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Der lange Weg zum Goldenen Reitabzeichen: Die Karriere von Marc Gerhardt PD 9/2017
Der lange Weg zum Goldenen Reitabzeichen: Die Karriere von Marc Gerhardt

Neuenburg am Rhein/Buggingen.
Die Reiterkarriere von Marc Gerhardt aus Buggingen ist bemerkenswert in ihrer Vielfalt: Als Kind begann er elfjährig mit dem intensiveren Umgang mit Pferden, lernte reiten und ging zunächst zum Voltigieren. Da machte er offenbar eine so gute Figur, dass er unter den Fittichen des legendären Voltigier-Ausbilders Paul Lorenz gefördert wurde. Lorenz war zusammen mit seiner Frau Ilse einer der frühen Wegbereiter des Voltigiersports in Baden-Württemberg. Als Longenführer nahm Marc Gerhardt an Turnieren jener Zeit teil und seine Gruppe wurde Dritter bei den oberbayerischen Meisterschaften sowie Sechster bei den bayerischen Meisterschaften. Mittlerweile war er nämlich mit seiner Familie nach Oberbayern umgezogen. Gerhardt war mit den Jahren so auf die Pferde fixiert, dass er 1981 eine Ausbildung als Pferdewirt und Bereiter an der Westfälischen Reit- und Fahrschule in Münster antrat. Dort bekam er erneut einen der wichtigsten Ausbilder jener Zeit an die Seite: Major a.D. Paul Stecken, der erst im September 2016 im Alter von 100 Jahren verstorben ist. Das war eine prägende Zeit für den jungen Mann. 1984 schloss Gerhardt seine Ausbildung mit der begehrten Stensbeck-Plakette ab, die in seinem Jahrgang zehn Absolventen verliehen wurde.

Weitere Stationen folgten. Zunächst trat er eine Stelle als Bereiter bei Wolfgang Winkelhues in Köln an. Winkelhues hat erst seit wenigen Jahren den aktiven Turniersport aufgegeben. Er widmet sich jedoch schon seit drei Jahrzehnten als Landestrainer Dressur im Verband Rheinland der nationalen und internationalen jungen Dressurelite. Später arbeitete Marc Gerhardt bei Christian von der Recke in Isselburg, der dort einen Rennstall unterhielt. Auch arbeitete der spätere Pferdewirtschaftsmeister einige Zeit in der Schweiz bei dem früheren weltweit anerkannten Reiter Paul Weier, der sein bekanntes Sportzentrum Elgg Anfang 2017 dem Schweizer Olympiasieger Steve Guerdat übertragen hat. Auch der Österreicher Hans Riegler aus Wien spielt im Training von Marc Gerhardt eine wichtige Rolle. Riegler unterhält in Sulz das Dressurzentrum St. Lukas. Wichtig dabei ist, dass Hans Riegler Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule zu Wien ist. An der illustren Reihe von Ausbildern ist zu erkennen, dass Marc Gerhardt eine umfassende Ausbildung genossen hat, auf die er seine berufliche Arbeit stützen kann. Gerhardts Fähigkeiten sind dabei nicht nur reiterlicher Art, er bezeichnet sich selbst als ausdauernd und ehrgeizig, „dazu bin ich sozial eingestellt und sehr tierlieb“. Er sagt von sich, dass er offen ist für andere Wege, dass er selbstkritisch sei bei seiner Arbeit mit Menschen und Tieren, was „mich vielleicht auch deshalb erfolgreich in vielen Disziplinen der Reiterei werden ließ“. In der Vielseitigkeit startete er einst bis Klasse L und wurde 1988/89 sogar Dritter der Meisterschaft des Reiterrings Oberrhein. Seit 16 Jahren ist Marc Gerhardt, inzwischen 55 Jahre alt, als selbständiger Ausbilder auf dem Hofgut Caballus in Neuenburg am Rhein tätig und kehrte somit nach Baden-Württemberg zurück, denn er wurde ja 1962 in Ellwangen/Jagst geboren. Das Hofgut Caballus liegt allerdings im Badischen, südwestlich von Freiburg und gehört Karl Walch. Es gilt als traditionsreicher Reitstall, „bei dem die soziale Komponente zu Pferden und Menschen im Vordergrund steht“.

Im Leben von Marc Gerhardt spielen viele Pferde eine Rolle. An dieser Stelle sollen vier Pferde genannt werden, die Marc Gerhardt zu seinen erfolgreichsten zählt: Weltrose von Weltmeyer/Royal Angelo I, Louis d’or von Lacantus/Silvester, Sister Sunshine von Sunny-Boy/World Cup I und Despinero von Dimaggio/Rohdiamant. Mit Weltrose hat er zwischen 2008 und 2011 allein 14 Siege in Klasse S* errungen, darunter etliche St. Georg-Prüfungen und eine Kür. Dafür musste er im Lande herumreisen, zum Beispiel nach Gundelfingen, Schopfheim oder Offenburg. In Kandern gehört er zu den „Seriensiegern“, weil er dort schon sechsmal mit Weltrose erfolgreich war. Mit Loius d’or gewann er 2012 dreimal in Klasse S* in Ötigheim, Schopfheim und Ichenheim. Mit Sister Sunshine bestreitet Marc Gerhardt seit 2014 Turniere in der höchsten Klasse und gewann mit der Stute dreimal in Schopfheim und einmal in Offenburg. Aber die Regeln rund um das Goldene Reitabzeichen sind streng und so fehlte dem erfolgreichen S-Reiter ein Sieg in Klasse S**! Den errang Gerhardt erst vor kurzem, nämlich beim Turnier in Villingen-Schwenningen: Am 23. Juli 2017 gewann der Berufsreiter mit Sister Sunshine die Intermediaire I in Klasse S** und machte zur Freude seiner Frau Nicola, Tochter Cosima und seinem beruflichen Umfeld damit das Goldene Reitabzeichen komplett.

