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Hans Günter Winkler zum 80. Geburtstag
Hans Günter Winkler wird 80

Warendorf. Am 24. Juli vollendete Hans Günter Winkler, Warendorf, der erfolgreichste Springreiter der Welt, sein 80. Lebensjahr. Die Summe seiner Erfolge macht eine komplette Auflistung fast unmöglich, daher hier nur die wichtigsten: Bei sechs Olympischen Spielen zwischen 1956 bis 1976 gewann er fünf Gold-, eine Silber- und eine Bronzemedaille. Zwei Weltmeistertitel errang er 1954 und 1955. Bei Europameisterschaften gewann er eine Gold-, zwei Silber- und vier Bronzemedaillen. Hinzu kommen sechs Deutsche Meistertitel und 107 Einsätze bei Nationenpreisen.

Hans Günter Winkler, am 24. Juli 1926 in Wuppertal geboren, hat schon in frühester Kindheit durch seinen Vater, der Reitlehrer war, Kontakt zu Pferden. Ab 1938 lebt die Familie in Frankfurt, da Vater Winkler hier die Leitung eines privaten Reitstalls übernommen hatte. Das Schicksal Hans Günter Winklers im Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit ähnelt dem Millionen anderer Deutscher: Einberufung zum Reichsarbeitsdienst, Flakhelfer, Bombentod des Vaters in der letzten Woche des Krieges. In Thüringen gerät Winkler in amerikanische Kriegsgefangenschaft, flieht, schlägt sich nach Frankfurt zu seiner Mutter durch, liegt lange Zeit mit Leberentzündung und Gelbsucht im Krankenhaus und steht wie der Großteil der deutschen Bevölkerung vor einer ungewissen Zukunft.

Bald darauf hört er, dass ein alter Bekannter seines Vaters, bei dem er schon während des Krieges geritten hatte, in Kronberg bei Frankfurt wieder einen Reitbetrieb aufgebaut hatte und amerikanischen Offizieren Reitunterricht gibt. Unter den Amerikanern war kein geringerer als der damalige Armeegeneral und spätere US-Präsident Dwight D. Eisenhower. Kurz darauf wird Winkler Angestellter der US-Armee.

1948 beginnt seine sportliche Karriere mit ersten Platzierungen und Siegen in regionalen Springprüfungen. 1950, Winkler hat sich bis dahin sportlich schon einen gewissen Namen gemacht und parallel dazu eine kaufmännische Ausbildung absolviert, holte ihn Dr. Gustav Rau nach Warendorf, Chef des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) und treibende Kraft des organisierten Pferdesports in Deutschland. Hier reitet Winkler Vielseitigkeit und Springen, arbeitet gleichzeitig als kaufmännischer Angestellter und trifft auf das Pferd, mit dem er später zur Legende werden sollte. Halla, die 1949 zum DOKR gekommen war und „als wenig zuverlässig in der Dressur und ungeeignet für das Springen galt“, wird durch Winkler geformt. Gemeinsam entwickeln sich die beiden zu einem Spitzenpaar des internationalen Springsportes.

Sportliche Unsterblichkeit erringen beide bei den Olympischen Spielen 1956 in Stockholm. Im ersten Umlauf des Nationenpreises drückt Halla, von Winkler liebe- und respektvoll oft als „Mischung aus Genie und irrer Ziege“ bezeichnet, über dem 13. Hindernis so stark ab, dass sich ihr Reiter dabei einen ungemein schmerzhaften Muskelriss in der Leiste zuzieht. Um das deutsche Team und die Träume vom olympischen Mannschaftsgold nicht platzen zu lassen - das damalige Reglement sah noch kein Streichergebnis vor - beschließt Winkler, trotzdem zum zweiten Umlauf anzutreten. Halb besinnungslos vor Schmerzen und kaum in der Lage, der Stute die notwendigen Hilfen zu geben, gehen die beiden an den Start. Und das Unglaubliche geschieht: Halla, die es Winkler mit ihrem eigensinnigen Charakter oft so schwer gemacht hatte, überwindet den Parcours ohne Fehler. Damit ist der deutschen Mannschaft, zu der neben Winkler und Halla auch Fritz Thiedemann mit Meteor und Alfons Lütke Westhues mit Ala gehören, die olympische Goldmedaille nicht mehr zu nehmen. Gold gibt es für Winkler und Halla auch in der Einzelwertung. Eine Legende war geboren.

