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Goldener Oktober für Natalie Gauß PD 10/2017
Goldener Oktober für Natalie Gauß

Ottenbach.
Natalie Gauß hat es geschafft: Mit ihren Pferden hat die 25jährige Reiterin aus Otten-bach alle vorgeschriebenen Erfolge für das goldene Reitabzeichen beisammen. Die Anforde-rungen sind nicht unerheblich und bedürfen jahrelanger Arbeit und Ausbildung für Mensch und Pferde. Davon später mehr.

Die Reiterkarriere von Natalie Gauß begann praktisch „pränatal“. Lachend erzählt die junge Frau, sie sei schon im Mutterleib mitgeritten. Bei ihr träfe es zu, zu sagen: „Ich konnte reiten, bevor ich laufen konnte.“ Das Pferdevirus hat Natalie von ihrer Mutter Ingrid Gauß „geerbt“, die als Pferdewirtschaftsmeisterin und ehemalige Leiterin des Trakehnergestüts Ramsberg in Donzdorf selbst Pferde auf Landes- und Bundeschampionaten vorstellte und sie in allen Disziplinen ausbildete. Seit über 20 Jahren betreibt die Familie Gauß nun selbst das Gestüt in Ottenbach. Hier lebt auch Tochter Natalie und trainiert ihre Pferde. Während Ingrid Gaus für die Organisation und den Reitunterricht verantwortlich ist, kümmert sich Vater Ulrich Gauß, gelernter Maurermeister, um sämtliche baulichen und handwerklichen Aufgaben im Betrieb. Dankbar stellt Natalie Gauß fest: „Ich bin froh, solche Eltern zu haben. Ohne meinen Vater, der uns den Rücken frei hält und uns immer unterstützt, könnten wir unser Hobby nicht so intensiv ausüben. Meine Mutter ist zudem meine größte Kritikerin und fördert mich dadurch sehr. Seit 20 Jahren arbeiten wir zusammen und sie begleitet mich auf Turniere. Von ihr habe ich gelernt, wie wichtig Durch-lässigkeit, Rittigkeit und korrektes Reiten sind.“ Eine weitere feste Größe im Leben von Natalie Gauß ist ihr Freund Jochen Ernst. Er ist für die seelische Unterstützung und als objektiver Meinungsgeber von außen sehr wichtig, erzählt die junge Frau.

Fragt man sie nach ihren persönlichen Eigenschaften, sagt sie: „An erster Stelle steht das Verant-wortungsbewusstsein und die Fürsorge für meine Pferde. Dazu kommen mein Trainingsfleiß und eine gute Portion Ehrgeiz. Manchmal bin ich etwas ungeduldig, aber das habe ich ganz gut im Griff, denn meine Pferde sind ja keine Maschinen und eine gute Ausbildung kostet eben Zeit.“ Gerade „die Zeit“ hat sich Natalie Gauß schon immer gut einteilen müssen. Nach dem Abitur studierte sie nämlich Pferdewirtschaft an der Hochschule in Nürtingen und schloss mit dem Bachelor of Sciences ab. Darauf setzte sie ein zweites Studium zum gehobenen Verwaltungsdienst an der Verwaltungshochschule Ludwigsburg, das sie im Frühjahr 2018 abschließen wird. Und reiten muss sie ja daneben auch noch sehr intensiv und Turniere gut planen. Dank der Unter-stützung ihrer Eltern konnte sie den Pferdesport und die Schule sowie die Berufsausbildung gut miteinander vereinbaren, denn sie hatte stets mehrere Pferde zu reiten. Eines steht für Natalie Gauß und ihre berufliche Zukunft fest: „Mein künftiger Beruf bzw. der Arbeitsplatz muss zeitlich und organisatorisch mit unserem Gestüt vereinbar sein!“

Angefangen hat alles auf dem Familienpferd Ratzefatz. Der Wallach wurde von ihrer Mutter bis zur Klasse S ausgebildet. Auf ihm saß Natalie Gauß mit einem Voltigiergurt bereits als Vier-jährige. Mit sechs Jahren bekam sie dann ihr Pony Wie nett, das sie einen guten Knieschluss lehrte. Denn: „Die Schwerkraft sorgte vor allem in den Ecken der Halle dafür, dass ich viele Bodenberührungen erlebte, wenn Wie nett im Renngalopp durchstartete“, erzählt sie schmunzelnd. Dennoch wurde Wie nett bald ein zuverlässiger Partner und bescherte ihr später sogar Siege in L-Dressuren gegen Großpferde. „Da meine Mutter immer darauf geachtet hat, dass meine Pferde altersmäßig gut durchgestaffelt waren, erfolgte der Umstieg auf das Großpferd problemlos.“ Zu dieser Zeit trainierte Natalie noch bei Herbert Näher, der ihr korrektes Reiten der Hufschlag-figuren und einen korrekten Sitz vermittelt hat.

