Startseite
Kontakt
Anja Traub – Goldenes Voltigierabzeichen PD 07/2006
Anja Traub – Goldenes Voltigierabzeichen

Tettnang-Krumbach.
In Schutterwald, wenn im Juli (14.-16. Juli 2006) die Landesmeisterschaften des Pferdesportverbandes Baden-Württemberg abgehalten werden, feiert Anja Traub aus Tettnang einen ganz besonderen Tag: Sie wird mit dem Goldenen Voltigierabzeichen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung geehrt. 18 Jahre alt ist die blonde, zierliche Sportlerin aus Oberschwaben. Sie hat ein ganz großes Herz für das Voltigieren und jede Menge Mut. Wer getraut sich denn schon, auf einem galoppierenden Pferd alleine, zu zweien oder gar zu dritt vorgeschriebene, akrobatische Übungen zu zeigen, meterweit vom Boden entfernt? Die Voltigierer, die haben das drauf.

Bei Anja Traub allerdings stand das Voltigieren nicht von Anfang an auf dem Freizeitprogramm. Sie spielte Fußball beim Sportverein Tannau. „Damals hatte keiner in unserer Familie eine Beziehung zu Pferden“, erzählt Anja Traub. Irgendwann aber wurde sie gepackt vom Pferdevirus. „Voltigieren hat mir von Anfang an Spaß gemacht!“ sagt sie. Im November 1993 trat sie der Voltigiergruppe des Reitvereins Krumbach bei und entwickelte ein ungeahntes Talent. Schon im Herbst 1995 durfte das sportliche Mädchen mit zum ersten Turnier. 1999 startete sie in Leonberg erstmals als Einzelvoltigiererin beim sogenannten Nachwuchs, dann zusammen mit einer Partnerin im Doppel. Das war in Isny. Im gleichen Jahr trat sie zum ersten Mal bei der Landesmeisterschaft in Schutterwald an und wurde in der Gruppe der Nachwuchstalente Fünfte. Die Szene war auf die junge Sportlerin aufmerksam geworden.

Das Jahr 2000 wurde zum Schlüsseljahr. Sie erhielt eine Ausnahmegenehmigung zum Start als Einzelvoltigiererin. Sie gewann die Meisterschaft des Pferdesportkreises Oberschwaben auf Anhieb und kam bei der Süddeutschen Meisterschaft in Leonberg auf Platz sechs. Wieder ein Jahr später hatte Anja Traub eine ganze Reihe wichtiger Auftritte: Bei den Landesmeisterschaften in Schutterwald wurde sie Fünfte der Einzelvoltigierer, Zweite im Doppel und mit ihrer Gruppe gewann sie gar das Championat. Folge? Anja Traub wurde für die Deutsche Meisterschaft in Elmlohe nominiert und kam dort auf den 14. Platz. 2002 hatte die Tettnangerin kaum mehr Zeit, neben Schule und Volti-Training an etwas anderes zu denken. Sie war so gut trainiert, dass sie zehn verschiedene Turniertermine wahrnehmen musste. Zunächst startete sie beim Karstadtturnier in Mannheim – Platz 10. Darauf siegte sie im Vergleichskampf der Pferdesportkreise in Ulm. Bei der Bundessichtung in Krumke wurde sie Fünfte in der Einzelkonkurrenz und wurde dazu in die Volti-Gruppe von Mainz-Laubenheim aufgenommen. Zu Hause gab es nämlich keine entsprechend hoch qualifizierte Gruppe und das Vereinspferd war gerade nicht einsatzfähig. Den Mainzern fehlte zudem eine gute Sportlerin. So fügte sich alles gut zusammen. Mit den Mainzern errang sie dann Platz eins der Bundessichtung. Ein Riesenerfolg wurde ihr Sieg beim Preis der Besten in Wiesbaden als Einzelvoltigiererin: Sie hatte gegen die Weltmeisterin Nadja Zülow gewonnen. Der Sieg war eine Sensation und brachte ihr große Wertschätzung der Szene ein. Sechste wurde sie bei der Süddeutschen Meisterschaft, zweite bei der Landesmeisterschaft in Schutterwald.

Im August 2002 stellte Anja Traub schließlich die Weichen für ihren bisher größten persönlichen Erfolg: Die Weltmeisterschaft der Voltigierer sollte nicht ohne Anja Traub stattfinden, hatte sie sich vorgenommen. Sie durfte als Mitglied der Mainzer Gruppe um den Sieg voltigieren. Ergebnis: Mainz-Laubenheim errang mit Hilfe der Oberschwäbin die Goldmedaille. Wenige Wochen später folgte der nächste große Auftritt. In der Stuttgarter Schleyerhalle traten die Voltigierer mit Wettkämpfen auf. Mit Anja Traub startete hier erstmals eine baden-württembergische Voltigiererin im Doppel mit dem deutschen Spitzen-Voltigierer Gero Mayer und errang Platz drei. Das heimische Publikum feierte sie überschwänglich.

