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Andy Candin bekommt das Goldene Reitabzeichen PD 6/2013
Andy Candin bekommt das Goldene Reitabzeichen

Niederstotzingen.
Andy Candin aus Niederstotzingen wird beim Turnier in Pforzheim am 16. Juni 2013 eine ganz besondere Ehre zuteil. Ihm wird das Goldene Reitabzeichen verliehen. Verliehen ist dabei das richtige Wort, denn das „Goldene“ kann ein Pferdesportler nur über Erfolge bekommen. Der Weg dorthin ist aber ein langer und harter Weg, der erst nach vielen Jahren Ausbildung und Aufbau als Reiter zu dieser einmaligen Auszeichnung führt. Das Goldene Reitabzeichen wird zudem nur einmal im Leben eines Pferdesportlers vergeben. Damit wird auch deutlich, welchen Stellenwert diese Auszeichnung hat. Sie ist ein Meilenstein in der Laufbahn – also auch für Andy Candin. Er hat vor genau zehn Jahren, 2003, in Pfeffenhausen sein erstes Springen in Klasse S gewonnen. Sein Pferd von damals hieß Remember Z. Bis 2009 trug dieses Pferd seinen Reiter zu fünf nationalen S-Siegen in Horgau, Ravensburg, Ingolstadt und Oberelchingen. 2009 hatte der Reiter mit Nestavilita einen derart guten Lauf, dass das Paar gleich viermal gewann in Ingolstadt und gleich dreimal in Großbaumgarten. Im gleichen Jahr war Candin sogar Oberbayrischer Meister, nachdem er die dazu gehörigen drei Wertungsspringen gewonnen hatte. In jenen Jahren verdiente er sich seine Sporen als Bereiter für verschiedene bayerische Gestüte, wobei er zwischen 2002 und 2007 in Schrobenhausen/Öd selbständig und als Springreiter auf Turnieren unterwegs war. Von 2007-2010 war Candin als Gestütsleiter in Maxweiler bei Ingolstadt angestellt.

Doch die Erfolge bis dahin reichten noch nicht für das Goldene Reitabzeichen nach den Regeln der deutschen FN, weil noch kein Sieg in Klasse S** dabei war. Hier kommt zum Tragen, dass Andy Candin international hoch erfolgreich zwar für Rumänien startet. Aber diese Erfolge werden offiziell bei der FN nicht registriert. Den Sieg in Klasse S** errang Candin aber im Jahr 2009 mit Eberlue in München-Riem. 2010 gab es zwei weitere S-Siege in Oberelchingen und Rosenheim mit Marele Trac. 2011 und 2012 lief es für Andy Candin erneut wie am Schnürchen: Acht Siege in Klasse S* und S** folgten mit den Pferden Carlo und Caruso bei Turnieren von Oberel-chingen, über Schutterwald bis Stuttgart. Dort siegte der Reiter mit Caruso sogar in einem Springen Klasse S***. Dass der Reiter damit auch als Hallenchampion die Stuttgarter Schleyer-Halle verließ, war ein ganz besonderes Filetstück der Karriere. „Das ist einer der schönsten Siege überhaupt“, freut sich Candin noch heute, zumal dieses Springen in einem hoch spannenden Stechen entschieden wurde, bei dem Candin als Letzter an den Start gehen durfte.

Sportlich ist Andy Candin, wie er sagt, überwiegend sein eigener Trainer. Dennoch holt er sich immer wieder Tipps von seinen Reiterkollegen, darunter auch von dem im Springreiten legendären „Kaiser“ Heinrich Wilhelm Johannsmann aus Steinhagen oder von seinem Freund Wim Schröder aus den Niederlanden. Dazu kommt auch Klaus Reinacher aus Osterwick, bei dem Candin von 1997 bis 2000 trainiert hat. Nicht zuletzt ist auch Ludger Beerbaum aus Riesenbeck ein wichtiger Wegbegleiter, der ja bekanntlich heute für den Mannheimer Reiterverein startet. Bei Ludger Beerbaum hat Candin zwischen 2000-2002 gearbeitet. Ansonsten holt er sich auch immer wieder Tipps bei den Reiterkollegen, die er gerade auf einem Turnier trifft.

