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Schlachter oder Abdecker? Das ist hier die Frage PD 06/2000
Schlachter oder Abdecker? Jeder Pferdebesitzer muss diese Frage eines Tages klären. Einmal, unwiderruflich! Das ist der Preis dafür, dass der "Therapienotstand" aufgehoben ist. Der Hintergrund sind EU-Bestimmungen, nach denen ein Pferd entweder als "Lebensmittel lieferndes Nutztier" eingestuft wird oder als "Nicht-Lebensmitteltier" Die Entscheidung hat dann zu greifen, wenn ein Pferd vom Tierarzt mit Medikamenten behandelt werden soll, deren Anwendung beim "Lebensmitteltier" verboten ist.

Die EU-Entscheidung 2000/68/EG sieht dazu vor,
1. dass der Besitzer entscheiden kann, sein Pferd wird nicht geschlachtet für den Verzehr durch den Menschen. Diese Entscheidung trifft er unwiderruflich, sie wird in der Regel vom Erstbesitzer des Pferdes getroffen und muss vom nächsten Besitzer übernommen werden. Das Pferd kann unter Berücksichtigung bestimmter arzneimittelrechtlicher Bestimmungen so behandelt werden, wie es die Situation erfordert, also z.B. mit Medikamenten, die für das „Lebensmitteltier Pferd“ verboten sind.

2. dass der Besitzer erklärt, sein Pferd wird im Falle eines Falles geschlachtet für den Verzehr durch den Menschen. Auch in diesem Fall kann das Pferd so behandelt werden, wie es erforderlich ist. Es gibt nur eine kleine Gruppe von Medikamenten, die bei Lebensmittel liefernden Tieren niemals eingesetzt werden darf. Datum und letzte Behandlung mit einem nicht zugelassenen Medikament inklusive Medikament müssen dokumentiert werden. Pferde, die mit einem solchen Medikament behandelt wurden, unterliegen einer Wartezeit von sechs Monaten vom Behandlungsdatum an gerechnet. Das Fleisch in dieser Zeit geschlachteter Pferde darf nicht in die Lebensmittelkette gelangen.

Diese EU-Entscheidung kann allerdings nur dann greifen, wenn jedes Pferd eindeu-tig identifizierbar ist, wenn also sicher ist, dass Pferd und Arzneimittelerklärung eindeutig zueinander gehören. "Kontrollgrundlage" dafür ist der Pferdepass, der für alle vor dem 1. Januar 1998 geborenen registrierten "Equiden" vorgeschrieben ist. Ab 1. Juli 2000 ist der Pass für alle "sonstigen Zucht- und Nutz-Equiden" Pflicht - dazu zählen auch Esel. Der Bundesrat stimmte Ende Februar dieser Verordnung zur "Viehverkehrsverordnung" zu. Dies hat weitreichende Konsequenzen, zum Beispiel: Ein Pferd muss bei jedem "Verbringen" mit diesem Pass ausgestattet sein. Unter Verbringen versteht man amtlicherseits jedes Verlassen eines Bestandes, also auch der Transport eines Pferdes zum Turnier, zum Tierarzt, zum Ausritt von "A nach B"...

Seit dem 1. Januar 1998 stellen die Zuchtverbände für neugeborene Pferde einen Pferdepass aus. Seit 1. Januar 2000 ist der Pferdepass gemäß LPO auch für den Start bei Turnieren vorgeschrieben. Besitzer nicht registrierter Pferde können ebenfalls einen solchen Pass bei der FN ausstellen lassen. Hier wird das Tier dann als „Freizeitpferd“ geführt. Inzwischen sind in Deutschland rund 250 000 Pferdepässe ausgestellt worden. Damit sind sie im Sinne des Gesetzes registriert. Für alle anderen muss bis zum 1. Juli 2000 eine Lösung gefunden werden.

So sachlich wie sich die ganze Pass-Vorzeige anhört, ist sie bei weitem nicht. Noch viel zu viele Fragen in der Umsetzung sind offen, sind national zu klären. Was dürfen Ärzte, was Schlachter, was Bürokraten? Wer kontrolliert den Ausritt...? Das Ziel, Verbraucherschutz und - nachrangig dadurch Tierschutz - ist richtig. Der Weg dahin liegt im Nebel, der auch einmal mehr die Freiheit freier Bürger in demokratischen Ländern verschleiert und einschränkt. Also Vorhang zu und viele/alle Fragen offen? Ein unschöner Preis für ein gemeinsames Europa.
PD/stb Quelle:FN-aktuell