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Holger Sontheim – ein Oberschwabe reitet mit Gold am Revers PD 5/2013
Holger Sontheim – ein Oberschwabe reitet mit Gold am Revers

Veringenstadt.
Das Goldene Reitabzeichen ist eine besondere Ehre für Pferdesportler, insbesondere für Vielseitigkeitsreiter, deren Karriere mehr als bei anderen Reitern von der langjährigen Fitness ihrer Pferde abhängt. Vielseitigkeitspferde, die auf hohem Niveau gehen können, sind nicht einfach auf dem Markt zu kaufen. Meist werden sie von ihren Reitern selbst über Jahre ausgebildet, um dann irgendwann einmal die großen Wettbewerbe reiten zu können. Und irgendwann ist dann auch bei den Reitern durch die nötige berufliche und familiäre Zukunftssicherung der Turniersport in den großen Buschreiter-Arenen zu Ende. Der Reiter konzentriert sich auf die Ausbildung von Pferden und Reitern und muss seinen Weg suchen, mit seinem Hof und der Reitanlage sein Geld zu verdienen. Dies ist auch bei Holger Sontheim aus Veringenstadt der Fall. Der 1971 in Albstadt-Ebingen geborene Vielseitigkeitsreiter kann auf eine bewegte und erfolgreiche Reiterzeit zurückschauen, die auf dem elterlichen Hof „mit Pferdeanschluss“ auf den Lieshöfen in Neufra begann.

1989 hatte er sich erstmals als Junior Meriten in der Vielseitigkeit erworben, als er mit Rassante, einem Pferd aus elterlicher Zucht, bei der Landesmeisterschaft der Vielseitigkeitsreiter Silber gewann. Seinen ersten Start bei einer DM mit Rassante hatte er allerdings in Heroldsbach bei Nürnberg und verfehlte nur knapp eine Platzierung. 1990 wiederholte er den Erfolg als Junger Reiter mit Allegro. Im gleichen Jahr durfte er bei der Deutschen Meisterschaft in Bonn-Rod-derberg starten und errang mit Allegro den beachtlichen siebten Platz. Holger Sontheim erinnert sich an dieses Turnier deswegen besonders, weil die drei schnellsten Pferde der Geländeprüfung Baden-Württemberger waren: Sein Allegro, daneben Lepos unter Mark Hinkelmann von der Bundeswehr-Reiterabteilung Weingarten e.V. und der Deutschen Meisterin von damals, Martina Krümel aus Ratingen im Rheinland.

1991 startete Sontheim erstmals international beim renommierten Turnier von Achselschwang und wurde mit Allegro auch platziert. Nachdem er zudem 1991 bei der Landesmeisterschaft in Steinen-Wiesental Silber gewonnen hatte, durfte er seinen Wehrdienst bei der Sportkompanie der Bundeswehr in Warendorf antreten. Es folgten Jahre mit vielen Starts bei den bekannten Turnieren von Bielefeld, Luhmühlen und andernorts. 1993 reiste er zum ersten Male ins Ausland nach Belgien, wo er mit seinem Pferd Warlock bei einer Vielseitigkeit CCI** starten durfte. Das schwäbische Paar kam auf Platz 16. Im gleichen Jahr siegte Holger Sontheim mit Warlock bei der Marbacher Vielseitigkeit. In Warendorf entdeckte Sontheim die Stute Jet Mary, die von Thies Kaspareit aus Warendorf geritten wurde. Die Stute kam schließlich in die Hände von Sontheim und wurde eine Art Schicksalspferd für ihn: Er startete mit ihr in Hoppegarten, Unterbeuren und schließlich in Altensteig, wo er Fünfter wurde. 1993 gewann Sontheim mit Warlock in Marbach die Große Vielseitigkeit Klasse L – eine heute nicht mehr gebräuchliche Bezeichnung. „Das war schon eine bedeutende Zeit für mich, jene Jahre“, sagte Holger Sontheim dem PRESSEDIENST. „Von 1992 bis 1994 bin ich mit fünf verschiedenen Pferden unterwegs gewesen bei Wettbewerben, die heute als CCI** bezeichnet werden, nämlich mit Allegro, Warlock, Reglan, Jet Mary und Chorey.“ 1994 hatte er in Marbach die Hauptprüfung Klasse M gewonnen und in Achselschwang die Deutsche Meisterschaft mit der Silbermedaille im Einzel und in der Mannschaft erritten – mit Jet Mary, ein schnelles aber auch selbstbewusstes Pferd. In der Einzelwertung dieser CCI***-Prüfung kam er auf Rang vier. Mit von der Partie waren damals die in Baden-Württemberg gut bekannten Reiter Dr. Helmut Mett aus Neuenburg und Dr. Peter Zippelius aus Karlsruhe. 1995 wurde Sontheims Einsatz für die Reiterei belohnt: Er wurde für Europameisterschaft im italienischen Pratoni del Vivaro nominiert, wo er mit Jet Mary startete. Auch die zweite Hälfte der 90er Jahre war für Holger Sontheim überaus erfolg-reich. Er hatte sich längst auf Landes- und Bundesebene einen guten Namen gemacht.

