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Hans Günter Winkler zum 90. : Es war mir eine Ehre, für Deutschland reiten zu dürfen PD 7/2016
Hans Günter Winkler: Es war mir eine Ehre, für Deutschland reiten zu dürfen

Annäherung an eine Reitsportlegende
von Martin Stellberger

Warendorf.
Hans Günter Winkler, der am 24. Juli 2016 in Warendorf seinen 90. Geburtstag feiern kann, ist der erfolgreichste Springreiter aller Zeiten, weltweit. Bis 1986, als er mit 60 Jahren seine aktive Laufbahn beendete, sammelte er zwischen 1956 und 1972 fünf olympische Goldmedaillen. Er wurde zweimal in Folge Weltmeister (1954 und 1955) und 1957 Europameister. Dazu errang er dreimal die Deutsche Meisterschaft. Die Rekordzahl von 107 Starts für Deutschland bei Nationenpreisen galt lange Zeit als unübertroffen.

Hans Günter Winklers Vater Paul Winkler war Reitlehrer, weshalb „HGW“ schon als Kind im Frankfurter Hippodrom reiten lernte, wo der Vater seine Reitschule betrieb. Hans Heinrich Brinckmann gilt als großes Vorbild des jungen Winkler. Während seiner Jugend erlebte Winkler den Weltkrieg 17jährig zunächst beim Arbeitsdienst, dann als Flakhelfer und das Kriegsende in belgischer Gefangenschaft. Der Vater fiel kurz vor Kriegsende. 19jährig fand der junge Reiter im ausgebombten Frankfurt seine Mutter wieder. Einen Arbeitsplatz erhielt er als Stallbursche und Gärtner bei der Landgräfin von Hessen in Kronberg/Taunus. Hier begegnete er Reitmeister Eckardt, der ihm das Dressurreiten nahebrachte. Parallel arbeitete Winkler als Hilfsreitlehrer für amerikanische Offiziere. Das verschaffte ihm auch die Ehre, den Militärgouverneur General Dwight David Eisenhower, den späteren Präsidenten der USA, bei Ausritten zu begleiten. Wie die Stuttgarter Zeitung am 24. Juni 1991 schrieb, wollte der den jungen Deutschen sogar adoptieren.

Hans Günter Winkler wurde in den Jahren 1947 und 1950 neben der Reiterei „zivilberuflich“ Textilkaufmann und stieg in den Turniersport ein. Doch es gab wegen Eisenhower ein Problem: Winkler durfte 1952 nicht an Olympia in Finnland teilnehmen. Er habe für Geld in Kronberg geritten, wurde ihm vorgehalten (Frankfurter Rundschau, 23. Juli 1996). Deshalb entzog ihm Avery Brundage die Starterlaubnis. Den Stein ins Rollen gebracht habe Magnus von Buchwaldt (Karl Morgenstern). Die Sache mit dem Amateurstatus wurde damals strenger ausgelegt. Von langer Dauer war die „Sperre“ jedoch nicht, denn die Karriere des gebürtigen Wuppertalers brachte seine Fähigkeiten erst recht ins Rampenlicht: 1950 schon kam er durch Landoberstall-meister Dr. Gustav Rau nach Warendorf zum DOKR. Er ritt Military und war zugleich kauf-männischer Angestellter der Firma Brickenkamp. 1952 gewann Winkler das Deutsche Spring-championat, wie die Deutsche Meisterschaft einst firmierte. 1952 startete Winkler in Bilbao erstmals im Nationenpreis. Schon damals erhielt Winkler die Chance, als Repräsentant für Bayer Leverkusen zu arbeiten. Solche Engagements der Reiterlegende gibt es im Laufe seines Lebens häufiger für verschiedene Sponsoren.

