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Vierspännerfahrer Michael Brauchle wird gefördert PD 8/2017
Vierspännerfahrer Michael Brauchle wird gefördert

Lauchheim.
Die Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport hat einen Talentpool eingerichtet, für den sich Athleten nach der Auswahl durch einen Bundestrainer bewerben dürfen. Ein Förderer kann anhand der Bewerbungsunterlagen selbst auswählen, welchen Athleten er aus dem Talentpool unterstützen möchte. Wenn sich Förderer und Athlet gefunden haben, gehen sie eine mindestens zweijährige Patenschaft ein. Die jungen Sportler werden nicht nur finanziell unterstützt, sondern profitieren auch von den pferdesportlichen Erfahrungen ihrer Förderpaten. Im Gegenzug können die Förderpaten an der sportlichen Entwicklung der Athleten teilhaben.

„Natürlich möchte ich meinen Titel verteidigen, aber es wird schwer, denn es muss alles passen.“ Michael Brauchle, bis 2016 vier Jahre lang Sportsoldat und bis dahin von der Bundeswehr gefördert, ist amtierender Europameister der Vierspänner und sein Saisonziel für 2017 war bisher klar: Titelverteidigung bei der EM vom 21. bis 27. August 2017 in Göteborg in Schweden. Doch dieser Plan ist aktuell nicht mehr umzusetzen. Der 27-Jährige aus Lauchheim-Hülen wird aber von der Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport unterstützt. Der Bundestrainer der Vierspänner, Karl-Heinz Geiger, hat ihn für den Talentpool der Stiftung vorgeschlagen. Jürgen R. Thumann, der selbst erfolgreicher Vierspännerfahrer war und dem Fahrsport seit vielen Jahren verbunden ist, hat daraufhin die Patenschaft für Michael Brauchle übernommen und unterstützt ihn in seinem aufwändigen und kostspieligen Sport. Im Unterschied zu den Vierspännerfahrern der anderen Nationen, die vielfach „Profis“ sind, gehen die deutschen Vierspännerfahrer fast alle einem Beruf nach. So bleibt nur wenig Zeit für das Training und auch der Start bei internationalen Turnieren ist fast immer ein „Minus-Geschäft“, da die Preisgelder im Fahrsport oft gering sind. „Fünf bis sechs Personen gehören auf einem Turnier immer zu meinem Team, sonst ist das gar nicht machbar“, erklärt Brauchle. Immer dabei sind seine beiden Beifahrer Eckhard Behm und Freundin Petra Beyerle. Fahrer, Beifahrer und Helfer schlafen bei Fahrturnieren oft in ihren Transportern; alleine die Boxenmiete für die fünf Pferde eines Vierspänners kann sich für ein Turnierwochenende schon mal im vierstelligen Bereich bewegen. Anfahrtskosten und Verpflegung kommen natürlich noch dazu. Umso glücklicher sei der 27-Jährige über die Unterstützung durch den Talentpool. Michael Brauchle arbeitet an zwei Tagen in der Woche als Schlossermeister, an den anderen Tagen begleitet er seinen Vater als Hufschmied. „Für das Training bleibt nur nach der Arbeit Zeit, manchmal trainiere ich abends noch fünf bis sechs Pferde, manchmal nur eins“, erklärt er. „Zu 90 Prozent arbeite ich an der Dressur, denn das ist die Grundlage auch für das Kegel- und Geländefahren. Das Geländetraining kommt dann nur ab und zu obendrauf“, erklärt er. Dabei fährt er nicht mehrere Hindernisse wie auf einem Turnier, sondern trainiert besonders schwierige Wege und Wendungen durch die Tore des Hindernisses, das bei ihm zu Hause steht. „Das ist nicht nur Training für die Pferde, sondern auch für mich und meinen Kopf, da ich vorausschauend denken und schnell lenken muss“, erklärt er.