Dann aber gab es 1997 einen unerwarteten, schmerzlichen Einbruch: Beim Turnier in Luh-mühlen stürzte Holger Sontheim mit Jet Mary im Gelände und verletzte sich schwer. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich noch genau an die damalige Situation: Der Schock saß bei seinen Reiterkameraden in Baden-Württemberg tief und sie bangten sehr um den sympathischen Reiter. Letztlich jedoch erholte sich Holger Sontheim wieder und wurde gesund, allerdings mit einem Handicap, das ihn fortan begleitete: Er hatte die Sehkraft eines Auges verloren, doch nicht das Vertrauen in Jet Mary. „Der Sturz war unglücklich, Pferd und Reiter konnten eigentlich nichts dafür!“ sagte er dem PRESSEDIENST rückblickend. Deshalb schaffte er es auch wieder in den Sattel und startete 1998 bei der Landesmeisterschaft in Altensteig mit – Jet Mary und wurde auch wieder in den Landeskader berufen. Sontheim erinnert sich: „Ohne meinen Vater und Fritz Bolay hätte ich Jet Mary nie bekommen. Und Rüdiger Schwarz verdanke ich den Glauben an das Durchhaltevermögen dieser Kämpferin Jet Mary. Die Tipps, um dieses Pferd zu verstehen, gab mir Martin Schaudt.“

Ein Jahr nach seinem Wiedererstarken im Sport gewann Holger Sontheim mit Jet Mary die Bronzemedaille bei der Landesmeisterschaft in Herdwangen. Auch das Oberschwäbische Viel-seitigkeitsteam mit Klaus Kessler, Markdorf, Erwin Maucher, Bergatreute, und Marcel Lutz, Stuttgart, konnte wieder mit Holger Sontheim rechnen und in Steinen-Wiesental die Landes-standarte gewinnen. Doch die Reiterkarriere Holger Sontheims nahm eines Tages eine andere, zukunftsweisende Richtung. Der große Sport endete nach rund 20 Jahren und Sontheim kon-zentrierte sich verstärkt auf die Ausbildung junger Pferde: „Ich habe seither über 30 Pferde für die Bundeschampionate qualifiziert. Das ist mit jedem Pferd eine große Freude und ein schöner Erfolg. Zudem habe ich mehrere Landes- und Süddeutsche Championate sowie das Alpen-championat gewonnen. Da kann ich, rein sportlich gesehen, sehr zufrieden sein“, sagte Holger Sontheim heute. Daneben war der Schwabe von der Alb mit Marbacher Hengsten auf Turnieren, um diese dort vorzustellen. „Das sind schon wunderbare Pferde“, schwärmt Holger Sontheim und erinnert sich gerne an seine Ritte mit Laurel, Exodus, Wolkenzug, Loving Dancer, Acalypso oder Weltpoet. Da spürt man heraus, wie das Herz des Pferdefreundes Holger Sontheim schlägt: „Wenn es um Pferde geht, erhöht sich mein Puls deutlich!“

Holger Sontheim, inzwischen 42 Jahre alt und gelernter Industriekaufmann, ist heute Ver-triebsleiter in der Lederbranche; er ist verheiratet und hat mit seiner Frau Tina zwei Buben im Alter von sieben und zehn Jahren. Er erzählt: „Meine reiterliche Karriere wurde vor allem durch meine Eltern gefördert. Mein Vater ist gelernter Textiltechniker und wurde später Landwirt und mein „sportlicher Manager“ zusammen mit meiner Mutter. Beiden habe ich viel zu verdanken!“ Über seine Zeit im Sport fügt Holger Sontheim scherzhaft hinzu: „Damals wäre ich für den sportlichen Erfolg nach Hamburg gelaufen! So viel Ehrgeiz habe ich als junger Mann entwickelt.“ Er weiß aber auch, dass sportlicher Erfolg nicht von alleine kommt. Etlichen Trainern habe er viel zu verdanken, sagte er anerkennend! Zu ihnen gehören zum Beispiel Fridolin Enzenross aus Albstadt, Falk Ingo Kettlitz aus Bad Saulgau, dann Olympiareiter Martin Schaudt aus Onstmettingen, Rüdiger Schwarz bei der Bundeswehr-Sportschule in Warendorf, Martin Plewa aus Warendorf und nicht zuletzt auch Horst Karsten, als dieser die Funktion als Bundestrainer innehatte. Dankbar ist Holger Sontheim auch einem Mann aus seiner Nachbarschaft: Fritz Bolay aus Albstadt unterstützte den Reiter stets als Mäzen.

Holger Sontheim wird nun für seine reiterlichen Erfolge aus Jahrzehnten mit dem Goldenen Reiterabzeichen geehrt. Ihm wird diese Auszeichnung, die im Leben eines Reiters nur einmal verliehen werden kann, bei der Marbacher Vielseitigkeit vom 9.-12. Mai 2013 zuteil werden, „wo ich aus Enttäuschung, Erleichterung oder Freude schon manche Tränen vergossen habe“. Ob diese Ehrung ein Ansporn sein wird, weiterhin so intensiv mit jungen Pferden zu arbeiten oder ein krönender Abschluss einer vielseitigen Karriere, das „weiß ich noch nicht so genau!“ Martin Stellberger