Hans Günter Winklers Name und Karriere sind eng verbunden mit Halla, jener Vollblutstute, mit der er seinen Ruhm begründete. Diese Stute trug ihn 1953 über sieben schwere Wettbewerbe zum Sieg, obwohl sie als turnieruntauglich galt. 1954 waren Halla und Alpenjäger in Madrid seine „Partner“ bei der Weltmeisterschaft, die mit „HGW“ erstmals ein Deutscher gewann. 1955 wiederholte Winkler diesen Erfolg mit Halla und Orient in Aachen. Aber 1956 kam der entscheidende Höhepunkt in der Reiterkarriere Winklers, von dem heute noch alle Welt spricht: Im ersten Umlauf von Stockholm verletzte sich der damals 29 Jahre alte Reiter an der Leiste so schwer, dass er beim Reiten größte Schmerzen hatte. Hätte er aufgegeben, hätte das deutsche Team die Chance auf Gold verloren. Damals gab es noch kein Streichergebnis. Winkler trat an, vertraute auf seine Stute Halla im zweiten Umlauf. Das Ergebnis: Einzelgold und Mannschafts-gold. Das war am 17. Juni 1956; halb ohnmächtig vor Schmerzen sankt er nach dem Ritt in die Arme schwedischer Turnierhelfer, so wird überliefert. Der Olympia Almanach zitiert Winkler 1996 zu der Behauptung, er hätte damals der Wunderstute Halla keine Hilfen geben können, so: „Wahr ist, dass ich jederzeit die Gewalt über das Pferd hatte, Halla die nötigen Hilfen gab und sie passend zum Sprung ritt. Ohne meine Einwirkung wäre sie einfach zum Ausritt gelaufen. Kein Pferd springt ohne Aufforderung und Hilfe des Reiters...“

1957 errang Winkler mit Sonnenglanz, einem Halbbruder von Halla, in Rotterdam die Europa-meisterschaft. Winkler und Halla unterstrichen 1960 in Rom noch einmal ihre Klasse mit olympischem Mannschaftsgold. Parallel dazu hatte sich Winkler mit Belona für die olympische Military qualifiziert. Die Reiterlegende Fritz Thiedemann hatte ihn jedoch überzeugt, mit den Springreitern an den Start zu gehen. Bis 1976 gab es für Winkler fünfmal olympisches Mannschaftsgold, je einmal Silber und Bronze. Mit Halla errang er sage und schreibe 128 Siege. Halla erhielt das Gnadenbrot auf der Domäne „Hofmeierei“ bei Darmstadt, wo sie einst geboren wurde und bis 1979 lebte. Ihr Züchter war Gustav Vierling. Nach ihrer sportlichen Zeit brachte sie noch sechs Fohlen zur Welt und wurde 34 Jahre alt. Das DOKR setzte Halla in Warendorf ein Denkmal. Der Boykott der Spiele von Moskau 1980 war fast der Schlusspunkt unter der Karriere Winklers, der hier eigentlich seinen persönlichen „Abschied“ nehmen wollte. Doch den letzten seiner großen Siege errang „HGW“ 1983 in Frankreich, wo er mit Pinkerton den Großen Preis gewann. Schließlich verabschiedete sich Winkler am 13. Juli 1986 in Aachen mit einer letzten Ehrenrunde von seinem Publikum.