In den Folgejahren erzielte Anja Traub immer wieder hervorragende Platzierungen bei Meisterschaften und Achtungserfolge bei internationalen Turnieren. Das ging so weiter auch die gesamte Saison 2005 über. Siege in Serie und beste Platzierungen stehen auf ihrem Konto. Die aktuelle Saison 2006 hat Anja Traub wieder mit drei Siegen begonnen: Sie gewann die Kreismeisterschaft Oberschwaben im Einzel- und Gruppenvoltigieren sowie die Süddeutsche Meisterschaft in Viernheim im Einzelvoltigieren.

Wer das Goldene Reiterabzeichen bekommt, ist im Springen und in der Dressur einfach nachzuvollziehen. Dort zählen Siege in Klasse S. Aber wo liegen die Kriterien beim Voltigieren? Anja Traub erklärt: „Das Goldene Voltigierabzeichen bekommt derjenige verliehen, der zehnmal die Wertnote 8,5 und höher erreicht. Meine besten Wertungen für das „Goldene“ erhielt ich 2002 beim Preis der Besten in Wiesbaden mit Note 8,8, in Kreuth bei der Deutschen Meisterschaft mit 8,8 und 8,6.“ Vor zwei Jahren erhielt sie bei den Sichtungsturnieren in Pforzheim, Karlsruhe und Neubulach 8,5 und einmal 9,0. Auch 2005 hatte die Tettnangerin 8,5, zweimal 8,7 und einmal 8,8 erreicht. „Meine letzte hohe Note von 8,6 erhielt ich kürzlich beim Paul-Lorenz-Gedächtnisturnier in Leonberg“, berichtete Anja Traub.

So ganz alleine möchte Anja Traub ihren sportlichen Erfolg und Ruhm nicht „auf sich sitzen lassen“! Zum Siegen gehören ja schließlich mehrere. Anja Traub weiß nämlich ganz genau, dass sie neben ihren Eltern Alfred und Doris Traub vor allem Martina Fröhlich aus Wolfegg viel zu verdanken hat. Martina Fröhlich ist nicht nur Longenführerin, sie ist auch Trainerin und Freundin. Anja Traub erzählt: „Martina begleitet mich von Anfang an und trainiert mit mir viele Stunden im Jahr. Ohne sie hätte ich es nicht zu meinen vielen Erfolgen und zur Weltmeisterschaft gebracht!“ So fällt also in Schutterwald, wenn die Ehrung stattfindet, auch viel Glanz auf die Helfer und Freunde. Die haben es verdient, weiß Anja. Allerdings erhielt die Sportlerin zwischendurch auch einen Dämpfer. Sie hatte sich 2004 ziemlich schwer verletzt, war im Krankenhaus und ging lange an Krücken. Das warf sie zurück. Ihr Fehlen in der Szene hatten die „Nachwachsenden“ inzwischen genutzt und wurden zur Konkurrenz der Tettnangerin. So dauerte es seine Zeit, bis sich Anja Traub wieder an die Spitze kämpfen konnte.

Anjas Talente beschränken sich indes nicht nur auf den Sport. Sie hat in ihrer Schulzeit so manchen Malwettbewerb gewonnen und stellte gleich zweimal „Cover-Bilder“ für das Telefonbuch der Telekom. Auch die schulischen Leistungen litten nicht unter dem Sport. Da sie inzwischen die Mittlere Reife abgelegt und auch die Fachhochschulreife erlangt hat, orientiert sie sich beruflich. Sie möchte Physiotherapeutin werden. Dass sie das neben dem Sport, der viel positive Einstellung verlangt, schafft, da ist sich die junge Tettnangerin, die eigentlich aus dem Teilort Obereisenbach kommt, sicher: „Ich habe gute Nerven und kann mit Stress gut umgehen“, beschreibt sie ihre Stärken. Doch eine Schwäche habe sie auch, gibt sie freimütig und ein wenig verschmitzt lächelnd zu: „Mein Problem beim Voltigieren sind die sogenannten Aufgänge aufs Pferd. Ich bin einfach zu klein!“ Klein – vielleicht, aber Anja hat ein großes Herz und viel Mut. Deshalb wagt sie einen Schritt, der nicht alltäglich ist: Bevor sie nämlich ihre berufliche Ausbildung in Angriff nimmt, fliegt sie im September für sechs Monate nach Südafrika. Was Anja Traub dort macht? Sie trainiert in Kapstadt südafrikanische Voltigierer. Die Kontakte für dieses Unternehmen hat sie bei den zahlreichen Begegnungen während internationaler Wettkämpfe geknüpft. Eine Freundin hat ihr zudem den Weg dorthin geebnet. Zuvor aber steht noch der Versuch aus, sich als Einzelvoltigiererin für die Weltreiterspiele in Aachen zu qualifizieren. Ihre Longenführerin Martina Fröhlich wird sie und ihr Vereinspferd Wum dafür noch fleißig trainieren. Ob alles gelingen wird, das zeigt sich bei der letzten Sichtung in München. Bei so viel Unternehmungsgeist und sportlichem Ehrgeiz kann man nur noch wünschen: Alles Gute und viel Erfolg.
Martin Stellberger