Startseite
Kontakt
PFERDEFLÜSTER PD 01/2005
AUS EINER ANDEREN PERSPEKTIVE BETRACHTET

WARENDORF.(fn-press)
Mitte November gastierte Andrea Kutsch, Hamburg, auf Einladung der Deutschen Akademie des Pferdes am Bundesleistungszentrum (BLZ) des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) in Warendorf. Es ging darum, die Methoden des aus zahlreichen Medienauftritten bekannten „Pferdeflüsterers“ Monty Roberts, Kalifornien, USA, näher zu erklären. Mehrere Jahre lang beschäftigte sich Andrea Kutsch in den USA mit Roberts’ Methoden und betreibt heute als „Instructorin“ das Monty Roberts Learning Center in Hamburg. In ihrer Präsentation in Warendorf ging es im Schwerpunkt um Kommunikation und Verhalten von Pferden. FN-aktuell bat im Anschluss Thies Kaspareit, den Leiter der Deutschen Akademie des Pferdes, um ein Resümee der Veranstaltung. Die Fragen stellte Thomas Hartwig.

Die Deutsche Akademie des Pferdes gilt als Hüterin der klassischen Reitlehre. Jetzt hat sie die Methoden von Monty Roberts vorgestellt. Passt das überhaupt zusammen?

Die Präsentation von Frau Kutsch löste ebenso viel Zustimmung wie Kritik aus. Ich meine, dass wir als Vertreter der klassischen Reitlehre nicht so borniert sein sollten, uns nicht auch einmal mit anderen Ansätzen zum Umgang mit dem Pferd zu beschäftigen.

Was hat das Seminar mit Andreas Kutsch an neuen Erkenntnissen gebracht?

Für diejenigen, die mit der klassischen Reitlehre vertraut sind, hat das Seminar wohl nicht viel Neues gebracht. Es war eher eine Bestätigung dessen, was auch in der klassischen Lehre gesagt wird. In beiden Methoden gibt es Vieles, das ähnlich gehandhabt wird, allerdings mit unterschiedlicher Begründung. Allerdings ging Andrea Kutsch auf einige Aspekte der Kommunikation und des Verhaltens der Pferde intensiver ein als es im Regelfall in der Reitlehre geschieht. Ich denke, es ist immer wieder interessant, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Wenn die Methode von Monty Roberts im Grunde so wenig Neues bietet, warum kommen dann so viele Menschen zu den Shows und Vorstellungen?“

Vielleicht liegt es daran, dass wir in unserer Ausbildung zu wenig Basiswissen vermitteln. Unsere Ausbildung setzt meist erst beim Reiten an. Grundkenntnisse über den Umgang mit dem Pferd und über das Verhalten des Pferdes werden von vielen Ausbildern als bekannt vorausgesetzt - fälschlicherweise. Dass hier ein Bedarf besteht, beweist Monty Roberts mit seinen Vorführungen. Hinzu kommt, dass die Shows von Monty Roberts einen anderen Unterhaltungswert haben als beispielsweise der übliche theoretische Unterricht im Verein oder Betrieb. Aber auch dieser muss nicht staubtrocken und langweilig sein. Ein guter Ausbilder ver-steht es, sein Wissen ganz spielerisch und nebenbei in den täglichen Reitunterricht einfließen zu lassen, ohne das als theoretischen Unterricht besonders anzukün-digen.

Die Methoden des Monty Roberts haben innerhalb weniger Jahre an Popularität gewonnen? Gibt es noch andere Gründe dafür?

Gehen wir einmal davon aus, dass nicht alle Reiter eine klassische Ausbildung bei einem guten und erfahrenen Reitlehrer genossen haben, aber dass alle Reiter ihr Pferd lieben und dass sie einfach nur im Umgang mit ihm glücklich sein wollen, was auch immer das für den Einzelnen bedeutet. Der Umgang mit Pferden aber ist eine anspruchsvolle und komplexe Angelegenheit, die vom Reiter eine Menge Selbstdisziplin, aber auch Selbstsicherheit erfordert. Viele haben bereits beim Ver-laden oder schon beim Führen ihres Pferdes Schwierigkeiten. Sie können sich nicht durchsetzen. Ihre Pferde haben die Oberhand gewonnen, tanzen ihren Besitzern auf der Nase herum. Da verliert man – bei aller Liebe – schnell den Spaß und greift nach jedem Strohhalm. Monty Roberts bietet so einen Strohhalm, er verspricht eine Lösung für die bestehenden Probleme.

