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Pferdegespanne im Straßenverkehr: Erster Workshop von FN und DRFV PD 7/2016
Pferdegespanne im Straßenverkehr: Erster Workshop von FN und DRFV.

Dortmund.
Um Pferdegespanne als Verkehrsteilnehmer ging es Anfang April 2016 in der Zentrale des ADAC in Dortmund. Rund 60 Experten kamen zusammen, um die Rolle der Pferdegespanne im Straßenverkehr zu diskutieren. Eingeladen zu dem fachlichen Austausch hatten die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) und der Deutsche Reiter- und Fahrerverband (DRFV).

Da Pferdegespanne allein schon aus ihrer Tradition heraus seit jeher auch Verkehrsteilnehmer sind, die gesellschaftliche Sensibilität ihnen gegenüber jedoch vor allem durch vereinzelte Unfälle mit Kutschenbeteiligung und ein entsprechendes Medienecho gestiegen ist, stand bei dem Treffen in Dortmund die Frage im Mittelpunkt, wie sich ihre Sicherheit im Straßenverkehr weiter erhöhen lässt. „Dabei wollten wir gezielt die ganze Bandbreite an Herausforderungen und möglichst viele Sichtweisen erörtern und haben daher nicht nur Experten aus den eigenen Reihen, sondern auch Vertreter anderer Verkehrsteilnehmer zu diesem Treffen eingeladen“, sagte Thomas Ungruhe, Leiter der FN-Abteilung Breitensport, Vereine und Betriebe. Dies stieß auf positive Resonanz:

Autofahrer wissen heute kaum noch etwas über Pferde
Unter den Vortragsrednern waren der ADAC-Pressesprecher Dr. Peter Meintz sowie der Vorsitzende des westfälischen Fahrlehrerverbandes Friedel Thiele. Sie appellierten zwar an die Fahrer von Gespannen, mehr zu tun, um ihre Pferde, die Kutschen und sich selbst mit Licht und Reflektoren großflächig zu kennzeichnen, wiesen aber auch darauf hin, dass Autofahrer heut-zutage kaum noch etwas über Pferde wüssten. Zudem sei das Verhalten gegenüber Pferde-gespannen auch kein Bestandteil der Führerschein-Prüfungsbögen mehr. Der Grund hierfür: Unfälle mit Pferdegespannen seien mit einem Anteil von 0,05 Prozent an der Gesamtzahl von Unfällen statistisch unbedeutend.
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FN-Fahrabzeichen als Eignungsnachweis häufig anerkannt
Die Vorträge in Dortmund machten klar: Eine Herausforderung für den Pferdesport liegt in der öffentlichen Wahrnehmung von Kutschen im Straßenverkehr. Statistisch zwar gering, stehen sie als „Besonderheit“ im Falle einer Unfallbeteiligung in der Medienberichterstattung häufig im Vordergrund – ganz gleich, ob sie Verursacher waren oder nicht. Dies rücke Pferdegespanne zunehmend auch in den Fokus von Tierrechtlern, erläuterte Tierarzt Dr. Karsten Zech von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Dazu sagte Rolf Schettler, Vorsitzender der Fachgruppe Fahren vom DRFV: „Da wir darauf keinen Einfluss haben, muss es unser oberstes Ziel sein, alles dafür zu tun, um die Sicherheit von Pferdegespannen im Straßenverkehr weiter zu erhöhen. Denn jeder Unfall ist einer zu viel.“

