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Martin Schaudt und Durgo PD 12/1995
ONSTMETTINGEN. Mit Martin Schaudt kam frischer Wind in die Spitzengruppe der deutschen Dressurreiter. Es war schon eine Überraschung in der Fachwelt, dass er 1994 bei den Weltreiterspielen in Den Haag als Reservereiter nominiert war. Doch die Deutsche Meisterschaft von 1994 in Mannheim hatte ihm sportliches Gewicht gegeben. In Mondorf ritt er in diesem Jahr zum ersten Male für Deutschland.

Schaudt wird nachgesagt, er sei "ein Mann ohne den üblichen Lobbyisten am Boden", der für ihn im Gespräch mit den Ausschussmitgliedern des DOKR und Journalisten Politik machen könnte (FAZ). Schaudt hat sich also alleine durch seine Arbeit und Beharrlichkeit empfohlen. "Natürlich habe ich den Blick auf Atlanta gerichtet. Aber was kann da noch alles dazwischen kommen? Ich bin jetzt sicher näher dran als manch anderer. Aber erstens kann mir etwas passieren, dem Pferd kann etwas passieren." Schaudt bleibt auf dem Boden und bereitet sich gut vor. Alles andere wird sich ergeben.

Diskutiert Schaudt über das Reiten, so verschließt er sich nicht kritischen Gedanken über die Dressurreiterei. Gerade die Kür sieht er als problematisch an - in sportlicher Hinsicht: "Ich kann mir nicht einfach eine Musik auswählen und losreiten. Die Musik muss maßgeschneidert sein fürs Pferd, dessen Takt und für jede Lektion." 20.000 bis 25.000 DM soll zum Beispiel in diesem Jahr die Emu-Kür-Musik der Holländerin Anky van Grunsven gekostet haben. "Wenn das stimmt und Schule macht", so Schaudt, "dann ist der Sieg eine Frage des Geldes und des Sponsors."

Schaudts Vater spielt eine große Rolle im Reiterdasein des Mannschafts-Europameisters aus Onstmettingen. Dr. Heinz-Günther Schaudt hatte nach seinen Worten schon von Kindesbeinen an die Pferde im Sinn. Als es dem 1968 Dreißig-jährigen möglich war, Pferde zu halten, wurde Schaudt senior aktiv: Vielseitigkeitsreiter mit deutlichem Hang zur Dressur. Dr. Schaudt: "Beim Vielseitigkeitsreiten lernt man das Reiten von Grund auf! Aber das richtige Reiten, da bin ich vielleicht noch konservativ, ist die Dressur nach den klassischen Maßstäben." Später ritten auch seine beiden Söhne Jens und Martin. Martin allerdings entdeckte die Reiterei als sein Metier und war 1974 mit 16 Jahren Baden-württembergischer Military-Juniorenmeister. Schließlich kam er von 1979 bis 1980 zur Bundeswehrsportkompanie nach Warendorf. Das wurde eine wichtige Station, wie sich zeigen sollte - davon später mehr.

Bald änderte sich Schaudts Reiterlaufbahn mit dem Hannoveraner Egbert grund-legend. Egbert hatte keine Ader fürs Springen und das Gelände. "Egbert hat meine Laufbahn beeinflußt", sagt Schaudt über den reiterlichen Spurwechsel zur Dressur. Bis 1985 hatten Schaudt die erforderlichen zehn Dressur-Siege in Klasse S beisammen, für die ihm das Goldene Reiterabzeichen der FN verliehen wurde.. Schaudt über sich: "Bis 1989 habe ich mein Leben und das Jurastudium als Wanderreiter bestritten". Seine Eltern, so erzählt Schaudt, konnten sich zunächst nicht vorstellen, dass er vom Reiten leben will oder kann. Aber das hatte sich nach und nach immer mehr ergeben. Heute treibt er seinen Ausbildungs- und Turnierstall um, der ihm sein Auskommen zusammen mit Lebensgefährtin Jennifer Abele sichert. Mit ihr hat er einen kleinen Sohn, Morten, gerade ein halbes Jahr alt.

Schon 1973 hatte Schaudts Vater das kleine landwirtschaftliche Anwesen am Zollersteighof Nr. 1 in Onstmettingen gekauft. Um es zum Reitbetrieb auszubauen, gab er Jahre später sein Geschäft in der Sporttextilienbranche auf. Er managt jetzt die Reitanlage und das reiterliche Umfeld seines Sohnes. "Er hätte vielleicht lieber gesehen, wenn ich in den Betrieb gegangen wäre, aber im Grunde habe ich den Traum meines Vaters verwirklicht, und er steht hinter mir!", sagt Martin Schaudt über den Vater.

Der Europameister wirkt äußerlich ruhig, überlegt, zurückhaltend. Vater und Sohn Schaudt stimmen darin überein, dass das Temperament durchaus kontrolliert wird, aber innerlich kocht es zuweilen heftig. Martin Schaudt sagt über sich selbst, er sei oft ungeduldig. Erst mit der Zeit habe er sich hier eingefangen und mehr innere Ruhe gefunden. Seine besonnene, aber nicht unterkühlte Art zeigt sich in seiner Einstellung zur Ausbildung von Pferden.

