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1. Baden-Württembergische Schulsporttagung:
Pferdesport im Feld und Umfeld von Schule PD 11/2002
Pferdesport im Feld und Umfeld von Schule

von Martin Stellberger


Bad Boll.
Das Fazit zuerst: "Wir sind offen für Ihr Anliegen"! Über fünfzig Lehrerinnen und Lehrer aus Baden-Württemberg nahmen diese Aussage mit großem Beifall auf. Karl Weinmann, Dezernatsleiter Schulsport im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, Stuttgart, hatte bei der Podiumsdiskussion des 1. Baden-Württembergischen Schulsporttages in Bad Boll Anfang Oktober mit seinem Versprechen ins Schwarze getroffen. "Wenn Sie Eltern, Schüler, Schulleiter und Kollegen von Ihren Projekten überzeugen können, dann steht diesem Engagement nichts im Wege! Wir, das Ministerium, sind für alles offen!"

Pferdesport im Feld und Umfeld von Schule ist ein Thema, das in der Schullandschaft Baden-Württembergs schon lange "stattfindet". Nur - die Öffentlichkeit hat bisher kaum Notiz davon genommen. Jetzt soll das anders werden. Die Evangelische Akademie Bad Boll schuf die Voraussetzungen für die Tagung der pferdebegeisterten Lehrer und Dr. Thomas Schlag führte durch ein Programm, das an Tiefgang nichts zu wünschen übrig ließ. Sieben Schulen aus Baden-Württemberg präsentierten ausführlich ihre Arbeit mit Schülern und Pferden. Dabei ging es stets um "Kooperation Schule - Verein". Die Internationale Gesamtschule Heidelberg hatte Schülerinnen und Schüler mitgebracht, die in der Bad Boller Reithalle zeigten, was sie in einer Projektwoche in Neubulach beim Voltigieren gelernt hatten. Das Bildungszentrum Bodnegg, Kreis Ravensburg, stellte sein Wanderreit-Projekt vor. Die Mannheimer Förderschule Odilienschule, die Theodor-Heuss-Realschule Kornwestheim, das Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium aus Mannheim-Neckarau und die Grundschule Abstatt - alle boten den Kindern verschiedene Zugänge zum Pferd. Alle Projekte gelingen nur, so wurde bei den Dokumentationen deutlich, weil sich die Lehrerinnen und Lehrer über das "Alltagsmaß" hinaus einsetzen, den Kindern eine neue Art von Bewegung und Begegnung zu bieten. Dass Schüler ländlicher Gegenden leichter Zugang zu Pferden haben unterstrich eigentlich nur die immense organisatorische Arbeit der städtischen Schulen, Kinder aus der Stadt an das und aufs Pferd zu bringen. "Waren die Schulleiter erst einmal überzeugt, dass unser Projekt klappt, dass wir kompetent sind im Umgang mit Pferden, konnten wir loslegen", berichtete eine der Lehrerinnen, die bereits als "Trainerin C" qualifiziert ist.

Gerade die Frage der Qualifikation von Lehrern im Umgang mit Pferden wurde in einem Workshop diskutiert. Peter Schmoll vom Dezernat Schulsport des Ministeriums hatte sich dieser Diskussion gestellt. Das Ergebnis fasste Björn Ahsbahs in seiner Eigenschaft als Vertreter des Arbeitskreises Schulsport im Pferdesportverband zusammen: "Das Ministerium unterstützt durch den amtlichen Segen die Ausbildung von Lehrern zum Sportassistenten -Schulsport. Bereits im nächsten Jahr soll ein erster Pilotlehrgang stattfinden, bei dem die Lehrer auch das Longierabzeichen erwerben werden." Der Sportassistent soll das Bindeglied sein zwischen der Schule und dem Kooperations-Verein. Er soll den qualifizierten Ausbilder des Vereins qualifiziert unterstützen. Ein anderer Arbeitskreis entwickelte Lehrmaterialien und die Basis für ein Curriculum. Die Praxis kam nicht zu kurz, denn in der Reithalle Bad Bolls zeigten Fachleute: Voltigieren ist auch ein Angebot für "Ältere". Wie Pferdesport in der Grundschule aussehen kann, erläuterte die im Pferdesport bekannte Schriftstellerin und Pferdesportjournalistin Isabell von Neumann-Cosel, Edingen-Neckarhausen. Christian Abel, Kornwestheim, Geschäftsführer des Pferdesportverbandes, und Rolf Eberhard, Leiter der Landesreitschule in Marbach, stellten die Möglichkeiten der Qualifizierungen im Pferdesport als Breitensport vor. Hannelore Leiser, Heilbronn, öffnete den Blick der Teilnehmer für die Chance, im Pferdesport Schülermentoren auszubilden.