Neben dem Sport übernahm Hans Günter Winkler diverse Aufgaben. Zum Beispiel wurde er 1980 in den Springausschuss der FEI gewählt. 1981 wurde er stimmberechtigtes Mitglied des DOKR. Zuvor wurde sein 1972 „erzwungener Verzicht auf Ämter und Trainertätigkeit“ aufgehoben. Diese Entscheidung machte es möglich, dass Winkler nach dem plötzlichen Tod von Bundestrainer Hermann Schridde 1985 zusammen mit Paul Schockemöhle und Herbert Meyer „Bundestrainer“ wurde. Allerdings bekam er dabei bald Probleme mit den Kaderreitern. Winkler schien nicht den richtigen Draht zu ihnen zu finden. „Nicht nur 40 Jahre, sondern eine ganze Welt von Anschauungen trennen Winkler von der heutigen Generation“, schrieb damals die Schwäbische Zeitung und zitierte ihn so: „Hinter jeder großen Leistung stecken immer eiserner Fleiß und eiserne Disziplin. Deshalb kommt unser Sport auch so auf dem Zahnfleisch daher.“ 1986 hatte Winkler als Teamchef der Olympia-Reiter in Seoul den großen Erfolg, denn Deutschland gewann alle Mannschaftswettbewerbe. Winklers Zeit als „Funktionär“ währte allerdings auch als Leiter des Springstalles des DOKR in Warendorf nur bis 1991. Dazu sagte er einmal: „Ich wollte nicht erleben, dass man mich plötzlich in einer Geheimsitzung abwählt.“ (Reiter Revue 11/1993) Die neue Generation der Reiter konnte „mit dem autoritären Stil der alten Reitschule nichts mehr anfangen“, schrieb die Frankfurter Allgemeine am 31. Juli 1992. Dieter Graf Landsberg-Velen, damals Präsident der FN, lobte Winkler jedoch: „Du warst ein erstklassiger Ausbilder und Trainer!“ Winkler ist bis heute dem Springsport verbunden: „Der Sport hat mir so viel gegeben, jetzt möchte ich diesem Sport etwas zurückgeben“, sagte Winkler einmal.

Aus einfachen Verhältnissen kommend, wurde Hans Günter Winkler neben dem Sport erfolg-reicher Geschäftsmann. Auch als Autor ist er in Erscheinung getreten. Ab 1956 erschienen Titel wie „Meine Pferde und ich“, „Pferde und Reiter in aller Welt“, „Halla - die Geschichte ihrer Laufbahn“, „Olympiareiter in Warendorf“, „Springreiten“. Auch Dr. Reiner Klimke gehörte zu seinen Freunden und Geschäftspartnern. 1991 gründete er die „HGW Marketing GmbH“, die sich auf Sponsoring-Projekte spezialisierte. Selbst als Herausgeber der Fachzeitschrift Pferdewelt wurde er aktiv und erwarb sich als Förderer der Jugend sowie junger Pferde besondere Verdienste und engagierte sich für Vereine, die große Turniere organisierten, so z.B. auch in Pforzheim. Verheiratet war Hans-Günter Winkler von 1994 in vierter Ehe mit der amerikanischen Springreiterin Debby Malloy, die auch in Deutschlands Turnierszene erfolgreich war. Sie kam allerdings 2011 bei einem tragischen Reitunfall ums Leben.

Hans Günter Winkler werden eine ausgeprägte Selbstdisziplin und Perfektionismus, bisweilen Egozentrik, nachgesagt. In den fünfziger Jahren nannte man ihn deshalb den „mathematischen Meister“: Er beschäftigte sich vor seinen Starts gründlich mit den zu reitenden Parcours. Diese Vorbereitung und seine „gelöste Reitweise“ waren der Weg in die moderne Reiterei. Seinen Perfektionismus erklärte er so: „Mein ganzes Leben lang wollte und will ich mir immer irgend etwas beweisen, weil ich in einer schwierigen Zeit groß geworden bin“, sagte er einmal der Reiter Revue. Stets wirkte er deshalb auch distanziert. Seinem Teamkameraden und Freund „Fritz Thiedemann haute man auf die Schulter, ihm nicht“ (Sport-Kurier 1991). Doch populär war Winkler dennoch. Über diese Popularität sagte er 1991: „Ich habe 20 Jahre gebraucht, um mit meiner Popularität fertig zu werden“ (dpa, 18. Juli 1991). Die Jahre seiner Karriere fielen zudem zum großen Teil in eine Zeit, in der Deutschland „gute Idole“ brauchte, in der auch Winklers Einstellung ihre Wirkung nicht verfehlte: „Für mich war es immer eine große Ehre, für Deutschland reiten zu dürfen!“ (Schwäbische Zeitung, 24. Juli 1991).

