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Goldenes für Sigrun Wittenborn PD 06/1998
KETSCH. Sigrun Wittenborns Bericht über ihre Reiterkarriere löst Schmunzeln aus. Typisch Frau könnte man sagen. Aber das wäre auch nur dahergesagt. Wer dahinter schaut, erkennt: Hier hat sich eine Reiterin vom Klein-Mädchen-Sport "Putzen, Zöpfe flechten, Pflegen, Trockenreiten" durchgebissen zur respektierten Sportlerin, die wirklich etwas kann. Sigrun Wittenborn bekam im Rahmen des Mannheimer Maimarkt-Turniers 1998 das Goldene Reiterabzeichen für zehn Siege in schweren Springen verliehen. Weitere zehn zweite und dritte Plätze stehen auf ihrem Konto.

Mit acht Jahren hat Sigrun Wittenborn mit dem Voltigieren begonnen, gefördert von ihrer Oma, die das ewige Drängeln der Kleinen gegenüber den Eltern beenden wollte. Bis zum 16. Lebensjahr voltigierte Sigrun beim Waiblinger Verein. In diesen Jahren war sie Tag für Tag im Reitstall, putzte Pferde, half beim Füttern und Misten, kurz, sie war immer greifbar, tat alles, um in der Nähe der geliebten Pferde zu sein. Heimlich trabte sie beim Trockenreiten an, erzählt sie heute, und hat längst vergessen, wie oft sie dabei runtergefallen ist, weil sie die Pferde nicht mehr anhalten konnte. Mindestens einmal pro Woche schüttelte sie nach einem Sturz den Dreck aus den Kleidern.

Rudi Kasper, damals Reitlehrer im Verein, erbarmte sich schließlich, sicher auch von der Beharrlichkeit des Mädchens beeindruckt. Er longierte für Sigrun Witter-Born das Pferd, gab ihr erste Anweisungen. Später bekam sie ein Privatpferd zur Pflege und zum Reiten. Es musste wegen seiner Dämpfigkeit täglich bewegt werden - hinter der Abteilung. "Da ich damals keine richtige Reitkleidung besaß, waren meine Beine ständig von oben bis unten aufgescheuert", erzählt die Reiterin. Und Muskelkater kannte sie in allen Abstufungen. "Aber ich war sehr glücklich, weil ich endlich auch mal im Sattel Trab und Galopp reiten durfte." Bald kam die Zeit ihrer ersten Reiterwettbewerbe. Zehn hat sie davon gewonnen, was dann das Ende derb-artiger Wettbewerbe für die 13jährige bedeutete. Irgend jemand gab ihr schließlich ein gutes Dressurpferd. Siege in Klasse L und M stachelten die Reiterin weiter an. Sogar für die Landesmeisterschaft wurde sie zugelassen und einmal für die "Deutsche" nominiert - leider ohne Erfolg: Ihr Pferd war kurz vor der Meisterschaft verkauft worden.

Mit 18 Jahren entschied sich Sigrun Wittenborn für ein eigenes Pferd und legte ihre gesamten Ersparnisse für "Lato" an. Vier Jahre alt war das Pferd. Über Erfolge von A bis M/A hatte sie bald viel Freude - allerdings im Springsattel. Sie hatte "umgeflaggt". Doch: "Richtig Springreiten, d.h., dass ich überhaupt erst anfing zu begreifen, worum es beim Springreiten eigentlich geht, begann ich erst mit 22 Jahren zu lernen!" erzählt sie. Hermann Schridde war dabei als Ausbilder maßgebend. Lehrgänge bei "HGW" und Lutz Merkel folgten. "Aber der allerwichtigste und beste Trainer war mein Mann Udo!" Mit ihm ist die 42 Jahre alte Sportlerin seit 1983 verheiratet und hat zwei Kinder. Beide sind reitbesessen: die 10jährige Tochter in der Dressur, die 13jährige im Springen.

Sigrun Wittenborns Serie für das Goldene Reiterabzeichen begann indes vor sechs Jahren mit dem ersten S-Sieg in Mannheim-Neckarau. Doch schon 1986 war sie Landesmeisterin in Tübingen geworden. 1996 platzte dann der Knoten: In nur zwei Jahren holte sie die restlichen nötigen S-Siege mit verschiedenen Pferden auf allen wichtigen Turnierplätzen in Baden-Württemberg. Neben der Familie und der Reiterei hat Sigrun Wittenborn auch noch Zeit für den Reit- und Pferdezuchtverein Ketsch und für die reiterliche Ausbildung ihrer Kinder. Und wenn es eines Tages von der Zeit her reicht, will sie sich als Turnierrichterin und im Parcoursbau ausbilden lassen. Aber diese Stationen einer erfolgreichen Pferdesportlerin müssen noch warten.
Martin Stellberger