Um das Thema der Tagung wissenschaftlich zu untermauern, erklärte Jutta Hannig-Schosser von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, dass "der Umgang mit dem Pferd als pädagogische Chance und Antwort auf veränderte Lebensweltbedingungen" gesehen werden muss. "Die Jugend will zwar Spaß und Events haben, aber heute muss beides einen Sinn haben!" sagte die Dozentin. Leider aber hätten viele Kinder bereits einen "Time-Planer" und die Technisierung sei eine große Konkurrenz für den Grundsatz "mit Kopf, Herz, Hand und Bauch". Das Pferd böte die Chance, der Technisierung die Stirn zu bieten, weil es die ihm zugewandten Kinder und Jugendlichen ganz konkret fordere. Auch böte das Pferd Verlässlichkeit in einer Zeit, in der die Familienstrukturen sehr oft Verlässlichkeit verlören. Wo lernen Kinder noch die Jahreszeiten kennen? fragte die Dozentin. Antwort: "Am Pferd. Denn wer zum Beispiel mitten im Winter frische Erdbeeren genießen kann, erlebt im Alltag die Jahreszeiten nicht mehr wirklich", sagte Jutta Hannig-Schosser.

Professor Dr. Dieter Hackfort von der Universität der Bundeswehr, München, beschrieb den Motivationsfaktor Pferd als Herausforderung für die pädagogische Praxis. Motivation ergäbe sich aus Motiv und Situation. "Das Pferd ist ein Anreizpotential!" Es sei Partner und Bewegung zugleich. Der Kontakt mit ihm sei körperlich und kommunikativ: Tendenz aufsuchend oder weichend, sagte Hackfort. Die Bewegung des Pferdes bediene uralte Bedürfnisse des Menschen wie getragen oder geschaukelt werden. Der Pflegebedürftigkeit stünde die Hilfsmotivation gegenüber, der Lernfähigkeit die Lehrmotivation, der Beherrschbarkeit die Machtmotivation. Durch das Schaukeln auf dem Pferderücken, die Perspektive aus der Bewegung vom Pferderücken aus, die Geräusche des Pferdes aus der Bewegung und das gangartenspezifische Bewegungsgefühl sowie Fell und Mähne würde das Pferd den Menschen ganz in seinen Bann ziehen.

Eckart Meyners von der Universität Lüneburg unterstrich die Bedeutung des Reitens für die Entwicklung von Kindern. Die Kindheit habe sich gravierend verändert, sagte der Freizeitforscher. Kinder könnten ihre Freizeit nicht mehr selbst gestalten, Eltern haben keine Zeit für ihre Kinder und Kinder litten unter "Verinselung" und würden zu Transportkindern. Diese Entwicklung würde gefördert durch die Familienstrukturen, die kleiner werdende Zahl der Kinder, durch unterschiedliche Lebensgewohnheiten und nicht zuletzt durch die hohe Scheidungsrate. Die Veränderung der Freizeitgestaltung durch den Medienkonsum mache sich negativ bemerkbar. In Großstädten würden Kinder bis zu neun Stunden täglich fernsehen. Und der ländliche Raum sei auch kein heiler Raum. Die Bewegungsmuster hätten sich verändert, sie würden sogar fehlerhaft, unterstrich Meyners. Das Desaster werde im Schuleintrittsalter augenfällig: 60 Prozent der Kinder hätten Haltungsschwächen und -schäden, 40 Prozent wiesen Koordinationsmängel auf. Dazu komme Verhaltensauffälligkeit. Meyners wies einen Ausweg: Das Pferd kann Bewegungserzieher sein. Dabei stehe nicht das Reiten im Vordergrund, vielmehr das Potential des Pferdes als Bewegungswunder: "Kein Sportgerät kann die Vielfalt des Pferdes in Bezug auf Bewegung ersetzen!" war die Erkenntnis. Kein Kind könne sich auf dem Pferderücken "nicht nicht bewegen". Die dreidimensionale Bewegung des Pferdes fördere die Bewegungsfähigkeit von Kindern. Gleichzeitig fördere das Pferd die Wahrnehmungserziehung.

Die abschließende Podiumsdiskussion bleibt den Lehrerinnen und Lehrern vor allem deshalb in guter Erinnerung, weil sie sich bestätigt sahen: "Wir sind auf dem richtigen Weg. Das Ministerium fördert unsere Arbeit in der Zukunft offiziell." Björn Ahsbahs fasste den Erfolg der Tagung für den Pferdesportverband zusammen: "Wir sind aufgewacht!" Der Arbeitskreis Schulsport habe durch den Erfolg von Bad Boll einen tollen Auftrieb erhalten. Er erinnerte an Volker Hahn, Ravensburg, den Präsidenten des Pferdesportverbandes Baden-Württemberg, der den Lehrerinnen und Lehrern zurief: "Ihr Engagement ist beeindruckend. Der Landesverband wird Sie und ihre Schulen nach Kräften unterstützen! Unser Fachwissen und unsere Fachleute werden zum Gelingen Ihrer Arbeit beitragen."