalten und auch im Erwachsenenleben gezeigt werden, ist relativ groß.“ Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss: „Gewalt, die gegen Tiere gerichtet wird, ist oft ein zwanghaftes Muster und ein Indikator, dass diese... auch gegen andere Opfer gerichtet werden kann.“

Tierquälerei durch Gruppen
In ihrem Aufsatz geht Alexandra Stupperich auch auf Tierquälerei durch Gruppen ein und berichtet von einschlägigen Untersuchungen von Kollegen aus dem Jahre 2005: „Tierquälerei bei Gruppen, vor allem in Jugendgangs, wird in verschiedenen Kontexten beschrieben. (So)... ermutigen die andern Gruppenmitglieder den Täter zu seiner Tat... Die Tierquälerei kann jedoch auch aus Langeweile oder „Sensation Seeking“ heraus erfolgen.“ Die Auswahl des Opfers bei Gruppendelikten sei eher zufällig.

Schlussbetrachtung: Tierquälerei nicht verharmlosen!
Vertieft man sich in die Literatur – das Buch Verschwiegenes TierLeid bedarf als „Lesestoff“ einer Menge Zeit – so kann man nur zu einem Ergebnis kommen: Tierquälerei darf nicht verharmlost werden als „Untaten an einer Sache“. Bei Tieren handelt es sich unbestritten um Mitgeschöpfe, deren Schutz es zu erhöhen gilt, weil sie sich niemals wirklich wehren können gegen die Gewalt, der sie ausgesetzt werden.

Wie vielschichtig das Problem der Tierquälerei oder des Missbrauchs von Tieren ist, macht das Buch eindringlich und für den Leser sehr oft erschütternd deutlich. Die Vielschichtigkeit des Themas um Tierquälerei und Missbrauch zeigt das Buch überdeutlich auf. Und der unvor-eingenommene Leser kann sich so manches nicht vorstellen, was die Autoren in ihren Aufsätzen und Ergebnissen beschreiben. In den Abgrund, der sich hier dem menschlichen Auge öffnet, möchte eigentlich niemand so recht hinabschauen. Das tun die Autoren, ohne jedoch Details auszubreiten. Es genügt dem Leser eigentlich schon, zu erkennen, wie bodenlos ekelhaft und erschreckend die Szenerie sein kann und vielmals auch ist.
Martin Stellberger

Buchtitel: Verschwiegenes TierLeid – sexueller Missbrauch an Tieren – Analysen, Schicksale, Rechtslage, Autorin: Birgit Schröder (Hrsg), erschienen 2006 im Verlag & Vertreib Schröder; 326 Seiten, ISBN 3-00-017726-4.

Kontakt: Verlag & Vertrieb Schröder, Windhagen,