Führer von Gespannen im Straßenverkehr müssen „geeignet“ sein
Der rechtliche Ist-Zustand für Pferdegespanne als Verkehrsteilnehmer, in der Dortmunder ADAC-Zentrale vorgetragen von Fahr-Bundestrainer Karl-Heinz Geiger, sieht übrigens in §28 StVO vor, dass die jeweilige Person dafür „geeignet“ sein müsse, Tiere im Straßenverkehr zu begleiten. Wenngleich nicht näher definiert ist, was unter „geeignet“ zu verstehen ist, so wurden die FN-Fahrabzeichen im Falle von Gerichtsverhandlungen nach Unfällen in der Vergangenheit häufig als Nachweis anerkannt. Vorschläge, wie die Sicherheit weiter erhöht werden kann, wurden zum Abschluss des Treffens in vier Workshops mit den Kernthemen „Ausbildung für Sport- und Freizeitfahrer“, „gewerbliche Fahrer und Fuhrhaltereien“, „Ausbildung, Einsatz und Haltung von Pferden“ sowie „Technik von Kutsche und Geschirr“ erarbeitet. Sie sehen unter anderem vor, dass in Kfz-Fahrschulen wieder vermehrt dafür sensibilisiert werden soll, welche Besonderheiten es bei der Begegnung mit Pferdegespannen gibt. Konkret haben die Experten vorgeschlagen, hier tätig zu werden und Flyer sowie einen Kurzfilm zum Thema zu erstellen. Aber auch in der Ausbildung von Gespannfahrern soll das Gefahrenbewusstsein noch stärker als ohnehin schon verankert werden. Damit diese und weitere erarbeitete Vorschläge nun keinesfalls untergehen, sollen sie zeitnah in verschiedenen Gremien und Arbeitsgruppen der FN diskutiert und weiter ausgearbeitet werden. „Der Workshop in Dortmund war ein sehr konstruktives und zielführendes Treffen. Nun ist es unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass es auch so weiter geht“, resümiert Fritz Otto-Erley, Leiter der FN-Abteilung Turniersport und Disziplinkoordinator Fahren im Bereich Spitzensport.
FN-Service Brief 94/2016

Ein Kommentar
von Martin Stellberger

Endlich ist wieder einmal das Pferd, in diesem Falle das Gespannfahren, in den Focus der Ver-kehrsfachleute geraten. Das ist an der Zeit, denn wenn auch wenige Unfälle mit Kutschen und anderen Pferdegespannen bekannt sind, verhalten sich Auto- und Motorradfahrer in vielen Fällen nicht rücksichtsvoll und selten sicherheitsrelevant. Die neue Diskussion steht zwar erst am Anfang und man erwartet gespannt auf die Ergebnisse und Vorschläge für eine erhöhte Verkehrssicherheit und Sensibilität der Motorisierten. Zugleich muss man aber darauf drängen, dass nicht nur Kutschen in den Blick der Verkehrsfachleute und Fahrschule gerückt werden. Viel häufiger sind Reiter wohl oder übel Verkehrsteilnehmer auf öffentlichen Straßen, manchmal auch als ge-schlossene Verbände. Die Reiter müssen unbedingt mit in den Blick genommen werden, sie reiten ja nicht freiwillig auf den Straßen, sondern weil es eben hier und da nicht zu vermeiden ist. Schließlich wird immer mehr Fläche für den Verkehr zubetoniert. Dringend beachtet werden muss dieser Fakt, denn es gibt für Reiter sehr häufig „Begegnungen der unangenehmen Art“ auf Deutschlands Straßen und damit Gefährdungen, wie sie der Autor dieser Anmerkung aus eigener, leidvoller Ausbildertätigkeit berichten kann. Disziplinlosigkeiten und schlichte Dummheit vieler Auto- und Motorradfahrer schaffen für Reiter im Straßenverkehr erhebliche Gefährdungen. Dass die Fahrschulen wieder verstärkt sensibilisiert werden müssen, ist für alle Pferdefreunde ein Gebot der Stunde. Denn wenn Autofahrer meinen, „ihr Reiter habt auf der Straße nichts zu suchen“, dann zeigt sich nicht nur hier ein gravierender Mangel an Schulung und gesundem Menschen-verstand sondern auch ein echtes Fehlverhalten, das man im Fahrschulunterricht leicht auffangen könnte.