Startseite
Kontakt
Wer den Schaden beklagt, hat oft selber Schuld PD 03/2006
Wer den Schaden beklagt, hat oft selber Schuld
-Ein durchaus ernst gemeinter Blick in den Wald-


Holzrückepferde in Baden-Württembergs Wäldern? Ein schönes, romantisches und - seltenes Bild. Für Romantik ist nämlich in unserer Holz- und Waldwirtschaftswelt kein Platz mehr. Hier und da dampfen die schwer arbeitenden Rösser zwar noch in den Wäldern. Sie sind preisgünstig, dafür langsam und - sie hinterlassen kaum Spuren auf dem Waldboden. Vielleicht hier und da ein relativ kleines, kurzzeitig dampfendes Häufchen, hier und da einen Abdruck der Hufe. Mehr nicht.

Ganz anders geht’s zu, wenn die Profis aus Skandinavien zuschlagen, im Wald. In den Staatswäldern werden mit den tonnenschweren, dieselmotorisierten Vollerntern aus dem kühlen Norden rund 30 Prozent der Bäume gefällt und bearbeitet, war aus der Schwäbischen Zeitung (6.2.2006) für den Kreis Ravensburg gültig zu erfahren. Im Privatwald, dessen Besitzer von der Forstkammer Baden-Württemberg vertreten werden, röhrt der „Bulle“ namens Harvester, der ganze Bäume in einer läppischen Minute fällt, entastet, zersägt und ablegt oder auflädt. Kostensparender Einmannbetrieb, der Spuren hinterlässt: Der Harvester, tonnenschwer, schafft sich sogenannte Rückegassen, zu denen er über die ganz normalen Waldwege kommt. Ist Winter, ist der Boden hart gefroren - kein Problem. Nur, es ist nicht immer gefroren und so graben sich die breiten Reifen tiefe Rillen in die Waldwege, zerfetzen die Wegränder, schaffen tiefe Spuren in den Rückeschneisen, zerstören nicht befestigte Waldwege. Oft jahrelang sind diese dann unbegehbar, stehen voll Wasser, weil der Boden völlig verdichtet ist. Da helfen auch keine breiten Reifen, die den „Druck auf den Boden verteilen“. Schwere Schlepper mit Seilwinden kommen mancherorts dazu, die ebenfalls ihre Spuren hinterlassen.

„Der Weg zu immer leistungsstärkeren Maschinen sowie zur vollmechanisierten Holzernte bringt Probleme mit sich“, schreibt der Schwäbische Bauer in seiner Januar-Ausgabe 2006. Denn: „Durch das Gewicht der Maschinen, temporärer Kraftspitzen durch Hebelkräfte sowie Vibrationen kommt es zu sehr tiefreichenden Bodenverdichtungen.“ Zugegeben, das alles wissen die Forstleute. Sie versuchen ja auch durch manche „Ideen“ die Verdichtung zu „lindern“. Aber schon bei einmaliger Überfahrt können „markante und tiefreichende, zum Teil irreversible Verdichtungen im Gefüge der Bodenteilchen auftreten“, schreibt der Fachmann des Schwäbischen Bauern. Die Schäden im Aufbau des Bodens sind enorm, selbst für die Wiederaufforstung bringen die schweren Maschinen Nachteile. Der zusammengepresste Boden lässt sich von den jungen Bäumen kaum oder gar nicht durchwurzeln. Dadurch leidet die Standfestigkeit der Bäume, was dann wiederum dazu führen kann, dass der Aufwuchs eines Tages vom Sturm umgedrückt wird – bevor das Holz „wirtschaftlich“ herangewachsen ist.

Der Schwäbische Bauer schreibt darüber hinaus: „Da der Boden ein sehr empfindlicher Produktionsfaktor ist, beinhaltet der Grundsatz der guten forstlichen Praxis sowie auch alle Werke der forstlichen Zertifizierung den Verzicht auf eine flächige Befahrung der Waldböden.“ Mit andern Worten: Man fährt mit schwersten Maschinen im Wald umher, obwohl man weiß, dass gewaltige Schäden produziert werden. „Wir dürfen das!“ sagte einmal ein Forstmann bei einer Diskussion in Weingarten. Stellt man dem nun einen Reiter mit seinem Pferd auf dem Waldweg gegenüber, so verschwindet der Hufabdruck als „lächerlichster Schadensfall“. Aber es kommt noch schöner: Offenbar widerspricht der Einsatz der schweren Maschinen dem Bodenschutzgesetz und dem Landeswaldgesetz. Dort heißt es laut Schwäbischem Bauern, dass „in den Paragrafen 1 und 14 die ordnungsgemäße, nachhaltige und pflegliche Bewirtschaftung sowie die Erhaltung des Bodens und der Bodenfruchtbarkeit gefordert“ sind.

Da die „Wirtschaftlichkeit“ unserer Wälder im Vordergrund steht, werden also verschiedene Forderungen aufgestellt: befestigte Hauptwege für LKW-Fahrten, ähnlich befestigte Wege für Forstmaschinen, unbefestigte Wege, Rückegassen sowie Seiltrassen für steiles Gelände. Insgesamt also werden „permanent auffindbare Linien“ benötigt, die auf Dauer angelegt und dokumentiert werden, sagt der Autor des Schwäbischen Bauern zum Thema Waldbau. Rückegassen – sie dürfen sich sinnigerweise nicht kreuzen - ermöglichen also im Abstand von 20 bis 40 Metern „eine flächige Erschließung“. Die Abstandsregelung nimmt sogar „Rücksicht auf ökologische Empfindlichkeit der Böden“ sowie auf die Verhältnisse des Geländes. Apropos Rückeschneisen: Unsere Wälder verlieren über all dort ihren Charakter, wo sie von Rückeschneisen durchzogen werden. Aus Wäldern werden Plantagenwälder, die wirtschaftlich sind – aber ohne Charme. Nicht einmal Fuchs und Hase wollen sich hier noch Gute Nacht sagen.

Vielleicht sollten sich die Forstleute vor diesem Hintergrund noch einmal vor Augen halten, wie verschwindend gering der Schaden ist, der durch Reiter und Jäger entstehen kann. Lasst doch also bitte bei der „Verfolgung der Reiter und Jäger“ die Kirche im Dorf, respektive die Bäume im Wald! Martin Stellberger (Stand 1.3.2006)