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Das besondere Internat: Fördercentrum Mensch & Pferd 01/2002
BIELEFELD. Das Fördercentrum Mensch & Pferd in Bielefeld hat ein lohnenswertes Ziel: In einem Pilotprojekt werden sieben junge Menschen zwischen 17 und 29 Jahren gefördert, die wegen ihrer Behinderung einer besonderen Förderung bedürfen. In einem zweijährigen Lehrgang bekommen sie das Rüstzeug zum "Pferdepfleger FN". So werden sie durch diesen Beruf Arbeit bekommen, um aus eigener Kraft ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Statt lebenslanger Sozialhilfe setzen die Veranstalter auf Selbständigkeit, Initiative und Eigenverantwortung.

Dazu bedarf es professioneller Hilfe in therapeutischer und pferdefachlicher Hinsicht. Man braucht geeignete Örtlichkeiten und engagierte Förderer, die das auf Zukunft angelegte Fördercentrum Mensch & Pferd finanziell unterstützen. Mit dem eigens geschaffenen Internat in einem Gebäude der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel und dem Reiterhof von Klaus und Petra Thiesbrummel (Reiterhof Thiesbrummel, Rehobothweg 5, 33689 Bielefeld) wurden ideale Orte gefunden, um das Anliegen umzusetzen. Über dem Projekt steht als Motto ein Wort von Peter Bamm: "Wer gelernt hat, mit dem Pferd umzugehen, hat ein Stück Erziehung an sich selbst vollbracht. Er wird es immer leichter haben, mit Menschen umzugehen."

Das Ausbildungsprogramm
Das Ausbildungsprogramm umfasst Theorie mit Berufsschulpflicht, ein betriebs-internes Schulprogramm, individuelle Stützkurse und Förderung sowie sonderpädagogische Einzelförderung. In der Praxis erlernen die Projektteilnehmer alle Arbeiten der Pferdepflege, berufsspezifische Schlüsselqualifikationen und Arbeitstechniken. Die Freizeitgestaltung kommt dabei nicht zu kurz. Sie umfasst lebens-praktisches Training, Aktivitäten in der Gruppe und therapeutisches Reiten. Der Unterricht bezieht alle Tätigkeiten mit ein, die mit der Pflege des Pferdes sowie der professionellen Arbeit in einem Pferdebetrieb zu tun haben: Pflege und Fütterung, Stallarbeiten, Stallhygiene, Stalleinrichtung, Sattelzeugpflege, Longieren, Veterinärkunde, Beschlagslehre, Verladen und Transportieren von Pferden und berufsständisches Wissen.

Das Internat
Das Internat ist ein wesentlicher Bestandteil des pädagogischen Konzeptes. Die sieben Lehrgangsteilnehmer werden in einem von den Bodelschwinghschen Anstalten Bethel zur Verfügung gestellten Gebäude untergebracht und sonder- und sozialpädagogisch betreut. Es werden Einzel- und Gruppenangebote sowie sinnvolle Möglichkeiten der eigenen Freizeitgestaltung entwickelt. Dabei sollen die naturnahe Umgebung und vor allem die Erfahrung im Umgang mit dem Pferd eine ent-scheidende Rolle bei der Persönlichkeitsentfaltung spielen. Das Internat ist eng an den Pferdebetrieb angebunden, die räumliche Nähe zu den betreuten Pferden ist gewährleistet.

Im Anschluss an die Arbeit auf dem Reiterhof haben die Lehrgangsteilnehmer Zeit für ihr Privatleben. Sie können sich zurückziehen, gemeinsam mit der Sozialpädagogin anstehende persönliche Arbeiten wie Waschen, Einkaufen verrichten, Briefe schreiben oder sich mit den anderen Jugendlichen in der Gruppe beschäftigen. Auf dem gemeinsamen Programm stehen Besuche von Reitveranstaltungen, Einkauf täglich benötigter Dinge, Lesen und Anschauen von Filmen.