Stolz ist der Reiter, der in seiner Freizeit gerne Motorrad fährt, liest und sich gar als Fallschirmspringer betätigt, auch mit Recht auf seine Pferde und die Arbeit mit ihnen, hat er sie doch selbst ausgebildet und auf das hohe Niveau gebracht. Der Weg eines Dressurpferdes fängt ja auch „unten“ an und beginnt bei Dressurpferdeprüfungen und es dauert Jahre, bis es die Qualifikation erreicht hat, in der schweren Klasse anzutreten. Auf dem Weg dorthin verbrachte und verbringt ein Ausbilder unzählige Stunden im Sattel und unzählige Wochenenden bei Turnieren, stellt seine Pferde vor und entwickelt sie so weiter. Dass dabei für Marc Gerhardt auch einige Meistertitel abfielen, soll nicht verschwiegen werden: In den Jahren 2008, 2010 und 2014 war er jeweils Südbadischer Meister in der Dressur, 2015 Vizemeister. 2010 war er auch Finalist beim iWEST-Dressur Cup in der Stuttgarter Schleyer-Halle. Zudem ist es für das Renommee eines Berufsreiters wichtig, dass er erfolgreiche Schüler hat, die wie er bis zur schweren Klasse reiten können. Dass der reiterliche Weg Gerhardts auch mit dem Springsport einherging, zeigen seine Erfolge in dieser Disziplin, denn auch hier startete er bis Klasse S, wo er z.B. mit dem Pferd Rolling Stone Platzierungen bis Klasse S errang. Zahlreiche M*- und M**- Platzierungen gab es auch mit den Pferden Cookie und Landinox). Und diese Erfolge beweisen, dass es gut ist, wenn sich ein Reiter nicht zu früh spezialisiert.

Anteil an den Erfolgen von Marc Gerhardt hat neben allen Ausbildern auch seine Frau Nicola, die zwar beruflich Bankfachwirtin, aber ebenfalls den Pferden zugewandt ist. Auch sie ist im Sport aktiv und reitet erfolgreich Dressur, findet sich auch im Springsattel zurecht und kann in beiden Disziplinen Siege bis Klasse L vorweisen. Auch Tochter Cosima ist mit ihren elf Jahren und ihrem Pony She´s a beautiful Rose schon im Turniermodus angekommen. Sie bestreitet gerade ihre erste Saison in der Dressur und in Stilspringen in Klasse A und gehört dem „8er Team“ des Fachmagazins Reiterjournal an. Zu den frühen Förderern des Reiters gehören auch dessen Eltern Eike und Hans-Dieter Gerhardt, die von den ersten Schritten, Tritten und Galoppsprüngen an dabei waren und die reiterliche Entwicklung verfolgten. Über seine Karriere sagt Gerhardt: „Ich freue mich immer wieder, mit den mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, Erfolg zu haben. Die Erfolge liegen bestimmt auch daran, dass ich ein harmonisches Umfeld habe, in dem ich mich sehr wohl fühle.“ Dass er seine Turnierstarts nicht so ausdehnen kann wie andere Reiter, liegt zum einen daran, dass er „seine“ Pferde oft auch mit deren Besitzern teilen muss und dass er andererseits als Turnierrichter für Dressur und Springen bis Klasse M selbst nicht an den Start gehen kann.

Dennoch hat Marc Gerhardt eine Art Ritterschlag erreicht: Das Goldene Reitabzeichen zeigt, dass sein Träger durch Erfolge, Langmut und Ausdauer diese Ehrung verdient. Zudem: Das Goldene Reitabzeichen wird nur einmal im Leben eines Pferdesportlers verliehen und kann nicht, wie Medaillen oder Titel, wiederholt werden. Und das ist das Einmalige an diesem großen Ziel Der Weg dahin kann manchmal auch sehr lang werden, wie im Falle von Marc Gerhard. Das darf dann auch gebührend gefeiert werden. Marc Gerhard hat sich gewünscht, die Ehrung an einem besonderen Ort zu empfangen: Beim Turnier in Marbach am 12. August 2017. Marbach ist das „Herzstück“ der Pferdezucht in Baden-Württemberg und das älteste Haupt- und Landgestüt Deutschlands, also der richtige Ort für ein solches Ereignis. Diese einmalige Ehrung wird Marc Gerhardt im Kreis seiner Familie, seiner Freunde aus dem Reitclub Caballus in Neuenburg-Grissheim und auch mit so manchem freundschaftlich verbundenen Konkurrenten gebührend feiern. Herzlichen Glückwunsch zum Goldenen Reitabzeichen! Martin Stellberger