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9. Bildungskonferenz der FN in München 21. Juni 2016 - ein Beitrag dazu PD 7/2016
Erfolgreiche Bildungskonferenz in München-Riem
Ein Beitrag von Martin Stellberger

München/Warendorf. Wie gut die Bildungskonferenzen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung beim reitsportbegeisterten Publikum ankommen, zeigte sich bei der 9. Bildungskonferenz in München-Riem am 21. Juni. Über 400 Teilnehmer hatten sich eingefunden, so viele wie noch nie zuvor, stellte Gastgeber Hans-Peter Schmidt zufrieden fest. Er ist Präsident des Bayerischen Reit- und Fahrverbandes sowie Mitglied des Präsidiums der FN. Der Ort der Konferenz, die große Reithalle in München-Riem, war zugleich der ideale Raum für ein umfangreiches Programm aus Vorträgen und praktischen Darbietungen. Dieter Medow, Vizepräsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung und Vorsitzender der „Persönlichen Mitglieder“, würdigte die Gastfreundschaft der Bayern auf ihrer großzügigen Anlage. Weil auch zahlreiche Interessierte aus Österreich angereist waren, entlockte dies Christoph Hess als Moderator ein herzlich beklatschtes Bonmot: Er ermahnte die Redner, mit ihrem Mikrofon einen ganz bestimmten Platz in der Halle einzunehmen, damit die Österreicher auch ja alles gut mitbekämen, denn: „In Bayern sind die Lautsprecher normalerweise nach Norden ausgerichtet!“

Im Zentrum des theoretischen Teils stand ein Vortrag von Professor Dr. Alfred Richartz von der Universität Hamburg. Der Professor arbeitet über Bewegungs- und Sportpädagogik und nahm das Thema der Bildungskonferenz ganz gezielt auf: „Der Stellenwert des Trainers – Erfolgreiches Lehren und Lernen im Pferdesport.“ Allerdings: Der Pferdesport steht bei der Frage nach dem Trainer und dem Training nicht speziell im Fokus. Vielmehr galten die Ausführungen des Professors der Frage nach den pädagogischen Qualitäten eines Trainers allgemein: Wie sieht gutes Training aus? Welche pädagogischen Qualitäten braucht ein Trainer, um die über das Training gesteckten Ziele zu erreichen? Antwort: „Der ‚Schüler‘ will besser werden, mehr wissen, mehr können. Er entwickelt seine Persönlichkeit in alle Richtungen, auch in sozialer Hinsicht. Und er will langfristig bei seiner Sportart bleiben.“ Deshalb müsse der Trainer auch „normativen Ansprüchen“ genügen und die gesellschaftlichen Werte stärken. Man dürfe den Einfluss von Trainern und Lehrern allerdings auch nicht überschätzen. Richartz wies anhand einer großen amerikanischen Studie nach, dass ein Trainer nicht mehr als ein Drittel Anteil hat am Gesamteinfluss auf die ‚Schüler‘. Viel gefragter seien heute die Qualitäten des Lehrenden und Trainers. Was nimmt er z.B. wahr? Man müsse „vorher“ festlegen, „was wir sehen und beurteilen wollen, weil Wahrnehmung selektiv und individuell ist“, erklärte Richartz. Mit Hilfe eines Videos verblüffte er dabei seine Zuhörer gründlich.

Drei Bereiche seien für das Verhältnis Trainer/Schüler wichtig: emotionale Unterstützung, die Lerngruppenorganisation und die instrukturelle Unterstützung. Ein positives Klima fördert die Vertrauensbildung. Negatives Klima stört die Vertrauensentwicklung und damit den Trainingsverlauf und den Erfolg. Trainer wie Lehrer müssen ihre Schüler emotional unterstützen, sagte Richartz und meint damit: individuelle Unterstützung gewähren, das Training anpassen an die aktuelle Situation, gegenseitige Hilfe der Schüler zulassen und fördern, die Schüler einbeziehen in die Entscheidungen, wie eine Übung probiert werden soll oder wie der Schüler sie probieren will, der Trainer hilft bei Schwierigkeiten und sorgt dafür, dass der Schüler sich an die „Grenzen herantastet“. Von besonderem Gewicht sei das Feedback, sagte der Professor, der dies mit einigen Videosequenzen aus der Praxis unterstrich. Eine hohe Qualität des Feedbacks wirkt sich nämlich positiv aus auf die Motivation und den Lernprozess und sei kognitiv aktivierend und zwar gegenseitig von Lehrer/Trainer zum Schüler und vom Schüler zum Lehrer/Trainer. Das Feedback müsse zudem auch genau den „nächsten Punkt“ treffen. Der Schüler muss auf dem Weg zur Lösung mitgenommen werden, damit das Feedback sich auf den Lernfortschritt auswirkt. Bei aller Theorie, so Richartz, Üben gehört dazu und der Trainer müsse „wissen – sehen – verändern“. Ein wenig schade war, dass die verschiedenen Folien der Power-Point trotz riesiger Videoleinwand überladen herauskamen, aber vor allem nicht von überall gut zu lesen waren.

