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Jakobs- und Wasserkreuzkraut im Visier der Bauern und Pferdehalter. PD 9/2014
Jakobs- und Wasserkreuzkraut im Visier der Bauern und Pferdehalter

Wolfegg/Kreis Ravensburg.
Das Jakobskreuzkraut treibt Pferdefreunde und Landwirte ebenso um wie das Wasserkreuzkraut. Eine „Outdoor“-Information am 19. August 2014 durch Fachleute des Landratsamtes Ravensburg fand deshalb Mitte August in der Nähe von Wolfegg großen Zuspruch bei Landwirten und Pferdehaltern. Ein Landwirt hatte für den „Anschauungsunterricht“ seine große Wiese zur Verfügung gestellt, so dass alle Teilnehmer das Ausmaß des „Befalls“ mit Wasserkreuz-kraut (auch Wassergreiskraut genannt) mit eigenen Augen sehen konnten. Der Landwirt wirkte ziemlich unglücklich darüber, denn deutlich leuchteten die gelben Blütenstände aus seiner ansonsten gepflegten Wiese. Es stellte sich im Laufe der zwei Vormittagsstunden heraus, dass der Landwirt so lange keine Probleme hatte mit Wasser- oder Jakobskreuzkraut, bis er vor einiger Zeit einer Anfrage folgte, auf seiner damals abgemähten Wiese Riedgras aus einem Räumungsschnitt des Wurzacher Rieds zu Heu zu trocknen. Das fremde Gras war offenbar mit den Samen des Wasserkreuzkrautes kontaminiert. Bekanntlich fressen Pferde und Rinder das Giftkraut so lange nicht, wie es auf der Wiese steht und seinen für Pferde und Rinder erkennbaren Warneffekt der Bitterstoffe verbreitet. Im Heu verliert das Kraut diesen „Abwehrstoff“, aber nicht sein Gift und – wird gefressen: Das Gift reichert sich in der Leber an und wird nicht ausgeschieden. Für ein Pferd reicht „im Idealfall“ der Giftstoff aus rund 25 Kilogramm Frischmasse von Jakobs- oder Wasserkreuzkraut für eine tödliche Erkrankung. Das hört sich zunächst ungemein viel an, ja unwahrscheinlich, weil Pferde das frische Kraut ja in der Regel nicht fressen. Aber der Prozess ist eben ein schleichender, wenn das Wiesenheu ständig kontaminiert ist. Zudem: Wer von den Pferdehaltern, die ihr Heu immer zukaufen müssen, weiß denn schon genau, ob die „Lieferantenwiesen“ frei von Giftkraut sind?

Bekämpfung des Krautes ist eine Sisyphos-Arbeit
Die Bekämpfung des Wasserkreuzkrautes, das etwas weniger giftig ist als das Jakobskreuzkraut, stellt sich als Sisyphos-Arbeit dar. Robert Bauer von ProRegio Ravensburg und seine Kollegen Albrecht Siegel, Benjamin Maack, Werner Sommerer und Dr. Enno Matthes-Pahmeyer vom Landwirtschaftsamt Ravensburg stellten die verschiedenen Möglichkeiten der Bekämpfung zwar vor, konnten aber keine Ratschläge für eine endgültige Beseitigung der Giftkräuter geben. Zu komplex seien und sind die Verhältnisse: Während das Jakobskreuzkraut eher trockene und sonnige Standorte bevorzugt und unübersehbar an Straßen- und Wegerändern, Autobahnböschungen, Bahndämmen und schlecht gepflegten Weiden und Wiesen auftritt, findet das Wasserkreuzkraut seinen Lebensraum in feuchten Böden. Beide Pflanzen mögen zudem Licht. Dr. Matthes-Pahmeyer erklärte, dass das Gift in geringer Konzentration in vielen anderen Pflanzengruppen vorhanden ist, um Fressfeinde abzuhalten. Aber zum Beispiel über Bienen und andere Wege kommt das Gift dennoch auch in die menschliche Lebensmittelkette. Die Auswirkungen seien noch Forschungsziel: „Die Problematik hat sich in den letzten Jahren verschärft. Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung und die Gegenmaßnahmen sind überschaubar. Derzeit laufen Bemühungen mit ersten Ergebnissen.“ Grenzwerte gibt es noch nicht. Sehr tröstlich war das für die Seminarteilnehmer nicht.