Das Internat fordert und fördert eine selbstorganisierte Lebensführung unter Anleitung und gruppenbezogene Kooperation. Die Ausbilderin, Petra Thiesbrummel, übernimmt die Schulung und Einweisung in das Berufsfeld der Pferdepflege. Die Sonderschullehrerin Christiane Greiner und die Sozialpädagogin Angela Sauer sind zuständig für den allgemein bildenden Unterricht, für das Bewerbertraining, die Schulung von Informations- und Kommunikationstechniken, die Sprachförderung und das lebenspraktische Training. Sie sind Bezugspersonen im Internat, beim Praktikum, bei der Freizeitgestaltung und unterstützen die Integration im Betrieb, im Unterricht, in der Familie und später bei der Anstellung u.a. in Reitställen. Die sozialpädagogische Arbeit ist ein wichtiger integrativer Bestandteil der Förderung, die die Einzelfallhilfe, Beratung, Krisenintervention, soziale Gruppenarbeit, Sozialtraining, Elternarbeit, Freizeithilfen und Sportangebote einschließt.

Das Berufsbild
Der zweijährige Lehrgang basiert auf den Anforderungen des Berufsbildes Pferdepfleger FN, den die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) ins Leben gerufen hat. Es ist möglich und auch sinnvoll, im Anschluss an den Lehrgang eine externe Prüfung abzulegen, die von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung angeboten wird. Bei bestandener Prüfung erstellt diese ein Zeugnis, das die Absolventen berechtigt, die Berufsbezeichnung FN-geprüfter Pferdepfleger zu tragen.

Die Praxis
Die Ausbildung von jährlich sieben Lehrgangsteilnehmern findet im professionell betriebenen Reiterhof Thiesbrummel in Bielefeld statt. Klaus Thiesbrummel wurde im Jahre 2001 das goldene Reitabzeichen für seine Erfolge im Springsport verliehen. Unter der Anleitung seiner Frau Petra sollen die jungen Erwachsenen im Alter von 17 bis 29 Jahren den Umgang mit Pferden erlernen. 15 Tiere stehen hierfür zur Verfügung. Auf der Reitanlage ist seit 10 Jahren der von Petra Thiesbrummel gegründete Förderverein Therapeutisches Reiten e. V. Eckardtsheim ansässig. Das Zusammenspiel von Sportstall und der therapeutischen Qualifikation bildet eine ideale Grundlage für das Konzept des Fördercentrums Mensch & Pferd.

Berufsperspektiven
Die Reiterei ist seit Jahren eine Wachstumsbranche. Die Zahl der Reitvereine nimmt zu, Mitgliederzahlen und die Neuregistrierungen von Pferden steigen weiter. Pferdepfleger werden also gebraucht. Traditionell ist die Akzeptanz von Menschen mit Lern- und Entwicklungsbeeinträchtigungen oder Entwicklungsschwierigkeiten - früher kurz Behinderte genannt - in allen Bereichen der Landwirtschaft ausgeprägt. Nach Mitteilung des Arbeitsamtes Verden ist das Verhältnis von offenen Stellen zu Bewerbern im Bereich Pferdepflege 700 : 300. Es besteht schon jetzt Interesse von professionellen Reitställen, Absolventen des Förderlehrgangs Pferdepflege zu übernehmen. Damit ist die Integration der spezifisch geförderten jungen Leute in den Berufsalltag gewährleistet. So hat bereits zum Beispiel Olympiasieger und Europameister Lars Nieberg Interesse an derart ausgebildeten Pferdepflegern angemeldet. Um diesen Übergang zu festigen und die Persönlichkeit der Teilnehmer stabil zu halten, werden sowohl die Jugendlichen als auch die arbeitgebenden Betriebe durch Integrationsfachleute begleitet.

Kontakt: Pressebüro Susanne Strübel, Tel. 0711/51 72 215 Fax 0711/51 72 216