In der anschließenden Gesprächsrunde zwischen dem Professor und Hermann Grams, Diplom-Sportlehrer und Seminarleiter, sowie Thies Kaspareit, Leiter der FN-Abteilung Ausbildung und Wissenschaft, wurde deutlich gemacht, dass Trainer wie Schüler keine Angst vor Fehlern haben sollten. Diese dürfen und müssen passieren, um das Ziel genauer zu treffen. Außerdem: Kinder machen keine Fehler! Sie leisten das Geforderte oder selbst Erwartete so, wie sie es gerade können und wollen darin bestärkt und aufgebaut werden. Auch Kinder wollen einen Trainingsfortschritt erleben. Professor Richartz hofft, dass seine Zuhörer den Transfer seines Vortrages zum Pferdesport schaffen. Bei unterschiedlichen Niveaus, so mahnte er, müsse man also das heraussuchen, was man gerade brauche. Hermann Grams betonte, bei der FN sei das Lernmodell unbedingt ein Thema. Ihn beeindruckten besonders die Ausführungen zur Wahrnehmung: „Wie kann man das sehen lernen, was man sehen soll?“ fragte er den Fachmann. Der hatte eine lapidare Antwort parat: „Üben!“ Dazu ergänzte er: Der Trainer muss seine Wahrnehmung umstellen auf Lernschritte. „Das Wahrnehmungstraining ist wichtig und hilft dabei, Verhalten und Methoden positiv zu verändern. Dann kann man die Leistung/Anforderung steigern: Training ist richtig komplizierte Arbeit!“ Trainer müssten hohe fachliche Kompetenz haben, um auch schwierige Situationen zu meistern: Was mache ich, was lasse ich weg? Aus dem Publikum kam dann noch der auch vom Professor sehr ernstgenommene Hinweis: „Das Pferd darf man bei diesen Betrachtungen über das Training nicht außer Acht lassen. Es stellt quasi die dritte Dimension dar.“ Professor Richartz fragte noch einmal: „Was ist gutes Training? - Gutes Training ist kompliziert!“

Dr. Dennis Peiler, Geschäftsführer der Deutschen Reiterlichen Vereinigung im Bereich Sport und DOKR stellte das erst kürzlich freigeschaltete FN-Trainerportal vor. Damit gehe die FN einmal mehr neue Wege, um die Ausbildung und die Ausbilder sowie die Auszubildenden immer weiter zu fördern und zu unterstützen. Unter dem Motto „Vom Ausbilder für den Ausbilder“ stünden im neuen Portal viele Anregungen und Hilfen zur Verfügung, die jederzeit aufgerufen werden können. Die zahlreichen Videos können ebenso genutzt werden und seien auch über YouTube zu sehen. Dr. Peiler erläuterte weiter: Inspiriert durch andere Sportarten habe die FN nun nachgezogen und das Trainerportal geschaffen. „Das ist kein starres Konzept. Vielmehr sollen sich auch die Nutzer einbringen und ihre Erkenntnisse, Gedanken und Ideen mitteilen. Das Trainerportal sei ein „Umschlagsplatz für ausbildungsrelevante Inhalte“. Er umriss die Ziele des FN-Trainerportals so: „Gute didaktische Konzeptionen, praxisnahe Ausrichtung, einfache Umsetzung, schnelle Verfügbarkeit, moderne, visuale, digitale Medien, Lehrvorteile, trainingsbegleitende Theorie und Praxis, Aufforderung an die Nutzer, das Trainerportal weiterzuentwickeln, es gibt Lehr- und Lernmaterial, Konzeptionen für die Unterrichtserteilung sowie Veranstaltungshinweise. Alles in allem sei das Trainerportal „internetgestütztes Lernen und Lehren. Es ist ein lebendiges Gebilde, das Anregungen aus dem Publikum aufnimmt“, sagte Dr. Peiler.
Wer befasst sich heute noch mit Gefühl? fragte am Nachmittag Reitmeister Klaus Balkenhol zu Beginn seiner Trainingsdemonstration. Drei Reiter hatten sich mit ihren Pferden zur Verfügung gestellt und der Dressurspezialist und Olympiasieger stellte deutlich an den Anfang: „Zufriedenheit beim Pferd gleich zu Beginn der Stunde zu erlangen, das ist Gefühl!“ Gefühl sei vom Reiter zum Pferd hin gefordert und hat zur Folge, dass das Pferd ein gutes Gefühl zum Reiter bekommt. Allerdings sagte Balkenhol: Der größte Feind eines guten Gefühls ist falsche Ausrüstung am Pferd. Dem Reiter legt er nahe: Der Reiter muss das Pferd „erfühlen“! Aber auch der Trainer ist gefordert: „Ich muss mich in den Reiter versetzen und ich muss auch das Pferd verstehen!“ Balkenhol meinte dazu, dass es sehr gut sei, wenn ein Trainer auch das Pferd geritten hat, mit dem sein Schüler letztlich arbeiten soll. „Verständnis zum Pferd hin ist die Basis aller Dinge“, betonte der Reitmeister, der auch schon die Olympiareiter der USA trainierte. Ein weiteres Credo Balkenhols: „Es gibt nichts Ehrlicheres als ein Pferd!“ Und „Pferde leben aus der Erinnerung. Was sie erlebt haben, vergessen sie nicht.“ Das mache sich auch beim Training und der Ausbildung bemerkbar, sagte er und hatte auch hier das Publikum auf seiner Seite.