Ausstechen hilft bisweilen und Kommunikation mit den Nachbarn
Das Jakobskreuzkraut, so rieten die Fachleute, sei eine recht große Pflanze, die sich gut bekämpfen lässt einmal durch die Bewirtschaftung der Flächen oder durch das Ausstechen ähnlich dem Ampferstock, wenn die Böden nach einem Regen aufgeweicht sind. Das Wasserkreuzkraut könne man wegen seiner eher flächigen Wurzel nur mit einem speziellen vierzinkigen „Greiferstock“ herauslösen, der als hilfreich vorgestellt wurde. Bester Zeitpunkt sei der Blütenstand vor der Samenbildung. Gleichwohl ist diese Arbeit über Jahre nötig und zeitaufwendig, denn die giftigen Pflanzen haben in der Regel bereits eine „Samenbank“ im Boden angelegt. Diese Samen sprießen dann wieder. Nur der lange Atem des Wiesenbesitzers verspricht hier Abhilfe, um die Pflanze auf Dauer so zu schwächen, dass der Bestand zurückgedrängt wird. Zudem muss man die durch das Ausgraben geöffnete Grasnarbe sofort mit Grassamen belegen, damit der Boden wieder geschlossen wird. Ganz frei wird man die Flächen wohl nie bekommen, denn wenn z. B. der Nachbar nicht mitzieht, sorgen verwehte Samen für neuen Befall. Deshalb rieten Werner Sommerer und Robert Bauer einem Pferdebesitzer, der einen ständigen Kampf gegen das Kraut führt, mit seinem weniger sorgfältigen Nachbarn zu sprechen: „Kommunikation ist überhaupt der wichtigste Aspekt zur gemeinsamen Bekämpfung der Giftkräuter. Wenn der Nachbar nicht überzeugt wird, hat man schlechte Karten!“

Chemische Keule ist möglich
Freilich gibt es die chemische Keule, die man einsetzen kann, erklärte Benjamin Maack. Aber dafür gibt es ziemlich enge gesetzliche und naturschützerische Grenzen. Nicht jedermann darf drauflos spritzen. „Wo keine gesetzlichen Vorgaben bestehen, darf eine starke Bekämpfung erfolgen, bevor die Giftkräuter zur Blüte kommen. Auch könne man die einzelnen Pflanzen, sofern man sie im Gras erkennt, bei Rosettenstand mit dem Wuchsstab bestreichen oder gezielt bespritzen. Eine Flächen-behandlung mit „Simplex“ belaste aber die Artenvielfalt der erwünschten Gräser auf einer Wiese erheblich. Das Ausbringen von Totalherbiziden ist zudem an gesetzliche Vorschriften und Sachkun-denachweise gebunden. Doch auch hier gibt es einen „Pferdefuß“: Spritzt man die Giftkräuter vor der Blüte, so kann immer noch eine „Notreife“ einsetzen, die ein Blühen der Kräuter im folgenden Jahr wieder ermöglicht. Auch die „Sanierung“ durch Umbrechen der Scholle und neue Einsaat sei eine Möglichkeit, die Erfolg versprechen kann, aber diese Maßnahme gehe sehr zu Lasten des vom Landwirt benötigten Ertrages.

Die Mahd von befallenen Flächen zeitlich zu steuern
Tröstlicher waren denn auch die Ratschläge, die Mahd von Wiesen und befallenen Flächen zeitlich zu steuern: Wasserkreuzkraut blüht zum Beispiel nicht zur Zeit des ersten Schnitts bis etwa 15. Juni. Bis dahin seien „praktisch keine Kreuzkraut-Anteile im Futter“, heißt es in einem Merkblatt des Landwirtschaftsamtes. Kreuzkraut blüht erst im zweiten Aufwuchs Ende Juni. Nach einer Mahd haben die Pflanzen nach 20 Tagen durch den besseren Lichteinfall wieder Oberwasser und treiben zur Blüte aus. Diese Phase ist wegen der gelben Blüten deutlich sichtbar, während der flachblättrige, bodennahe Zustand der Pflanze vor der Blüte nur schwerlich erkennbar ist. Auch die Düngung der befallenen Flächen muss überdacht werden, erklärten die Fachleute des Landratsamtes. Man müsse die Düngemaßnahmen überprüfen und zum Beispiel die Phosphordüngung optimieren. Ebenso muss die Stickstoffdüngung bedarfsgerecht erfolgen, um die Konkurrenzkraft der übrigen Pflanzen zu stärken.

Entsorgung ist ein Problem, Handschuhe schützen
Hat man nun seine Wiesen und Weiden zum Beispiel mechanisch gesäubert, ist das nächste Problem die Entsorgung: Die Kräuterberge sind eine Zeitbombe, wenn sie nicht wirklich beseitigt werden. Eine Kompostierung ist der absolut falsche Weg. Die Samen werden nicht zerstört. Verbrennen hilft dagegen, die Samen abzutöten. Eine Möglichkeit bieten manche Biogasanlagen, die mit relativ hoher Temperatur gefahren werden und so die Samen wirksam abtöten. „Man muss sich erkundigen, welche Biogasanlagen das Jakobs- und Wasserkreuzkraut annehmen“, erklärte Dr. Matthes-Pahmeyer. Alkaloide in der Biogasanlage sollten keine Rolle spielen, meinte er, denn Bakterien haben keine Leber und moderate Mengen sollten kein Problem für die Anlagen darstellen. Dringend riet er den Landwirten und Pferdehaltern, beim umfangreichen mechanischen Beseitigen der Giftkräuter Handschuhe zu tragen, denn das Gift werde auch über die Haut aufgenommen. Der Grünlandumbruch sei außerdem eine Maßnahme, die ab 2015 verboten ist. Es gäbe nur wenige Möglichkeiten einer Grünlandumwandlung. Eine „Sanierung“ durch Umbruch und Einsaat wäre eventuell eine Lösung, die aber nur mittelfristig geeignet und nicht nachhaltig sei. Außerdem weiß man nicht genau, was im neuen Saatgut alles drin ist. Zwar verschwinden die Samenbanken der Pflanzen durch das Pflügen in tiefere Bodenschichten und sterben mangels Licht ab. Gleichwohl ist damit der Zuflug von Samen nicht verhindert. Auch das ist also keine tröstliche Aussicht.

