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Kooperation Schule - Verein: Wanderreiten 4/2003
Weingarten/Bodnegg/Wangen. Der 5. April 2003 war Stichtag. Topfit stellten sich 16 Schülerinnen und ein Schüler des Bildungszentrums Bodnegg den Prüfungen zum "Basispass Pferdekunde" und "Deutschen Reitpass". Harry Lörcher aus Hochdorf/Enz im Kreis Ludwigsburg, Richter der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), leitete die Prüfungen. Ausführlich standen die in zwei Gruppen eingeteilten Schüler Rede und Antwort über ihr Wissen rund ums Pferd. Für den "Basispass Pferdekunde" zeigten die Fünft- und Sechstklässer nicht nur theoretisches Wissen über Pflege, Umgang und Fütterung von Pferden. Sie kannten sich auch gut aus über die "Ethischen Grundsätze" im Umgang mit Pferden. Im praktischen Teil überzeugten die 12-jährigen Pferdefreunde beim Putzen und Führen von Pferden. Selbst das Verladen auf den Pferdeanhänger bereitete ihnen kein Problem und so entließen sie die vierbeinigen Partner schließlich "vorschriftsmäßig" auf ihre Weide. Der Basispass Pferdekunde ist der Einstieg in die qualifizierte Sportausbildung der FN. Nur wer dieses Zertifikat besitzt, darf die weiteren Ausbildungsgänge in den Turniersport antreten.

Die "Großen" hatten sich ebenfalls gut vorbereitet. Sieben Schülerinnen der achten Klasse zeigten neben umfangreichem "Pferdeverstand" am Nachmittag ihr reiterliches Geschick. Während beim Basispass Pferdekunde das Reiten nicht vorgeschrieben ist, gehören gute Grundkenntnisse im Reiten zum Deutschen Reitpass. Dieses Zertifikat ist der Einstieg in die weitere Ausbildung im Breitensport. Der Deutsche Reitpass öffnet zum Beispiel den Weg über den sogenannten "Wanderreiter" zum Wanderreitführer und Berittführer. Solche Qualifikationen sind besonders für die Arbeit im Reitverein wertvoll, um dort das erworbene Wissen für die Mitglieder umsetzen zu können. Allerdings konnten bei diesem Teil der Kooperation nur Schüler teilnehmen, die ein Pferd zur Verfügung haben. Kooperationen zwischen Sportvereinen und Schulen werden vom Württembergischen Landessportbund (WLSB) gefördert. Am Bildungszentrum Bodnegg war dies die erste Kooperation mit einem Pferdesportverein. Gleichzeitig ist diese Aktion die erste in Baden-Württemberg, die sich auf das Wanderreiten konzentrierte. Unterstützt wurde das Engagement der Schüler und Lehrer nicht nur vom Förderverein des BZ Bodnegg. Die "Persönlichen Mitglieder der FN" und der Reitsportausrüster Waldhausen stellten kostenlos acht Reithelme als Dauerleihgabe zur Verfügung.

Zufrieden zeigte sich Harry Lörcher mit dem reiterlichen Können der 13- und 14-jährigen Schülerinnen. Sie bewiesen, dass sie sich in der freien Natur allein und in der Gruppe korrekt verhalten konnten. Das Überwinden natürlicher Hindernisse wie die Durchquerung der Argen sowie etliche Hindernisse auf dem Reitplatz machte den jungen Reiterinnen keine Probleme. Ein bisschen Nervosität war dennoch zu spüren. Die 12-jährige Maria Jensch zum Beispiel berichtete am Samstagvormittag: "Vor lauter Aufregung war heute morgen schon mit meiner Musikprobe nichts anzufangen." Ihre Schulkameradin Bianca Röhrl gestand: "Ich bin ganz aufgeregt. Ich habe heute fast nicht geschlafen!" Die Reiterinnen waren vor allem gegen Ende des Prüfungsritts nervös. Viele Eltern, Geschwister, Sportschulrätin Brigitte Altvater-Schmiedel aus Ravensburg und natürlich die Prüflinge aus dem Basispass waren gekommen, um zu erleben, was die Reiter und ihre Pferde alles können.

