Startseite
Kontakt
2. SYMPOSIUM GEWALT GEGEN PFERDE
- Ein Rückblick von Martin Stellberger -
Aus PD 12/2000


HÖXTER.
Sind die Medien mit schuldig an der hohen Zahl verletzter und getöteter Pferde? Sorgt die Berichterstattung für Nachahmungstäter? Das waren Fragen beim 2. Symposium „Gewalt gegen Pferde“ im Kreishaus in Höxter (27.-28. Oktober 2000). Detlev Ehrike vom Landeskriminalamt Hannover sieht jedenfalls Zusammenhänge zwischen Berichterstattung und den Taten von Pferdeschändern. Der Kriminalist machte seine Ansicht an Vergleichen von Taten und Berichterstattung in Niedersachsen deutlich. Sein Ergebnis blieb aber „unvollendet“ und damit letztlich nicht wirklich schlüssig, weil es bisher nicht gelungen ist, Täter (bis auf Einzelfälle) zu befragen. Das aber liegt daran, dass die Polizei ihrer nicht habhaft wird. Gleichwohl sind seriöse Journalisten sensibilisiert, wie Gisela Grünwald vom WDR Bielefeld erklärte. Seriöse Medienleute zerbrechen sich den Kopf darüber, wie, wann und ob man überhaupt über Tierquälereien berichten sollte, um Nachahmer zu verhindern. Dennoch kamen die Teilnehmer des Symposiums auf einen gemeinsamen Nenner, der von Ingmar Weitemeier, dem Leiter des LKA Schwerin, so beschrieben wurde: „Berichterstattung muss sein, weil die Taten im öffentlichen Interesse stehen. Aber die Berichte sollten auf detaillierte Tatschilderungen verzichten.“ Man solle „unfreiwillige Handreichungen“ für potentielle Trittbrettfahrer unterlassen. Der Mecklenburger Kriminalist stellte Vergleiche her: Es gäbe Vorfälle, bei denen man den Zusammenhang zwischen Berichterstattung und Nachahmung eindeutig herstellen könne. Als Beispiel nannte er das Schießen mit Luftgewehren.

Warum gerade Pferde häufig Opfer von Attentätern werden, erläuterte Professor Dr. P. Fassheber von der Universität Göttingen damit, dass Pferde zu den Haustieren gehören, die stark „emotions-, wert- und prestigebesetzt“ seien. Den Auslöser der Taten begründete er im wesentlichen mit Frustrationen, die sich im Laufe des Lebens der Täter Luft verschafften. Überhaupt seien wohl viele Täter „sozial sehr isolierte Menschen, deren Verbrechen als kläglicher Hilferuf einer verzweifelten Persönlichkeit“ gesehen werden müsse. Der Göttinger Professor nahm hier Bezug auf drei junge Frauen und einen Mann, die in den letzten Jahren als Täter gefasst worden seien. Er geht auch davon aus, dass schwere seelische Enttäuschungen in Aggressionen umschlagen können. Doch er sprach auch den Medien – Filme, Fernsehserien, Zeitungsberichten – eine nicht zu unterschätzende Rolle zu: „Gesellschaftliches Erlernen von Aggression – auch gegen Tiere“. Gewalt sei in den Medien all zu oft als erfolgversprechendes Handeln dargestellt. Begriffe wie „Pferderipper“ sollten ebenfalls vermieden werden; sie werteten die Täter auf. Warum es in der Bevölkerung keine breite „Solidarisierung“ wie zum Beispiel gegen Rechtsradikalismus gäbe, sei einfach zu erklären: Die Taten erfolgen „ohne jeden erkennbaren Zweck“. Wenn dann in den Medien breit berichtet würde, sei das eine Art „Sinnprämie“ für den Täter.

„Das domestizierte Pferd ist prädestiniert für Angriffe!“ So könnte das Fazit von Professor Dr. R. Willmann, Universität Göttingen, lauten. „Unter natürlichen Bedingungen hätten Gewalttäter kaum eine Chance, Pferden zu nahe zu kommen.“ Erst die Domestikation und Züchtung von Pferden als Haustiere haben ihren Missbrauch oder Gewalt gegen sie möglich gemacht. Der Umgang mit dem Menschen habe das Fluchttier Pferd stark beeinflusst, es gelehrt, zum Menschen Vertrauen zu haben und nicht zu fliehen.

Andrea Beetz von der Universität Erlangen wies in einer Untersuchung nach, dass der Umgang mit Tieren aller Art sehr oft sexuelle Züge annimmt, deren Darstellung schon aus Felsmalereien der Bronzezeit bekannt seien. Im Internet breiteten sich Bilder indes ebenso rasch aus wie Bilder über Kindesmissbrauch. In einer umfangreichen Studie hatte sie auch via Internet erforscht, dass sexuelle Handlungen mit Tieren weit verbreitet seien. Der Archäologie-Professor Dr. Reinhard Stupperich von der Universität Mannheim ergänzte die Untersuchung mit Bildern aus der Antike. Auf antiken Vasen zum Beispiel würden Sexualpraktiken zwischen Mensch und Tieren gezeigt. Das Pferd selbst habe darüber hinaus seit frühester Zeit einen tiefen Eindruck auf die Menschen gemacht und spielte stets eine große Rolle in ihrer geistigen und religiösen Vorstellung.

