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Weidezäune –Gefahr statt Sicherheit PD 07/2006
Warum sind Weidezäune oft ihren Namen nicht wert?

„Pferde gefährden den Verkehr“. „Pfusch am Zaun muss teuer werden“. „Kein Pferd bricht grundlos aus!“ Schlagzeilen in der Tagespresse des Landes lassen ebenso aufmerksam werden wie die Warnhinweise im Verkehrsfunk: „Achtung Autofahrer! Auf der A 7 zwischen... Gefahr durch und für Pferde!“ Gerade Pferdefreunde wundern sich immer wieder, dass es solche Ereignisse geben kann.

Den Menschenfreund kann’s grausen
Oder sollte man sich doch nicht wundern? Fährt man über Land und schaut sich die verschiedenen „Einfriedungen“ von Weiden für Kühe und Pferde an, so kann es den Tier- und Menschenfreund grausen. Was da als Zaun bezeichnet wird und als solcher eine Schutzfunktion einnehmen soll, ist blanker Hohn. Ein paar alte Stöcke im Boden, windige Isolatoren und noch windigere Drähte sollen mit Hilfe von Strom den Tieren Respekt einflößen? Sollen gar Menschen vor Unfällen schützen. Wer’s glaubt! Dazu ist noch nicht einmal sicher, ob der Strom wirklich ungehindert durchfließen kann. Geflickte Drähte und Bänder, am Zaun hochgewachsenes Gras machen die „Einfriedung“ noch unsicherer. Schaut man genau hin, ist auch das Weidezaungerät nicht in Ordnung, hat keinen Strom mehr im Akku oder ist einfach zu schwach. Oft wird der Strom erst gar nicht eingeschaltet, vergessen...

Können „Tierhüter“ da noch ruhig schlafen?
Direkt an der sehr stark befahrenen Bundesstraße von Ravensburg nach Wangen weiden Pferde. Sie sind friedlich und scheinen sich wohl zu fühlen. Doch plötzlich erschrecken sie, reagieren wie Fluchttiere, laufen aufgeregt auf der Weide hin und her, am Zaun entlang. Sie wissen, da fließt Strom und scheuen den Draht. Die Tiere beruhigen sich wieder. Glück gehabt – sagt der Beobachter. Der Zaun ist ja auch wirklich kein Hindernis. Er hält wahrlich weder Pferd noch Kühe auf. Wenn die erst einmal loslegen, dann verliert ein solch „loddriger Zaun“ jeglichen Respekt. Dass die Landwirte, Pferdebesitzer und vor allem die „Tierhüter“ da noch ruhig schlafen können!?

120 Fälle in zwei Landkreisen
Wie das Schwäbische Tagblatt Mitte Mai berichtete, sind im Landkreis Tübingen in 60 Fällen Großtiere aus ihren Weiden ausgebrochen. Die Polizei musste ausrücken und Vorsorge treffen. Die Beamten sind hochsensibel, wenn sie zu solchen Vorgängen gerufen werden. Seit 2000 hat es in Tübingen elf Verkehrsunfälle mit Pferden gegeben. Die Folgen bei einem Zusammenstoß von Auto und Pferd sind meist schwerwiegend – im Sinne des Wortes. Für die Menschen besteht extrem hohe Lebensgefahr, auch für die Tiere. Die Folgen für den Besitzer der Tiere sind unabsehbar. Er kann um Hab und Gut kommen. Denn wenn es tatsächlich zum „Schwur“ kommt, hilft die beste Tierhüterversicherung nix. Entspricht der Zaun nicht den gängigen Erfahrungswerten und Empfehlungen, bleibt der verantwortliche Tierhüter im Sumpf der Regressansprüche stecken.

Anruf bei der Polizeidirektion Ravensburg. Pressesprecher Kuhn gibt anschließend über Mail bereitwillig Auskunft. Erstaunliches gibt er preis: Auch im Landkreis Ravensburg wurde im Jahr 2005 die Polizei 60 mal wegen entlaufener Großtiere gerufen. Die Oberschwaben hatten aber Glück. Es passierte in allen Fällen – nichts! Pressesprecher Kuhn glaubt, dass die Ursache für die häufigen „Ausbrüche“ von Pferden und Rindern an den großen Mängeln der Zäune liegt. Nur eine geringe Zahl von Pferden reiße während eines Ausrittes aus, meint Kuhn. Gleichwohl glaubt der Beamte, dass die Gesetzeslage für die Sicherung von Weiden ausreichend sei.

Gemeinden können anordnen wegen „abstrakter Gefahr“
Rainer Kaltenmark vom Ordnungsamt Tübingen schreibt bei schweren Mängeln an Zäunen Briefe an die Besitzer, das berichtete das Schwäbische Tagblatt. Das helfe in den meisten Fällen. Kaltenmark glaubt, so berichtet die Zeitung, dass eine Gemeinde mit Hinweis auf Paragraph 10 des Polizeigesetzes durchaus eingreifen kann, um Weideschlampern auf den Leib zu rücken. Das Vorliegen einer „abstrakten Gefahr“ könne eine Gemeinde zum Anlass nehmen, entsprechende Gebote zu erlassen für „eine unbestimmte Anzahl von Fällen an eine unbestimmte Anzahl von Personen“, erläutert der Chef des Tübinger Ordnungsamtes.