Bei kontaminiertem Futter gilt Null-Toleranz – Weidepflege ist unumgänglich
Auf jeden Fall müssten betroffene Wiesen- und Weidenbesitzer eine Strategie für die Bekämpfung der Giftkräuter entwickeln. Dr. Matthes-Pahmeyer riet zudem „Futter mit Befall auf keinen Fall zu verfüttern. Null-Toleranz heißt hier die Devise!“ In der Fachliteratur ist zu lesen, dass die Verfütterung von Aufwuchs ab 10 kleinen Pflanzen oder einer großen Pflanze pro Quadratmeter problematisch ist. Die leberschädlichen Alkaloide würden zudem stark schwanken innerhalb der Vegetationsphase und auch von Jahr zu Jahr und von Population zu Population, weshalb Angaben über Schadschwellen schwierig seien. Die Verbreitung der Samen müsse mit allen Mitteln verhindert werden, sagte der Fachmann, und äußerte die Hoffnung, dass in den nächsten Jahren eine Entwicklung gefunden werde. Wenig tröstlicher erscheint seine abschließende Feststellung: Das Jakobskreuzkraut bereitet weniger Probleme als das Wasserkreuzkraut, weil es über die letzten 20 Jahre nicht wirklich zugenommen habe, auch wenn die erhöhte Aufmerksamkeit der Menschen etwas anderes suggeriert oder vereinzelte Flächen stärker befallen wurden. Das Wasserkreuzkraut sei heimtückischer und am Boden ohne Blüten nur sehr schwer zu erkennen. Die Fachleute des Landratsamtes riefen die Pferdebesitzer zu verbesserter Weidepflege auf. Die Übernutzung, die starke Beanspruchung der Weiden schaffe offene Bodenstellen, die geradezu ein Willkommensgruß für vom Wind transportierte Samen sind. Seitens der zahlreichen Zuhörer kam auch Kritik an der Politik der Förderflächen auf. Deren Vorgaben förderten die Versamung durch Jakobs- und Wasserkreuzkraut.

Wie unterscheiden sich die Pflanzen?
Wie kann man nun Jakobskreuzkraut (senecio jaboea) zum Beispiel von anderen gelb blühenden, nicht schädlichen Wiesenpflanzen unterscheiden? Das Jakobskreuzkraut gehört zur Familie der Korbblütler, wird bis 1,30 Meter hoch und blüht von Juni bis September. Die Pflanze gehört zu den zweijährigen Pflanzen, d. h., im ersten Jahr bildet die Pflanze am Boden anliegende Rosetten aus gefiederten Blättern, im zweiten Jahr bildet sie lange, am Grund rötliche, kantig gerillte Stängel mit bis zu 20 gelben Blüten. Die Blätter des „Lichtkeimers“ erinnern in etwa an Rukola-Salatblätter. Die bevorzugten Standorte sind sonnig und trocken und haben nur geringe Konkurrenzpflanzen.

Das Wasserkreuzkraut (senecio aquaticus) bevorzugt lückige, geneigte und feuchte Flächen. Es erobert laut ProRegio Oberschwaben im Allgäu mittlerweile auch Wiesen mit vier und fünf Schnitten auf Mineralböden, Straßenböschungen und öffentliches Grün. Die Samen sind Lichtkeimer und keimen sehr viel schneller als alle gängigen Gründlandpflanzen. Das Wasserkreuzkraut wird bis zu 50 cm hoch und bildet eine bodennahe Blattrosette, die während der Blüte weitgehend intakt bleibt. Die Pflanze kann mehrere hundert Samen pro Jahr entwickeln, die leicht vom Wind verbreitet werden können. Martin Stellberger
Foto 1: Jakobskreuzkraut
Foto 2: Wasserkreuzkraut
Foto 3: Die Blätter des Jakobskreuzkrautes
Foto 4: Die Blüten des Wasserkreuzkrautes unterscheiden sich deutlich vom Jakobskreuzkraut. Die Samen kann der Wind leicht verteilen.