Große Beachtung fand Alexandra Schedel-Stupperich, Universität Göttingen, die in ihrer laufenden Doktorarbeit dem Phänomen der Pferdeschänder nachgeht. Sie bot erstmals ein Lagebild für ganz Deutschland: Nachdem zu Beginn der 90-er Jahre in Niedersachsen und den benachbarten Bundesländern der sogenannte Lanzenmörder für Aufsehen sorgte, stellte die Diplombiologin für das Jahr 1993 bundesweit 44 tote oder verletzte Pferde fest. Bereits 1995 lag die Zahl bei 108 Pferden. Die Jahre 1996 und 1997 werden indes besonders in Erinnerung bleiben: 242 beziehungsweise 226 Pferde wurden Opfer von Gewalttätern. Für die Jahre 1998 und 1999 stellte die Doktorandin einen gewissen Rückgang auf 130 beziehungsweise 177 Opfer fest. Seit 1993 sind bundesweit 1000 Pferde Opfer von Gewalttätern geworden. Dabei zeigte Schedel-Stupperich auf, dass die Zahl der Attacken auf Pferde im wesentlichen in der Weidezeit ansteigt. Die meisten verletzten und getöteten Tiere wurden im Juni des Untersuchungszeitraumes registriert. Überwiegend fallen die Taten in die Zeit außerhalb der sogenannten „Regelarbeitszeiten“. Abends und nachts also schlagen die meisten Täter zu. Die Verletzungen lägen bei den Tieren mit großer Zahl im Genitalbereich, an Kopf, Hals und Beinen.

Das Bild der Öffentlichkeit über Täter und Taten beruht indes weitgehend auf Spekulation, meint Dietmar Stremmel, Universität Göttingen. In der Regel beziehen die Menschen ihre Informationen über Angriffe auf Tiere aus den Massenmedien. Diese „indirekten Erfahrungen“ führen zu Meinungen, die von der Berichterstattung abhängen. Folglich seien diese Bilder von den Tätern nicht realistisch. So warnte auch der Psychologe Dr. Michael Schetsche, Bremen, davor, Tatmotive ausschließlich im sexuellen Bereich zu suchen. „Wir müssen uns damit abfinden, dass es Taten gibt, die keinen Sinn haben und die auch der Täter selbst nicht begründen kann“, sagte Schetsche in seinem Vortrag.

Wie sollte die Justiz mit den Pferdeschändungen umgehen? Diese Frage beschäftigte den Duisburger Staatsanwalt Martin Hein. Er war im Verfahren gegen den Frauenmörder Frank Guss als Vertreter der Anklage tätig. Der Täter habe, so Hein, Pferde, Schafe und Rinder getötet um schließlich im weiteren Verlauf seiner kriminellen Entwicklung vier Frauen zu ermorden. Teilweise seien die Taten gegen Tiere auch Ersatzhandlungen gewesen, sagte Hein über die Ergebnisse der Vernehmungen des Täters. Der Strafrahmen im Zusammenhang mit Gewalt gegen Tiere mit „bis zu drei Jahren“ nach dem Paragraphen 17 des Tierschutzgesetzes, reicht nach Heins Meinung nicht aus. Auch Paragraph 303 Strafgesetzbuch helfe wenig. „Nach dem zur Zeit gesetzlich vorgeschriebenen Strafrahmen wird ein Pferdeschänder in Deutschland genau so bestraft wie ein Ladendieb“ kritisierte der Jurist. Bei der Strafzumessung müsse berücksichtigt werden, auf welche Weise das Tier gequält oder getötet wurde. Er gab auch zu bedenken, dass Pferde einen nicht unerheblichen Wert darstellen, für ihre Besitzer, zum Beispiel Züchter, oft auch einen existentiellen Wert hätten. Die geringe Strafzumessung sorge vielmehr dafür, dass das Interesse an der Verfolgung solcher Taten rückläufig werden könnte. Deshalb forderte Hein die Polizei auf, trotz der geringen Strafen das Phänomen der Pferdetötungen aufmerksam zu verfolgen. Gleichzeitig müsse der Strafrahmen angemessen erhöht werden, um der kriminellen Energie gerecht zu werden, die in Tierquälerein und –tötungen zum Ausdruck kommt.

Veranstalter des Symposiums „Gewalt gegen Pferde“ waren die Georg-August-Universität Göttingen und die Deutsche Akademie des Pferdes, Warendorf.

Kontakt: Deutsche Akademie des Pferdes
T: 02581-6362 240