Michael Brauchle stammt aus einer Fahrsport-Familie. Schon als Kind ist er auf der Kutsche mitgefahren. Sein Vater Franz ist mehrfacher Baden-Württembergischer Meister gewesen. Auch seine Mutter Brigitte ist Fahrlehrerin und war als Beifahrerin bei vielen Turnieren dabei. Sein älterer Bruder Steffen fährt erfolgreich Pony-Vierspänner und ist amtierender Deutscher Meister und Vize-Weltmeister. Mit 18 Jahren überraschte Michael Brauchle die internationale Vierspänner-Szene, als er beim CHIO in Aachen die Geländeprüfung gewann. Im gleichen Jahr fuhr er seine ersten Weltmeisterschaften und holte mit der deutschen Mannschaft die Silbermedaille. Mittlerweile nahm er mit seinen 27 Jahren an vier Weltmeisterschaften und drei Europameisterschaften teil und gewann jedes Mal mit der Mannschaft eine Medaille. Bei der EM 2015 in Aachen holte er sogar überraschend den Titel in der Einzelwertung. Bei den Deutschen Meisterschaften Ende Juni in Riesenbeck gewann er die Bronzemedaille.

Brauchle gilt als Marathon-Spezialist, denn seine Stärke liegt besonders im Geländefahren. Trotz großer Erfahrung gehört er nach wie vor zu den jüngeren Fahrern im Vierspännersport. „Michi hat bisher nie einen Sponsor gehabt, der ihm die besten und teuersten Pferde kaufen konnte. Dennoch hat er es immer geschafft, aus vier sehr unterschiedlichen Pferden ein Team zu machen, das weniger durch ein einheitliches Erscheinungsbild, als vielmehr durch Mut und Kampfgeist aufgefallen ist“, erklärt Bundestrainer Karl-Heinz Geiger. „Aktuell hat Michi einige sehr gute Nachwuchspferde im Aufbautraining, zum Beispiel die fünfjährige Stute Concetta mit überdurchschnittlichen Grundgangarten, so dass ich ihn auf einem sehr guten Weg sehe. Für die Zukunft erwarte ich eine deutliche Leistungssteigerung vor allem in der Dressur von ihm“, meint der Bundestrainer zur Perspektive von Michael Brauchle. „Wir sind sehr dankbar für das Engagement von Herrn Thumann und der Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport, da wir im Fahrsport auf Unterstützung angewiesen sind und gerade Michi kann davon toll profitieren“, sagt Geiger.

Die Förderung des 27jährigen Sportlers ist angebracht und die Zeit wird von ihm auch genutzt. In einem Beitrag der Schwäbischen Zeitung vom 27. Juli 2017 sagte er, dass zum Beispiel der Verlust seines besten Pferdes Jamaika bei ihm „ein tiefes Loch reingehauen“ habe. Nach dem schwachen Abschneiden in Aachen mit dem 20. Platz in der Einzelwertung sei er völlig mit sich im Reinen, weil er nicht zur Titelverteidigung mit zur Europameisterschaft nach Göteborg reist. Dem Bundestrainer hat er laut Schwäbischer Zeitung gesagt: „Ich sehe das so, dass ich dieses Jahr die Leistung, die ich bringen möchte, nicht mehr bringen kann… Der Beste soll da hin. Und bei den Besten war ich diesmal nicht dabei. Das muss man klar so sagen.“ Einen falschen Ehrgeiz kann man dem Mann von der Ostalb also nicht unterstellen, vielmehr Fairness gegenüber seinen Fahrerkollegen und seinen Pferden und einen respektablen Realitätssinn. Der wird dazu beitragen, dass es Michael Brauchle, der die kommenden Monate kein Turnier mehr fahren wird, gelingen wird, sein Team so zu „aktualisieren, dass ich wieder in alter Frische loslegen kann.“ Dass ihm das gelingen wird, steht wohl außer Zweifel, denn seine Familie und seine Freundin Petra Beyrle stehen fest zu ihm und arbeiten heute schon mit am Comeback im kommenden Jahr. Evb/PD