Wie sollte der Zaun einer Pferdeweide beschaffen sein?
Wie sollte nun der Zaun einer Pferdeweide beschaffen sein, der den Namen Zaun verdient und auch eine entsprechende Wirkung hat? Der PRESSEDIENST hat nachgeforscht und festgestellt, dass es gute, informative und ausreichende Beschreibungen gibt. Im Landratsamt Ravensburg zum Beispiel ist eine Broschüre erhältlich: „Sichere Weidezäune“. Darin wird beschrieben, wie ein Zaun beschaffen sein muss: „Er muss hütesicher sein!“ Weidezäune sollen in die Landschaft passen und gleichzeitig tierfreundlich sein. „Weidezäune haben in erster Linie sicherheitstechnischen Erfordernissen zu genügen.“ Diese sind je nach Weidefläche, Lage, Örtlichkeit und Sensibilität der Weidetiere unterschiedlich. Die Art des Zaunes muss also „auf das Gefährdungspotential“ abgestimmt sein. Gerade in ländlichen Regionen werden meist Weidezäune benutzt, die allein auf die Abschreckung durch Strom setzen. Derartige Weiden erfordern ein hohes Maß an Sorgfalt. Diese Sorgfalt scheint in nicht wenigen Fällen völlig lahm zu liegen. Das „Gefährdungspotential“ ist doch aber gerade an einer stark befahrenen Straße ungleich höher als irgendwo im Hinterland.

Holzstangenzaun „typisch“ für Pferdeweiden
Pferde sind bekanntlich hochsensible Tiere, deren Fluchtinstinkte trotz Domestikation voll funktionsfähig geblieben sind. Deshalb birgt die Weidehaltung von Pferden ein hohes Maß an Gefahren. Gerade die „Pfähle“ bei beweglichen Zäunen unterliegen einer hohen Belastung. Die Broschüre „Sichere Weidezäune“ spricht von der „Biegewechselfestigkeit“ der Zaunpfähle. Die Pfosten können brechen, nicht selten auch deshalb, weil das Kunststoffmaterial ermüden kann. Die Broschüre weist gerade bei Weidezäunen für Pferde darauf hin, dass ein Holzstangenzaun „typisch“ für Pferdeweiden sei. Die Autoren beschreiben genau, wie ein solcher Zaun beschaffen und errichtet sein muss. Grundsätzlich werden drei Drähte übereinander empfohlen. Zäune für Kleinpferde sollen die Höhe von 1,20 Metern erreichen, Großpferde sollen mit Zaunhöhen von 1,40 Metern gesichert werden. Ausdrücklich für Springpferde werden 1,60 Meter empfohlen. Für kleinflächigere Paddocks empfiehlt die FN sogar eine Höhe von 1,60 m bis 1,80 m.

FN gibt gute Tipps
Natürlich ist der FN-Verlag eine weitere Bezugsquelle für Informationen zum Thema. Unter dem Titel „Orientierungshilfen Reitanlagen- und Stallbau“ beschreiben die Fachleute der Deutschen Reiterlichen Vereinigung auch die Ausstattung von Weiden: „Der Koppelzaun soll stabil, verletzungs- und möglichst ausbruchsicher sein, gut sichtbar und respekteinflößend!“ Die FN empfiehlt eine Zaunhöhe zwischen 1,20 m und 1,50 m. Und weil die Zaunpfähle mit einem Drittel ihrer Länge eingegraben werden müssen, müssen sie entsprechend lang sein, um die geforderte Höhe von 1,50 Meter über dem Boden zu erreichen. Wie der Zaun fachgerecht gebaut werden muss, wird anschaulich beschrieben. Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten, abgestimmt auf die örtlichen Gegebenheiten. Die FN-Fachleute weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Zäune regelmäßig überprüft werden müssen: Die stromführenden Drähte und Bänder z. B. müssen auch weit entfernt von der Stromquelle noch 2.000 Volt Hüte-Spannung haben.

Baugenehmigungen sind nicht immer durchsetzbar
Ein Problem gibt es aber dennoch beim Zaunbau: die Baugenehmigung. Während landwirtschaftliche Betriebe die geringsten Probleme mit dem Bau eines ordentlichen, festen Zaunes haben, haben es Hobbylandwirte und Pferdehalter hingegen ziemlich schwer, die nötige Sicherheit für Pferde und Mitmenschen mit der Baugenehmigung für einen festen Zaun zu vereinbaren. Vorschriften sind nicht nur manchmal bürokratische Hemmnisse. Auch hierüber informieren die genannten Broschüren.

Fazit:
Wie es sein sollte, das weiß man. Umsetzen aber muss man es wollen.

Gute Tipps für den Zaunbau gibt es also zur Genüge. Auch Versicherungen halten solche Ratschläge bereit. Deshalb ist es unverständlich, warum viele „Tierhüter“ und Pferdebesitzer so sorglos und vor allem verantwortungslos mit ihren Tieren umgehen und schlampige Zäune akzeptieren - zu Lasten möglicher betroffener Unfallopfer und auch ihrer eigenen Existenz. Vorbeugen ist besser als bohren – diese Zahnarztweisheit gilt im übertragenen Sinne auch für jene, die Tiere auf Paddocks, Wiesen und Koppeln weiden lassen.

Bestellmöglichkeiten:
„Orientierungshilfen Reitanlagen- und Stallbau“, FN-Verlag Warendorf oder im Buchhandel ISBN 3-88542-243-3. Autoren sind Dipl.-Ing. agr. Gerlinde Hoffmann und Dr. Hans-Dietrich Wagner

„Sichere Weidezäune“ bei aid-Vertrieb DVG, Birkenmaarstraße 8, 53340 Meckenheim, Tel: 02225-926146, Mail: aid@dvg.dsb.net