Einen ganz besonderen und gleichermaßen eindrucksvollen Beitrag leistete der ehemalige Vielseitigkeitsreiter Bruno Six, Betriebsleiter auf Gut Matheshof, wo er sich besonders der Inklusion behinderter Reiter widmet. Mit einer sechsköpfigen Reitergruppe erläuterte er seine Arbeit mit Reitern mit und ohne Handicap. Ganz im Sinne des Grundsatzreferates von Professor Richartz und doch in seiner eigenen Art machte er deutlich, dass die Arbeit mit behinderten Reitern viel Freude mache und vor allem auch das Gefühl schule, mit diesen Menschen umzugehen und die Pferde dabei einzubeziehen. Der Erfolg sei zwar auch immer im Blick, aber vor allem der Weg dahin sei spannend. Es gehören viel Einfühlungsvermögen und gute Kenntnisse dazu, behinderte Reiter zu schulen. Dass Six darüber verfügt, zeigte die verblüffend offene Art der Reiter mit Behinderung wie sie a) auf Six‘ Anleitungen reagierten und wie sie b) über ihre Einschränkungen berichten konnten. Six, obwohl recht bayerisch agierend in Sprache und Gestik, hat sich das Gefühl gegenüber der Inklusionsarbeit und ihrer Protagonisten selbst auch erst erarbeiten müssen. Beim Training mit behinderten Reitern habe er gelernt: „Der Trainer hat die Verantwortung dafür, dass die Kompensation der Behinderung beim Reiten gelingt.“ Six äußerte sich geradezu glücklich darüber, dass er diese Arbeit so gerne mache. Das kam auch beim Publikum so an und das dankte mit herzlichem Applaus.

Den letzten Praxisteil übernahm Thomas Christ, seines Zeichens Vizepräsident der EWU Deutschland und mehrfacher Bayerischer Meister im Westernreiten und Trainer. Er stellte zusammen mit drei Reiterinnen und deren Westernpferden den Unterschied dar zwischen dem Westernreiten, das aus der amerikanischen Arbeitsreiterei der Cowboys hervorgeht und der klassischen Reiterei, die sich aus der alten Heeresdienstvorschrift bis heute entwickelt hat. Der Vergleich war interessant und informativ zugleich. Am auffälligsten seien natürlich die Ausrüstung einerseits und die „Körpersprache“ der Pferde bei der Arbeit andererseits. Doch wer genau hinhörte, der erkannte auch viele Gemeinsamkeiten in der Haltung gegenüber dem Pferd. Gute Behandlung und gutes Training tragen mit dazu bei, dass die Pferde gesund alt werden und ihre Leistung entsprechend ihrem Alter noch bringen können. Auch bei der Westernreiterei sei das Gefühl für Mensch und Tier wichtig auf dem Weg zum (sportlichen) Erfolg. Mit verschiedenen Aufgaben ließ Christ zeigen, wie sich Westernpferde unter dem Sattel bewegen und die gestellten Aufgaben bereitwillig und gelöst erfüllen.
Zum Abschluss bot Christoph Hess, der den Tag über moderierte, noch eine Besonderheit auf: Offiziell wurden nämlich die Amateurausbilder aus Bayern, Baden-Württemberg und anderen Bundesländern mit der Gebrüder Lütke Westhues Auszeichnung geehrt. Sie alle hatten ihre Lehrgänge mit sehr guten Noten bestanden. Etliche bayerische Betriebe erhielten ebenfalls für langjährige und erfolgreiche Arbeit eine offizielle Ehrung.