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ANTON STEIDLE - EIN PFERDEMANN SCHLOSS DIE AUGEN PD 12/2005
ANTON STEIDLE - EIN PFERDEMANN
DER ALTEN SCHULE SCHLOSS DIE AUGEN

RADOLFZELL.
Als sich Anton Steidle 1998 aus der Führung seiner „Bodenseereiter“ und damit aus der Führung des Reitvereins Radolfzell zurückzog, schrieb der PRESSEDIENST: „Anton Steidle führte seit 1989 den Regionalverband Südbaden. Er zog sich jedoch nicht aus Amts-müdigkeit zurück, sondern der Vernunft gehorchend.“ Im gleichen Jahr war er 80 Jahre alt ge-worden und wollte jetzt Platz machen für einen Jüngeren. Anton Steidle hatte den Verband Südbaden vorbildlich geführt. Jahrzehnte lang, genau seit 1949, war er nach dem Krieg im Pferdesport des Landes einer der ersten Aktiven im sich neu organisierenden Pferdesport und wurde eine herausragende Persönlichkeit. Sein Leben gehörte im Sinne des Wortes bis zum letzten Atemzug den Pferden.

Geboren wurde Anton Steidle 1918 als Sohn des Bürgermeisters von Grasbeuren bei Konstanz. Auf dem heimischen Hof wuchs er mit Pferden auf, die zu seinem Lebensinhalt wurden. Nach einer landwirtschaftlichen Lehre kam er 1938 zum Cannstatter Reiterregiment 18 und erfuhr dort eine solide Grundausbildung als Reiter. Steidle erzählte einmal: „Ich wusste, dass in der Reit- und Fahrschule Insterburg Bereiter gesucht wurden. Mein Kommandeur sorgte für meine Versetzung nach Ostpreußen und ich kam in die Remontenschule. Bald folgte die Versetzung auf das Gestüt Janov-Podlaski am Bug, wo ich bei Landstallmeister Hans Fellgiebel mein erstes Turnier ritt und meine schönste Zeit als Reiter und Pferdemann erlebte“. 1943 wurde Steidle Soldat und kam an allen Fronten zum Einsatz und schließlich in Gefangenschaft, aus der er 1947 heimkehrte. Sein Weg führte ihn zurück auf den elterlichen Hof am Bodensee. Dort richtete er bereits 1949 das erste Reitturnier mit 68 Teilnehmern aus und legte 1950 die Prüfung zum staatlich anerkannten Reit-lehrer ab. In dieser Funktion war er auch in Stahringen und Neuhausen tätig.

Sein Herz gehörte nicht zuletzt wegen seiner Zeit in Ostpreußen dem Trakehner Pferd. So war es naheliegend, dass er sich in der Trakehner-Zucht einen guten Namen machte. Zwölf Jahre lang war er Vorsitzender des Trakehner-Verbandes und der Körkommission. „In der Landwirtschaft,“ erklärte Anton Steidle, „war Mitte der Sechziger kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Also tat ich, was ich gelernt hatte und von der Pike auf konnte: Reiten und Reiten lehren. Am Bodenseeufer bei Radolf-zell bekam ich einen Streifen Schilfland. Dort sollte mein eigener Reitstall entstehen.“ Tausende Kubikmeter Erde wurden aufgeschüttet, bis ans Reiten nur zu denken war. Eine Reithalle folgte 1971, die Turnierplätze nahmen bald Gestalt an. Die Radolfzeller Reitanlage gehörte damit zu den großzügigsten im Lande. Seit 1971 gibt es hier das Radolfzeller Reitturnier. 1983 gar wählten die deutschen Springreiter Steidles Turnier zum „schönsten im Lande“. Dass Steidle auch die Grundsteine für die Reitervereine Konstanz und Überlingen gelegt hatte, erwähnte der unermüdliche Anton Steidle bescheiden am Rande. 1976 übernahm Anton Steidle den Vorsitz des Reiterrings Bodensee und war 22 Jahre dessen Vorstand. Anton Steidles Motto war dabei immer: „Zuerst das Pferd, dann der Mensch.“ Seine Verdienste für das edle Tier - als Reitlehrer, Züchter und Turnierrichter - und für den Pferdesport sind unbestritten und zahllos. Anton Steidle blieb jedoch stets bescheiden und sagte anlässlich eines runden Geburtstages: „Zählen Sie nicht meine Orden und Ehrenzeichen auf. Schreiben Sie, was heute und immer gilt: Reiten heißt Selbstzucht üben und Achtung vor der Kreatur haben.“

Anton Steidle, ein erfahrener Vereinsmensch, erkannte schon vor vielen Jahren: „Immer weniger junge Menschen finden sich bereit, ehrenamtliche Mitarbeit in den Vereinen zu leisten. Zu dominant sind die vielfältigen Interessen.“ Dies führte nach Steidles Ansicht zu einer unguten Entwicklung. Dass er Recht hatte, wird heute immer deutlicher. Wie sehr er sich aber selbst einbrachte, ehrenamtlich versteht sich, zeigt auch seine Arbeit für den Pferdesportverband Baden-Württemberg, dessen stellvertretender Präsident er Jahre lang war.

Anton Steidle konnte stolz sein auf die Geschichte seines Vereins und des Turniers, beide prägte er entscheidend mit. Ihm zur Seite standen über Jahre hinweg Dorothea Kröhle und Ursula Röderer. Alle drei wurden gar als "Radolfzeller Kleeblatt" bezeichnet. Nun ist Anton Steidle tot. Er hinterließ dem Pferdesport so viele guten Erinnerungen, dass sein Name für immer mit den Boden-seereitern von Radolfzell verbunden bleiben wird. Anton Steidle starb am 1. November 2005 im Alter von 87 Jahren. Sein Lebensmotto aber bleibt: „Wer mit den Pferden und der Jugend lebt, wird niemals alt!“ Martin Stellberger