Allerdings kommen Candins Erfolge nicht aus ihm allein heraus. „Mein Team um mich herum hat es zwar nicht immer leicht mit mir und meinem Perfektionismus, aber ohne mein Team wäre ich auch nicht so weit gekommen.“ Dass die 16-jährige Tochter Lisa von Heidi und Andy Candin den Spuren des Vaters folgt, ist ein Teil des guten Teams und natürlich auch der Stolz der Eltern. Lisa hatte nämlich schon als 13-jährige an der Europameisterschaft „Children“ in Paris teilgenommen und mit 15 Jahren die Bronzemedaille beim Junioren-Championat in Schutterwald gewonnen. 2013 hat sie zudem noch mit Remember Z beim CSI*** in Treffen/Villach alle drei Amateurprüfungen für sich entschieden. Über seine Frau sagt der Sportler dankbar: „Immer da, wo unsere Tochter oder ich sie selbst brauche, ist sie dabei. Ohne sie wäre alles gar nicht möglich!“

Wer verbirgt sich nun hinter dem Namen des so erfolgreichen Reiters? Ein Profi oder ein erfolgreicher Amateur? Reiterlich kann man Andy Candin sicher als Profi bezeichnen, denn er ist ausgebildeter Pferdewirt mit Schwerpunkt Reiten. Doch andererseits ist Candin Geschäftsführer der familieneigenen Firma High Level Marketing GmbH, die sich mit Internetmarketing beschäftigt und die auch von Candins Frau Heidi als Gesellschafterin begleitet wird. Andy Candin ist zudem gelernter Radio- und Fernsehtechniker, was nun seine eigenen Eltern ins Spiel bringt. Der Vater war Radio- und Fernsehtechniker im rumänischen Hermannstadt (Sibiu/Rumänien), wo der Reiter 1972 auch geboren wurde. Schon als Kind träumte Candin davon, Berufsreiter zu werden. Er erinnert sich lebhaft an seine Kindheit, als er, wann immer es ging, seine Verwandtschaft auf dem Land besuchte, um im benachbarten Stall nach den Pferden zu sehen. Das „Pferdevirus“ ließ ihn dann nicht mehr los und er begann als 14-jähriger Bub das Reiten. Mit knapp 18 Jahren kam er, Rumänien fast gänzlich hinter sich lassend, nach Deutschland und begann hier seine Lehre. Das Hobby Reiten stand da nicht so sehr im Vordergrund, brach sich dann aber doch kraftvolle Bahn. Mit 22 Jahren trat Andy Candin nämlich eine Lehre als Pferdewirt an und blieb dem Beruf treu bis er 38 Jahre alt war. Dann machte er allerdings das zweite Standbein zum Hauptberuf und widmete sich, inzwischen zusammen mit seiner Frau, der Firma High Level Marketing GmbH: „So ist das Reiten nach fast 20 Jahren als Berufsreiter wieder zum Hobby geworden. Aber dennoch möchte ich hier noch einiges erreichen“, sagt Candin dem PRESSEDIENST.

Ganz ohne Blessuren verlief das Reiterleben Andy Candins allerdings nicht. Wie die Heidenheimer Zeitung berichtete, erlitt er 1997 einen schweren Reitunfall und fiel ins Koma. Da er zu dieser Zeit noch nicht verheiratet war, durften ihn seine Frau Heidi und seine drei Monate alte Tochter Lisa nicht einmal besuchen. Aber Andy Candin stand aus eigener Kraft wieder auf. Schon nach wenigen Monaten begann er wieder zu reiten und erinnert sich an die Zeit: „Wir haben damals ganz in der Nähe des Reitstalls von Ludger Beerbaum in Riesenbeck gewohnt und ich bekam die Möglichkeit, bei ihm zu arbeiten.“ Allerdings sagt Candin mit Blick auf seinen Unfall: „Nach meinem Unfall 1997 habe ich drei Jahre ums „Überleben“ gekämpft mit ein bisschen Reiten. Damals konnte ich mit Klaus Reinacher trainieren, wofür ich sehr dankbar bin. Meine Selbständigkeit hat mich allerdings mehr Geld gekostet als sie gebracht hat.“ Von 2000 bis 2002 arbeitete Candin dann halbtags bei Ludger Beerbaum als Bereiter und beschreibt diese Zeit als sehr lehrreich. Dennoch war es ihm auch drei Jahre nach dem Unfall noch nicht möglich, mehr zu reiten. Dafür arbeitete er halbtags in einem Reitsportgeschäft als Sattler, „ein Beruf den ich mir dort angeeignet habe. Ich musste in dieser Zeit wirklich kämpfen.“ 2002 zog er dann mit seiner Familie wieder nach Bayern, um näher bei den Eltern und Schwiegereltern zu sein. Sie sollten mehr von uns und ihrem Enkelkind haben.