Winkler gewann mit der „Wunderstute“ Halla und der deutschen Equipe 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom nochmals die Goldmedaille. Wenn er auch mit Halla seine spektakulärsten Erfolge erzielte, so brachte Winkler in den folgenden Jahrzehnten immer wieder hervorragende Pferde in den Sport, mit denen er außergewöhnliche Erfolge erreichte. Mit Sonnenglanz wurde er 1957 Europameister der Springreiter. Mit Fidelitas gewann er 1964 mit der Mannschaft erneut die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Tokio. Mit Enigk erzielte er 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko Mannschafts-Bronze und gewann zwei Mal in London den berühmten „King George V. Gold Cup“. Torphy hieß sein Pferd 1972 bei den Olympischen Spielen in München. Gemeinsam mit dem deutschen Team gewannen die beiden die Mannschafts-Goldmedaille. Vier Jahre später, bei den Olympischen Spielen in Montreal, war es die Silbermedaille in der Mannschaftswertung. Mit Romanus gewann Winkler unter anderem eine Silber- sowie zwei Bronzemedaillen bei Europameisterschaften.

Nach rund 35 Jahren nahm Hans Günter Winkler bei den Weltmeisterschaften 1986 in Aachen seinen Abschied aus dem großen Sport. Bereits ein Jahr zuvor hatte er, bedingt durch den tragischen Unfalltod des damaligen Bundestrainers der Springreiter, Hermann Schridde, eine neue Aufgabe übernommen. Gemeinsam mit Herbert Meyer, Lilienthal, trat er das Erbe des verstorbenen Bundestrainers an. Bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988, bei denen die deutsche Mannschaft Gold und Karsten Huck, Borstel, in der Einzelwertung Bronze gewannen, war er Equipechef des deutschen Teams. Ende 1988 übernahm Winkler dann die Leitung des DOKR-Springstalles in Warendorf. Anfang 1991 gab er nach Erreichen der Altersgrenze diese Aufgabe an Bundestrainer Herbert Meyer ab.

Zur Ruhe setzte sich Winkler jedoch nicht. Als selbständiger Kaufmann betätigt er sich bis heute mit seiner Firma HGW-Marketing erfolgreich im Sport-Marketing. Mit Ehefrau Debby Malloy, einer amerikanischen Springreiterin, gründete er in Warendorf einen Turnierstall. Auch ehrenamtlich engagiert er sich, beispielsweise als Mitglied des DOKR-Springausschusses. Besonders erwähnenswert ist sein Einsatz für den reiterlichen Nachwuchs. Winkler rief viele erfolgreiche Fördermaßnahmen für junge Springreiter ins Leben. Winklers Devise: „Der Sport hat mir unheimlich viel gegeben, vielleicht kann ich auch etwas zurückgeben.“

Hans Günter Winklers sportlichen Erfolge brachten ihm nicht nur die Ehrenbürgerschaft seines Wahl-Heimatortes Warendorf sondern auch zahlreiche weitere Auszeichnungen ein. So wurde Hans Günter Winkler das Große Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland sowie der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen. Seine Popularität in der Öffentlichkeit dokumentiert sich vielleicht noch mehr dadurch, dass er zwei Mal zum Sportler des Jahres und ein Mal sogar zum Sportler des Jahrzehnts gewählt wurde. Im Jahr 2000 wurde Hans Günter Winkler als erster Sportler von der Deutschen Sporthilfe mit der neu geschaffenen „Goldenen Sportpyramide“ für sein Lebenswerk gewürdigt. Im Mai 2001 wurde ihm die FN-Ehrenmitgliedschaft verliehen. T.H.