Hans Günter Winkler wurden viele Ehrungen zuteil: 1955 und 1959 wurde er von den Sport-journalisten zum „Sportler des Jahres“, 1960 und 1970 zum „Sportler des Jahrzehnts“ gewählt. 1975 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz. 1976 wurde ihm das Ehrenzeichen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), das Reiterkreuz in Gold mit olympischen Ringen, Lorbeerkranz und Brillanten verliehen und die Stadt Warendorf ernannte ihn zum Ehrenbürger. Zum 65. Geburtstag ehrte ihn die FN 1991 mit dem Reiterkreuz in Gold. Auch das Silberne Lorbeerblatt sowie die „Goldene Sportpyramide“ für sein Lebenswerk und das „Silberne Pferd“ in der Kategorie Persönlichkeit wurden Hans Günter Winkler zuteil.

In diesen Tagen schaut „HGW“ 90-jährig auf ein unglaublich bewegtes Leben zurück, geprägt von den jeweiligen Entwicklungen der Jahrzehnte, geprägt von der Entwicklung im Reitsport, den er beeinflusst hat, und geprägt von der ungebrochenen Popularität, wie sie selten einem Menschen zuteil wird. Die Zeitspanne, die Hans Günter Winkler durchlief als Sportler vor allem, machte ihn besonders nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg zu einer Figur, die unglaublich wichtig war für die Deutschen, nach einem unglaublichen Desaster wieder aufstehen zu dürfen. Seine Erfolge auf reiterlichem und vor allem internationalem Parkett gerade für Deutschland ließ auch die Deutschen wieder Mut fassen und begründeten seinen Ruhm zusammen mit Halla für alle Zeit. Der Deutschen Presseagentur sagte Winkler 1991 einmal: „Ich habe in meinem Leben viele Höhen und Tiefen erlebt. Aber am Ende stehen unter meiner Bilanz schwarze Zahlen. Das gibt enorm viel Befriedigung. Der liebe Gott war eben sehr nett zu mir.“

Erfolge in Zahlen:
Deutsche Meisterschaften:1952-1956; 1959 u.a. in Berlin auf Halla, 1960, 1962, 1966 2. Platz in Münster, Köln, Hannover mit Halla, Romanus und Phebus, 1969 und 1975 3. Platz in Berlin mit Enigk, Torphy und Humphry
Europameisterschaften: 1957 in Rotterdam mit Sonnenglanz (Halbbruder von Halla), 1958 3. Platz in Paris mit Halla, 1959 4. Platz in Paris mit Halla, 1961 3. Platz in Aachen mit Romanus, 1962 2. Platz in London mit Romanus, 1963 3. Platz und 2. Platz/Mannschaft in Rom mit Romanus und Togo, 1969 3. Platz in Hickstead mit Enigk.
Weltmeisterschaften: 1954 Weltmeister in Madrid mit Halla und Alpenjäger, 1955 Weltmeister in Aachen mit Orient und Halla
Olympische Spiele: 1956 Olympiasieger u. Mannschaftsgold in Stockholm mit Halla, 1960 Olympiasieger/Mannschaft in Rom mit Halla, 1964 Olympiasieger/Mannschaft in Tokio mit Fidelitas, 1968 3. Platz/Mannschaft in Mexiko City mit Enigk, 1972 Olympiasieger/Mannschaft in München mit Torphy, 1976 2. Platz/Mannschaft in Montreal mit Torphy
Wichtige Erfolge: 1952-1958 Fünf Siege im Deutschen Springchampionat, 1952 Gewinner des Cups des Königs von Kambodscha für den erfolgreichsten Reiter der Welt:
Große Preise: 1954 Aachen mit Orient und 1969 und 1970 mit Torphy, 1955 von Rom mit Halla, 1957 Sieger Hamburger Springderby mit Halla, 1965 und 1968 Sieger King George V Cup in London mit Enigk,1970 Großer Preis von Barcelona, New York und Toronto, 1974 Sieger im Derby von Barcelona mit Torphy,
Nationenpreise: 107 Einsätze, 45 Siege