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Zum Tode des Zuchtpräsidenten Alfred Schmelcher PD 04/06
Ein großer Pferdemann lebt nicht mehr -

Dapfen.
Alfred Schmelcher, seit elf Jahren Vorsitzender des Pferdezuchtverbandes Baden-Württemberg, begnadeter und erfolgreicher Pferdezüchter, ist am 3. März der schweren Krankheit erlegen, gegen die er seit Herbst 2004 vergeblich angekämpft hatte. Zwei Wochen vor seinem Tod hatte er bei der Messe "Pferd Bodensee" nochmals erleben dürfen, wie sein Lebenswerk in reichem Maße gewürdigt und ihm Dank und Anerkennung für seinen unermüdlichen Einsatz für die Baden-Württemberger Pferdezucht ausgesprochen wurde. Über vier Jahrzehnte hatte er sich mit viel Herzblut, selbstlos, bescheiden und kompromissbereit dieser schwierigen Aufgabe verschrieben.

Seine Pferdezucht betrieb er in Dapfen, in Nachbarschaft zu Marbach, das für ihn stets eine besondere Bedeutung hatte. Das in Marbach gegründete Ausbildungs- und Vermarktungszentrum verdankte ihm viel. Selbst bei der unabwendbar gewordenen Schließung stellte er sich zur Verfügung. In Marbach sah Schmelcher den idealen Ansatz für die Zusammenarbeit zwischen Zuchtverband, Pferdesport und Gestüt. Für diese Idee hat er gearbeitet und gekämpft. Diese Aufgabe hat ihm Kraft gegeben und nach eigenem Bekunden seinen Lebensmut aufrechterhalten. Die Vollendung zu erleben, blieb ihm versagt.

Alfred Schmelcher hat der Zucht Visionen gegeben und sie vor einer drohenden Zersplitterung bewahrt. Er hat die finanziellen Verhältnisse des Verbandes geordnet, ihm bei den süddeutschen Verbänden Rückhalt verschafft und die Basis für große züchterische und sportliche Erfolge gelegt. Sie steigerten das Ansehen der Landeszucht deutschlandweit. Als Höhepunkt seiner eigenen züchterischen Karriere durfte er sich 2004 über den Sieg seiner Stute Dejavu beim Bundeschampionat der vierjährigen Reitpferde in Warendorf freuen und 2005 über die Bronzemedaille bei den Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde. Für ihn, der seinen Kollegen die hohe Messlatte der Bundeschampionate empfohlen hatte, war dies die Krönung seines Lebenswerks.

In der Ausgabe des Reiterjournals, das am 20. Februar 2006 erschien, hat er noch einmal dargelegt, worauf es ihm ankommt und worauf die Züchter achten sollen. Er wusste, dass dies seine letzte Möglichkeit war, viele Kollegen zu erreichen. Am 25. April steht die Wahl für die Amtszeit bis 2009 auf der Tagesordnung der Vertreterversammlung. Wer auch immer seine Nachfolge antritt, muss diese Marksteine beachten, die Alfred Schmelcher gesetzt hat.

Mitte der sechziger Jahre, als er noch bei der Württembergischen Raiffeisen-Genossenschaft als Bau- und Techniksachverständiger tätig war, hatte Alfred Schmelcher den Pferdezuchtverein Esslingen/Nürtingen gegründet, dessen Vorsitzender er über 30 Jahre blieb. Für die Landeszucht engagierte er sich als Mitglied des Beirats der Abteilung Württemberg, der Vertreterversammlung und des Verbandsbeirats. Er scheute dabei weder kritische Äußerungen noch die Übernahme unbequemer Aufgaben.

Am 10. Mai 1995 wurde er in Herrenberg unter der Leitung des unvergessenen Helmut Leitz zum Nachfolger des zurückgetretenen Zuchtverbandsvorsitzenden Robert Wolf aus Bad Waldsee für dessen restliche Amtszeit bis 1997 gewählt. Er versprach einen Neuanfang, Offenheit, Ehrlichkeit und einen schnelleren Informationsfluss. Verbandsarbeit war für ihn Dienstleistung. Dazu gehörte eine schlagkräftige Geschäftsstelle und ein hoch motiviertes Vorstandsteam einschließlich eines Vermarktungsleiters. Sein Ziel war, gefragte und begehrte Pferde zu züchten, sich dem sportlichen und züchterischen Vergleich zu stellen, das Leistungsniveau der Stuten zu verbessern, neue Märkte zu erschließen und die Solidarität der Züchter untereinander zu stärken. Schmelcher verstand sich als Mann des Ausgleichs. Die Verständigung und Kooperation mit den privaten Hengsthaltern war dabei wichtige Voraussetzung. Die Züchter sollten hohe Ansprüche an sich und die von ihnen gezüchteten Pferde stellen, sich aber auch nach außen zu ihnen bekennen.

Am 13. Mai 1997 wurde er im Alter von 64 Jahren in Herrenberg mit überwältigender Mehrheit als Vorsitzender bis 2001 bestätigt. Damals schon stellte er Weichen für die Zukunft des Verbandes und entwickelte Visionen weit über seine Amtszeit hinaus. "Sind wir als Verband noch attraktiv", fragte er selbstkritisch. Nüchtern und emotionslos empfahl er, auf die süddeutsche Kooperation einzuschwenken. Kleine Einheiten seien auf Dauer nicht mehr bezahlbar. Schon 2001 hatte er auf eine letzte Amtsperiode gehofft. Am 26. April 2005 hieß es aber: "Ohne Schmelcher geht es nicht", und er wurde einhellig für weitere vier Jahre gewählt. "Wir wollen selbständig bleiben", reagierte er auf den Hannoveraner Verbund mit Hessen. In der zügigen Umsetzung des Konzeptes "Marbach 2009" sah er ein Bollwerk gegen feindliche Übernahmeversuche.

In seinem ersten Amtsjahr hatte der Baden-Württemberger Erfolge in Warendorf erleben können. Sie blieben nicht die einzigen. Süddeutsche Titel, Weltmeistertitel von Pferden aus dem Lande, die Teilnahme von Baden-Württemberger Pferden an Olympischen Spielen, erfolgreiche Auktionen und die Übernahme von in Baden-Württemberg ausgedachten Zuchtkonzepten durch andere Verbände und die Attraktivität des Hengstangebots beweisen, dass der von Schmelcher vorgegebene Weg der richtige ist. Auch der Sport verdankt ihm viel: Jahrelang hat er insbesondere die Marbacher Vielseitigkeit auch persönlich tatkräftig unterstützt. Ihre Entwicklung vom regionalen zum internationalen Top-Turnier hat er mit großer Freude begleitet.

Alfred Schmelcher versprach keine Wunder. Er erwartete aber, dass sich die Mitglieder und Zuchtvereine den notwendigen Veränderungen stellen und bereit waren, von lieb gewordenen Vorstellungen Abschied zu nehmen. Die unbequeme Rolle des Mahners und Antreibers lag ihm mehr als die Repräsentation. Die Unterstützung des Reiterjournals, mit dessen Leuten er gerne und gut zusammen arbeitete, war ihm dabei sicher. Am 9. März nahm eine große Trauergemeinde in Gomadingen-Dapfen von Alfred Schmelcher Abschied (Der Abdruck dieses Nachrufes erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Reiterjournals.)