Mit 13 Jahren erritt sich Natalie Gauß auf der von Fritz Stahlecker ausgebildeten Stute Gris von Glorieux/Renaldo die erste Platzierung in einer S*-Dressur. Gris war ein ideales Lehrpferd für die Lektionen der schweren Klasse. Daneben gab es eine ganze Reihe anderer Pferde, mit denen Natalie Gauß erfolgreich in Klasse L und M unterwegs war. Aufgrund ihrer Erfolge wurde sie in den Regionalkader und in den Landeskader Baden-Württemberg berufen. Während ihrer gesamten Kader-Zeit war sie mit vielen unterschiedlichen Pferden erfolgreich. In dieser Zeit folgte dann der Trainerwechsel zu Holger Schulze vom Reitverein Göppingen.
Ein Pferd, das die junge Frau besonders geprägt und mit dem sie viele Höhen und Tiefen durchlebt hat, ist Fogey Franclin von Florestan/Rubinstein. Der Wallach kam 2004 als Fohlen zur Familie Gauß. „Ich habe Fogey selbst angeritten. Zusammen mit meinen Trainern haben wir uns von der ersten Reitpferdeprüfung im Jahr 2007 bis zu unserem Grand-Prix-Debut im Oktober 2016 hochgearbeitet“, erzählt Natalie Gauß nicht ohne Stolz. Fogey Franclin ist es auch, der sie 2013 in ihrer letzten Saison als Junge Reiterin ins Finale zum „Preis der Besten“ in Warendorf trug. 2014 ging für Natalie Gauß mit der Teilnahme beim iWEST-Cup und dem Start in der Stuttgarter Schleyerhalle ein Kindheitstraum in Erfüllung. Im Vorfeld der Schleyerhalle konnten die beiden in Schwieberdingen, Nürtingen, Oberderdingen und Göppingen die ersten Siege der schweren Klasse auf dem Weg zum Goldenen Reitabzeichen erringen. 2015 und 2016 folgten weitere Siege in Weilheim und Moosbeuren sowie erste Platzierungen in S***- Prüfungen mit Piaffe und Passage. Zwei vierte Plätze in München-Riem und Bisingen-Hohenzollern zählen ebenfalls für das Goldene Reitabzeichen. Mit einem weiteren S*-Sieg in Weilheim im August 2017 setzte Natalie Gauß den Schlussstein für das Goldene Reitabzeichen mit dem erst acht Jahre alten imposanten Rappwallach Fine Emotion von Fineliner/Harvard. Neben Fine Emotion, der über den Winter auf S***-Niveau geführt werden soll, stehen noch weitere Nachwuchspferde wie die achtjährige Fine Franzy von Fineliner/Upan la Jarthe im Stall der Familie Gauß. Mit ihrer Mutter und Holger Schulze hat Natalie Gauß die passenden Trainer an ihrer Seite. Der Dressur-Profi ist im Lande und darüber hinaus als hervorragender Ausbilder bekannt und fördert die Reiterin seit 2008: „Holger verfeinert alle Lektionen und hat mir beim Sprung in die Klasse S und dann in den S***-Bereich geholfen. Er kitzelt das gewisse Etwas aus seinen Reitern und ihren Pferden heraus.“ Mit ihren Pferden hat Natalie Gauß ja auch Ziele. Für die Zukunft möchte sie gerne ihre beiden Achtjährigen auf S***-Niveau bringen und an Serien wie dem „Nürnberger Burgpokal“ und „Stars von Morgen“ teilnehmen.

Ziele hat die junge Frau vom Reitverein Lautertal e.V. also genug. Doch zunächst einmal steht eine schöne Feier an: Die Verleihung des Goldenen Reitabzeichens beim Dressurturnier am 14. Oktober in Göppingen. Das Goldene Reitabzeichen gehört zu den begehrtesten Auszeichnungen für Pferdesportler. Es wird nämlich nur einmal im Leben eines Reiters verliehen und nur dann, wenn sich Erfolge auf höchstem Niveau einstellen. Medaillen und Titel lassen sich wiederholen. Das „Goldene“ nicht, es ist einmalig und etwas ganz Besonderes. Natalie Gauß freut sich auf die Verleihung in Göppingen und sagt: „Ich freue mich sehr auf das Oktoberwochenende. Es ist schön, wenn ich diejenigen um mich habe, die sich mit mir über den Erfolg freuen. An diesem Abend werden wir zusammen feiern.“ Martin Stellberger