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Irmgard Niesser zum 60. Geburtstag PD 04/1995
WAIBLINGEN. Irmgard Niesser ist in erster Linie eine Frau, die sich dem Reitsport und der Förderung des Vereinsgedankens verpflichtet fühlt. Im Waiblinger Reitverein, den sie nach vielen Jahren in verschiedenen Vorstandsämtern seit 1983 selbst führt, gilt das ebenso wie im Regionalverband Württemberg. Für die Württemberger betreut sie seit Jahren die Finanzen. In Weilheim ist ihr Engagement vor allem im Zusammenhang mit den "Staufferturnieren" zu nennen, die sie zusammen mit zwei Mitgliedern aus dem Verein seit mehr als 20 Jahren hochhält.

Die gebürtige Stuttgarterin weiß viel und vor allem spannend zu erzählen, wenn sie zurückschaut auf ihre ersten Anfänge in der Reiterei. Mit 14 erhielt sie die ersten Reitstunden in Bad Cannstatt von Martin Hölzel. Damals musste sich Irmgard Niesser die Reitstunden zehn-pfennig-weiße verdienen, weil ihre Eltern von dem teuren Hobby nicht begeistert waren. Die Jubilarin schaut aber noch weiter zurück und ist selbst erstaunt, was ein junges Mädchen so alles fertigbringt. "Es ist kaum zu glauben", sagt Irmgard Niesser, "aber mit dreizehn Jahren habe ich selbständig und allein einen Zweispänner mit Rappen gefahren. Nach der Schule habe ich nachmittags regelmäßig Trümmerschutt aus dem vom Krieg zerstörten Stuttgart abgefahren. Heute ein undenkbares Unterfangen!" Das waren ihre schönsten Jahre, erinnert sich die Regierungsdirektorin.

An ihr erstes eigenes Pferd erinnert sich Irmgard Niesser besonders gerne. Es war eine wohl eher eigenwillige Stute, die der jungen Reiterin bereits beim ersten Turnierstart klargemacht hat, dass Turnierreiten nicht ihre Sache sei - trotz schöner Bewegungen und ausgeprägten Gangarten. Die freie Natur war für "Walküre" die rechte Lebensfreude. Im übrigen war sie ein Pferd mit großer Ahnengalerie, denn die Stute stammte aus der Linie des Amurath. Der Vollblut-Araberhengst war der erste Hauptbeschäler im Königlich württembergischen Arabergestüt in Weil und lebte von 1833 bis 1857.

Ein Leben ohne Pferde kann sich Irmgard Niesser also nicht vorstellen. Das liegt sicher auch in ihrer Herkunft, denn sie hatte in Oberschwaben bäuerliche Vorfahren, bei denen sie mit acht Jahren erstmals intensiv mit Pferden zu tun bekam. Ihre reiterliche Ausbildung begann dann nach Martin Hölzel bei Wilhelm Köster aus Weil, der hier Leiter des ehemaligen Königlich württembergischen Hofgestüts war. Auch von Konrad Maier, zuletzt beim Rappenhof in Leonberg lebend, spricht die Jubilarin mit großer Achtung. Überhaupt weiß sie die alten Reitlehrer zu schätzen, die Pferde und Reiter noch wirklich erziehen konnten. Heute, so bemängelt Irmgard Niesser, würden Pferde bei Turnieren häufig überfordert. Pferde würden zu "Böcken" degradiert, was Irmgard Niesser besonders weh tut, was sie als stillos empfindet. Sie weiß, dass ein Pferd nicht nur als Geschöpf respektiert werden will, sondern auch als Kamerad. Andererseits bewundert sie, wie Fred Knie mit seinen Pferden umgeht. Eine gut gerittene Kür oder ein Grand Prix begeistern sie ebenso wie sich ein Musikfreund von Beethoven begeistern lassen kann.

Irmgard Niesser hat sich etwas vorgenommen für die Zeit nach ihrer Pensionierung. Das entspricht auch ihrem Motto: Schaue, denke, reite vorwärts! Für die Zeit nach der Pensionierung also will sie vorwärts schauen und den Reitvereinen, den Reitern dort helfen, wo dies nötig ist. Viele Vereine haben heute ihre Sorgen und Nöte, hier kann sie raten und helfen.

Sie wird sich auch weiterhin in ihren Ämtern im Vorstand Württemberg und im Ausschuss des Verbandes einbringen. Bisher hat man ihr für diese Aufgaben Anerkennung und Dank gesagt, z.B. mit der Ehrennadel in Silber des Verbandes der Reit- und Fahrvereine Württemberg, die ihr vor allem wegen der Staufferturniere zugedacht wurde. Das war 1991. Bereits 1988 würdigte das Land Baden-Württemberg ihre Arbeit für die Vereine mit der Ehrennadel des Landes. Bleibt zu hoffen, dass sich Irmgard Niesser all das erfüllen kann, was sie sich vor-genommen hat - für die Zeit nach dem Staatsdienst.
Martin Stellberger