Martin Schaudt bestätigt, dass er tatsächlich Autodidakt ist. Er habe keine "Aus-Bildungsstationen" gehabt. Der Auslöser für Schaudts Entwicklung war die Zeit in der Sportkompanie der Bundeswehr in Warendorf. "Unser damaliger Aus-wilder, Siegfried Peilicke, der heutige Bundestrainer der Jungen Reiter und Junioren, hat in mir die Neugier für die Dressur geweckt. Er hatte sich um mich etwas gekümmert, weil mein damaliges Pferd relativ gute Dressuranlagen gezeigt hatte im Vergleich zu den Vollblütern der anderen". Ansonsten war Schaudt zwei, dreimal auf einem mehrtägigen Lehrgang. Schaudt weiß um die Gefahren des Autodidakten. "Manchmal kämpft man sehr, und hier und da in die falsche Richtung." Zudem sei er jemand, der Unterricht nicht verträgt. "Ich kann es nicht brauchen, wenn da dauernd einer neben mir steht und sagt, wie es geht."

Zu seinen sportlichen Stärken sagt Martin Schaudt: "Ich bin beharrlich und kann mich gut konzentrieren. Nervosität kriege ich in der Regel weg durch Konzentration auf die Sache. Das habe ich bisher einfach festgestellt." Auf Schwächen angesprochen gibt Schaudt freimütig zu, dass er eher cholerisch ist. Das sehe man zwar nicht so nach außen, "aber es ist von jeher mein Problem, dass ich sehr ungeduldig bin. Ich weiß aber, dass ich nicht alles erzwingen kann und mir Zeit lassen muss." Zufrieden ist Schaudt mit seiner Arbeit, wenn er sagt: "Jedes Pferd, mit dem ich S geritten bin, habe ich selbst ausgebildet von jung an. Ich glaube, dass das eher schon die Ausnahme ist unter den Berufsreitern. Ich habe am liebsten junge Pferde. Drei-, vierjährige bilde sie aus über Jahre hinweg in kontinuierlicher Kleinarbeit. Das ist Teil meiner ganz persönlichen Arbeitsweise."

Die Nominierung in das Deutsche Team für die Europameisterschaft in Mondorf/ Luxemburg ließ alle aufhorchen, die sich im Dressursport auskennen. Sein Ein-satt erwies sich als richtig. Schaudts Leistung zusammen mit seinem Pferd Durgo sicherten Deutschland den Mannschaftssieg dieser Europameisterschaft 1995.

Martin Schaudt hatte bei der Deutschen Meisterschaft in Gera (1995) in Monica Theodorescu auf ihrem Ganimedes seine schärfste Konkurrentin. Zwischen ihr und Schaudt war der vierte Team-Platz für die EM zu entscheiden. Schaudt lag nur zwei Punkte hinter der jungen Frau aus Sassenberg. Durgos bessere Vor-Stellung bei der Sichtung in Aachen gab dann den Ausschlag für Schaudt und seinen Westfalen, der im übrigen mit seinen 11 Jahren deutlich jünger ist als der schon 17jährige Ganimedes. Durgo wird als Pferd mit Perspektive bezeichnet. Atlanta lässt grüßen? Die Chancen stehen gut. Aber dieser Gruß kommt für den Onstmettinger auch etwas überraschend, denn: "Mein Ziel habe ich mehr als verwirklicht und den Lohn für meine Arbeit erhalten!" sagt Schaudt. Grand Prix zu reiten, das war bisher der eher bescheidene Wunsch des 36jährigen. Der Platz im Nationalteam stand zunächst nicht auf seinem und Durgos Programm.

In der Einzelwertung der Europameisterschaft lag er zwar hinter Isabell Werth, Rheinberg, und den beiden Niederländern Anke van Grunsven und Sven Rothenberger auf Platz vier. Aber er rangierte immer noch vor Nicole Uphoff-Becker, Duisburg und Klaus Balkenhol, Hilden. Die Europameisterschaft von 1995 hat aus dem bescheidenen und zurückhaltenden Mann von der Schwäbischen Alb einen Star gemacht. Ihm gehört die Zukunft in der deutschen Dressur-Elite. Man kann aber sicher sein, dass er mit beiden Beinen auf dem Boden bleibt und nicht ob des plötzlichen Ruhmes abhebt.

Zum Repertoire von Reiter und Pferd bei der Europameisterschaft gehören rund 40 Dressur-Lektionen. Auch die Kür ist Pflicht. Vor der Kür hat Schaudt allerdings gehörigen Respekt - er scheint persönlich nicht so scharf darauf zu sein.. Durgo sei zudem nicht allzu gut auf Musik zu sprechen. Doch in Gera gab Durgo-Schaudt, wie er immer wieder genannt wird, eine gelungene Premiere. Die Kür gehört nun einmal zum Pflichtprogramm für die Europa- und Weltmeisterschaft sowie zur Olympiade in Atlanta. Für Martin Schaudt bedeutet das, Fleiß, Ausdauer und ständiges Vertrautmachen seines Pferdes mit den Besonderheiten der Kür. Atlanta ist zwar noch fern, aber nicht mehr so weit, dass Schaudt nicht schon einmal den Atlas bemüht hat, um zu sehen, wo die Stadt der Olympiade genau liegt.
Martin Stellberger