Monty Roberts betont stets die Gewaltfreiheit seiner Methode. Wird damit anderen Methoden Gewalttätigkeit unterstellt?

Wenn Gewaltfreiheit heißt, dass keine körperliche Gewalt angewandt wird, dann ist die Methode von Monty Roberts sicherlich gewaltfrei. Und das Attribut gewaltfrei lässt sich natürlich auch gut verkaufen. In der Öffentlichkeit muss dadurch gelegentlich der Eindruck entstehen, andere Umgangsformen mit dem Pferd seien gewalttätig. Und leider sehen wir auch immer wieder Bilder, die das zu bestätigen scheinen. Doch wer sich einmal intensiver mit der klassischen Reitlehre befasst, mit den Werken von Xenophon über Pluvinel bis Guérinière oder auch mit der Arbeitsweise heute renommierter Ausbilder, wird feststellen, dass auch hier Gewalt stets abgelehnt wird. Allerdings kommt keiner umhin – auch nicht Monty Roberts – einen gewissen Druck auf das Pferd auszuüben, sei er psychisch oder physisch. Harmonie von Mensch und Pferd ist zwar das Ziel jeder Ausbildung. Wer Harmonie jedoch als ständiges Nachgeben ansieht, wird über kurz oder lang Schiff-bruch erleiden. Andrea Kutsch hat sich gerade in der jüngsten Zeit sehr darum bemüht, diesen Sachverhalt richtig zu stellen und damit den künstlichen Graben zwischen Monty Roberts’ Methode und der klassischen Reitlehre zuzuschütten.

Monty Roberts stellt eine Methode vor, mit der ein ‚rohes’ Pferd innerhalb weni-ger Stunden angeritten werden kann. Ist das sinnvoll und was sagt die klassische Reitlehre zu diesem Thema?

Das sind Showelemente, die mit der wirklichen Ausbildung eines Pferdes wenig zu tun haben. Und Monty Roberts hat so viel Pferdeverstand, dass er das auch weiß. Solche Demonstrationen benutzt er eher, um zu zeigen, was alles nach seiner Methode möglich ist. Die klassische Reitlehre setzt dagegen auf langfristige Gewöhnung. Das junge Pferd wird zunächst über längere Zeit mit der neuen Umge-bung, den Ausrüstungsgegenständen und mit dem Longieren vertraut gemacht, bevor das eigentliche Anreiten stattfindet. Zugleich lernt das Pferd, welchen Rang es gegenüber dem Menschen einnimmt. Es muss – wie ein Kind – seine Grenzen freundlich aber bestimmt aufgezeigt bekommen. Erst dann sind die menschlichen Handlungen für das Pferd voraussehbar und berechenbar, es kann darauf vertrauen. Auch in diesem Punkt besteht Einigkeit zwischen der klassischen Lehre und der Methode von Monty Roberts, wie sich im Vortrag von Andrea Kutsch zeigte.

Glauben Sie, dass jemand, der die Prinzipien der klassischen Reitlehre kennt und auch in die Praxis umsetzen kann, die Methode von Monty Roberts benötigt?

Nein, denn im Normalfall wird ein so ausgebildeter Reiter kein Problempferd produzieren. Sich mit Monty Roberts’ Methode zu beschäftigen, ist einfach ein Gedankenanstoß und hilft, wieder einmal bewusster auf die Reaktionen seines Pferdes zu achten.

Würden Sie daher sagen, dass Monty Roberts’ Methode eher etwas für diejenigen ist, die mit der klassischen Reitlehre nicht zurecht kommen oder diese nie kennen gelernt haben?

So einseitig würde ich das nicht formulieren. Wenn es so viele Leute gibt, denen Monty Roberts’ Methode etwas Neues bietet, muss es dafür Gründe geben. Auch wenn ich glaube, dass sich das Hauptklientel von Monty Roberts nicht aus den Reihen der klassisch ausgebildeten Reiter rekrutiert, scheinen die Sorgen und Bedürfnisse vieler Reiter in unserem Ausbildungssystem nicht ausreichend berücksichtigt zu werden. Ich glaube, dass wir darauf künftig noch viel stärker eingehen müssen. Mit der neuen Ausbildungs-Prüfungs-Ordnung, die im Jahr 2006 erscheint, versuchen wir, diese Lücke zu schließen.


Link: www.pferd-aktuell.de