Die Prüfungsorte dieser seit September 2002 zwischen der Bundeswehr-Reiterabteilung Weingarten e.V. und dem Bildungszentrum Bodnegg laufenden Kooperation waren zweigeteilt: Die eigentliche Vorbereitung zu den Prüfungen begann im Januar 2003. Wochenlang übten die Schüler mit den Pferden zweier kleiner Privatställe in Bodnegg: Putzen, führen, ausmisten, satteln, bandagieren... Es gab immer viel zu tun. Johanna Geray stellte im Ortsteil Widdum ihre Pferde ebenso gerne zur Verfügung wie Margret Fuchs vom Bruderhof. Beide Ställe sind von der Schule aus gut zu Fuß erreichbar, was die ganze Aktion begünstigte. Für die reitkundigen Schüler war der Aufwand indes besonders groß. Acht Trainingsritte, allesamt an Samstagen oder Sonntagen angesetzt, forderten auch die Eltern, denn schließlich waren die ja für den Transport ihrer Pferde zu den verschiedenen Treffpunkten verantwortlich. Mehrere Stunden dauerten die Ritte, die vom Vorsitzenden der Bundeswehr-Reiterabteilung Weingarten, Herbert Ullrich, und seinem Stellvertreter Martin Stellberger, Lehrer am Bildungszentrum Bodnegg, verantwortet wurden. Hier übten die Schüler richtiges Verhalten zu Pferde im Straßenverkehr, im Gelände oder bei Pausen. Zudem hielten die Ritte weitere Aufgaben für die jungen Reiterinnen bereit: Sie arbeiteten zum Teil die Streckenführung der Wanderritte eigenständig aus und lernten dabei, wie eine Gruppe geführt werden muss. Für einen weiteren Trainingsritt stand der Wintersporttag des Bildungszentrums zur Verfügung. In den sogenannten Freizeitgruppen der Schule gab es neben theoretischem Unterricht rund ums Pferd auch eine mehrstündige Einweisung in die Erste Hilfe, die von Marion Settmacher geleitet wurde. Auch sie ist Lehrerin am BZ Bodnegg.

Um die Anforderungen bei der Prüfung zu üben, unterstützten Susanne und Roland Ohneseit vom Reitverein Wangen als erfahrene Reiter und Ausbilder. "Im Gegenzug" durften drei Mitglieder des Wangener Vereins an der Prüfung teilnehmen. Susanne und Roland Ohneseit führten die Jugendlichen in fremdem Gelände rund um die Reitanlage Wangen bei drei Übungsritten. Das brachte nicht nur den Schülerinnen viel Selbstvertrauen, auch die zum Teil jungen Pferde lernten dazu: Das Durchreiten der Argen war für die meisten Reiterinnen und ihre Pferde zunächst eine "Mutprobe", obwohl der Wasserstand günstig war. Bei der Prüfung zögerten die Pferde dann keine Sekunde mehr vor dem Wasser. Einwandfrei klappten auch die Demonstration "korrektes Verhalten auf der Straße als Kolonne", das Wegreiten von der Gruppe, "Slalomreiten" entgegen der Rittrichtung und schließlich das "Springen". Dieser Teil ist beim Deutschen Reitpass freiwillig. Keines der Mädchen ließ sich auf dem Gelände des Reitvereins Wangen eine Schwäche anmerken: "Probieren will ich es auf jeden Fall!" sagten sie bereits beim ersten Übungsritt. Am Ende der Prüfung dokumentierte Harry Lörcher, der den Ritt genau mitverfolgen konnte, im Reiterstübchen der Reithalle Wangen: "Alle haben bestanden und zwar mit Springen!" Strahlend nahmen die Schüler darauf hin ihre Urkunden samt Anstecknadeln entgegen. Der "Abschlusshock" im Reiterstübchen von Wangen war besonders deshalb gut gelungen, weil zahlreiche Mütter Kuchen und Kartoffelsalat für die Würstchen spendiert hatten. Damit die Prüflinge und ihre Angehörigen den Erfolg richtig genießen konnten, sorgten die erwachsenen Kinder Roland Ohneseits für die Bewirtung.
Martin Stellberger