In Bayern entschieden sich Andy Candin und seine Frau dafür, sich selbständig zu machen, um Pferde auszubilden und zu verkaufen. Mit der Zeit konnte Andy Candin nämlich auch wieder ganztags reiten. Nach der WM-Qualifikation 2006 in San Patrignano in Italien trat Anfang 2007 ein Sponsor aus Rumänien auf und bot Candin Arbeit an. Die Anforderungen und der Einsatz überstiegen mit der Zeit die Kräfte der kleinen Familie und nach drei Jahren hörte Candin als Berufsreiter auf. „Ich wollte mich und meine Familie diesem Druck, mit Pferden unseren Lebensunterhalt bestreiten zu müssen, nicht mehr aussetzen.“ Der Pferdemann sah sich eher als Horseman, denn: „Ein Pferd ist wie ein Rohdiamant, der erst geschliffen werden muss, bevor er verkauft werden kann.“ Wie er mit seinen Pferden umgeht und sie als Partner betrachtet, macht ein Blick auf seine Internetseite deutlich, wo er seiner Stute Remember Z ein Denkmal setzte, kurz nachdem sie unerwartet starb. Dort heißt es u.a.: „Mit IHR ist auch ein Teil von mir gegangen. IHR habe ich ALLES zu verdanken! Ohne SIE wäre ich sportlich und menschlich nicht da, wo ich heute bin.“

In der Tat, Remember Z, geboren 1996, von Rex Z/Rebell Z/Ratina Z/Aristokrat, hatte es Andy Candin angetan: Sie ist eine Enkelin der Ratina Z von Ludger Beerbaum. Candin kaufte sie fünfjährig und ritt sie international erfolgreich: „Mit ihr gewann ich meinen ersten Großen Preis, drei Jahre später war ich für die Weltmeisterschaft in Aachen 2006 qualifiziert!“ erzählt der Reiter, der sich mit der Stute auch für die Europameisterschaft 2007 in Mannheim qualifizierte und 2008 am Hamburger Derby teilnahm. Außerdem hatte er sich mit ihr für die EM 2009 in Windsor empfohlen. „Bei vielen großen Turnieren wie in Rom, San Patrignano, Milano, Wien, Linz, Salzburg, Lummen, Lanaken, Arnheim, Geesteren sind wir erfolgreich gestartet“, erinnert sich der Reiter immer noch mit Wehmut. Einige Siege mit Remember Z seien hier der Voll-ständigkeit halber genannt: 2005 gewann Andy Candin mit seiner Stute den Nationenpreis CSIO*** in Sibiu/Rumänien, wo er als Kind gelebt hat. Ein Jahr später gewann das Paar beim CSIO**** in Linz. 2007 sicherte sich Candin erneut Platz eins beim CSI**** in La Bagnaia. 2008 gab es zwei große Erfolge, einmal beim CSI*** in der Salzburg Arena, als er den Preis der Casinos gewann und beim CSI**** in der Wiener Stadthalle. Hier gewann er den Gloriette Preis. Eigentlich wollte der Reiter seine Stute Remember Z in Pforzheim aus dem Sport verabschieden und ihr das Goldene Reitabzeichen widmen, an dem sie so großen Anteil hat. Dass ihm dies verwehrt bleibt, ist sicher auch ein Wermutstropfen für Andy Candin und seine Familie.

Parallel zur Reiterei hatten die Candins sich ein zweites Standbein aufgebaut, bei dem Andy Candin seine Ausbildung als Radio- und Fernsehtechniker zustatten kam. Er kennt sich gut mit dem Internet aus und gründete deshalb mit seiner Frau die Online-Marketingagentur. Das ist natürlich auch rund um die Turniere bekannt, von denen er immer wieder Aufträge mit nach Hause bringt, weil Firmeninhaber, Aussteller oder andere Geschäftsleute von seinen Angeboten und Fähigkeiten überzeugt sind. „Ob ich damit reich werde, spielt keine Rolle. Viel wichtiger ist, dass mir die Arbeit Spaß macht“, sagt Candin. Zugute kam der kleinen Familie, dass Andy Candin eine Bleibe in einem privaten Reitstall in Niederstotzingen fand, was er auf seiner Internetseite als „Sechser im Lotto“ bezeichnete. Er freut sich über die gute Situation und betont, dass er mit seiner

Internetagentur ja nicht ortsgebunden sein müsse, diese also auch von Niederstotzingen aus betreiben könne. Nur eine Halle hat er dort nicht. Im Winter lädt er seine Pferde auf und fährt zum örtlichen Reitverein. Stolz sagt er über seinen Werdegang: „Ich habe es geschafft, aus eigener Kraft die größten Turniere Europas zu reiten. Das ist der eigentlich schönste Erfolg.“

Jetzt, im Juni, startet Andy Candin in Pforzheim. Auf dem legendären Buckenberg wird ihm das Goldene Reitabzeichen ans Revers geheftet. Dort tritt er nicht nur zur Ehrung an, sondern als Reiter auch gegen seine erfolgreichsten Konkurrenten aus ganz Deutschland. Dort trifft er aber auch Deutschlands Reiterikone „HGW“ Hans-Günter Winkler, der be-kanntlich das Pforzheimer Turnier seit Jahren an entscheidender Stelle begleitet. Ein Händedruck von ihm bei der Ehrung wird von Andy Candin sicher wie eine Art Ritterschlag empfunden werden. Herzlichen Glückwunsch. Martin Stellberger