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Grenzritt in Frieden und Freundschaft PD 11/2012
Grenzritt in Frieden und Freundschaft

Weingarten/Ecklingerode/Priwall.
„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ Diese goethesche Weisheit bewahrheitete sich bei meiner jüngsten Reitetappe entlang der ehe-maligen innerdeutschen Grenze vollauf. Insgesamt fünf Etappen legte ich am ehemaligen „Todesstreifen“ mit meinem inzwischen 21 Jahre alten Württemberger Flamenco zurück. Begonnen hatte ich meine Reise 2009 am Dreiländereck Sachsen/Bayern/Tschechien, begleitet von meinem Reiterkameraden Friedrich Nagel. Diese erste Etappe endete um Pfingsten in Döhlau bei Schalkau in Südthüringen. Die folgenden Jahre ritt ich - immer um Pfingsten - alleine: 2010 von Döhlau nach Schweickershausen, 2011 von dort bis Vacha an der Werra. In diesem Jahr folgte um Pfingsten die vierte Etappe von Vacha bis Ecklingerode in der Nachbarschaft von Duderstadt. Am 25. August startete ich dann schließlich vom Sonnenstein bei Ecklingerode-Brehme im Eichsfeld und hatte – nun als pensionierter Realschullehrer – „alle Zeit der Welt“, um meine Reise in einem Stück zu Ende zu brin-
gen. Ende September umspülten die Wellen der Ostsee dann tatsächlich die Hufe meines Pferdes - rund 800 Kilometer legten wir in diesen fünf Wochen gemeinsam zurück. Ich war an meinem Ziel bei Priwall angelangt! Hier endete nämlich damals der unsägliche Zaun, der Deutschland und auch Europa in zwei Teile getrennt hatte.

Was trieb mich an, diese Reise zu unternehmen? Aus Kindertagen blieben mir die Ängste vor der Grenze in Erinnerung. Ich musste Anfang der 1950er Jahre bei den Reisen mit meiner Mutter vom badischen Wiesloch nach Halle an der Saale, wo sie aufgewachsen war, immer ganz still und brav sein. Schließlich kamen die Grenzer in den Zug und draußen patrouillierten noch russische Soldaten. Später, lebhafter in der Erinnerung, waren die Reaktionen meiner Verwandt-schaft und der Eltern auf den Bau der Mauer von Berlin. 1981 besuchte ich mit zwei Freunden erstmals Dresden und dann, 1989, verfolgte ich stundenlang am Fernseher die friedliche und so erfolgreiche Erhebung der damaligen DDR-Bürger. Das waren bewundernswerte Entwicklun-gen, an die ich heute noch mit großem Respekt und gerne denke. Mein Engagement schließlich in Pirna unmittelbar nach der Wende brachte mich selbst mit dem Geschehen „drüben“ direkt in Verbindung. Meinen Schülern habe ich diese Zeit und auch die Zeit des DDR-Regimes immer wieder nahe gebracht bei den Klassenfahrten nach Berlin, denn: Die Geschichte einer Nation ist nicht nur wichtig, sie gehört zur Kultur eines Volkes.

Und damals, 1989, wusste ich schon: Als Wanderreiter will ich diese Grenze einmal abreiten. Doch die Verwirklichung dauerte länger als gedacht, bis 2009, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall. Dann aber setzte sich der Wunsch mit Macht durch. Eine gute Entscheidung! Nirgendwo wurde ich abgewiesen, wenn ich in den Dörfern östlich der Grenze in der ehemaligen 500-Meter-Sperrzone nach Quartier fragte! Im Gegenteil, die Leute interessierten sich für meine Reise, für meine Motive, fanden meine Reise gut und erzählten selbst aus der Zeit des Grenz-regimes. So manche erschütternde Geschichte bekam ich zu hören von Verschleppungen ins Landesinnere, Abriss ganzer Dörfer, von Fluchtversuchen – gelungenen und solchen, die schei-terten oder mit schweren Verwundungen unter entsetzlichen Bedingungen und Folgen endeten. Begriffe wie „Aktion Ungeziefer“ begegneten mir. Dahinter verbarg sich die systematische Säuberung der Grenzdörfer von „unliebsamen, aufmüpfigen, unzuverlässigen Subjekten“ sowie die Räumung und Vernichtung von Häusern, die dem „freien Schussfeld“ im Wege standen. Die kommunistische Diktatur blieb den Menschen an der Grenze in Erinnerung, manchmal nie verarbeitet, oft nur verdrängtes Trauma. Immer aber: „Gut, dass diese Zeiten vorbei sind.“

Ich erinnere mich dabei an zwei beeindruckende Begegnungen: An den Wirt des Gasthauses „Frankenwald“ in Titschendorf, zum Beispiel. Er und seine Familie wurden in dem von drei Seiten eingeschlossenen Dorf unter entwürdigenden Umständen „weggezogen“ und lebten dis-kriminiert irgendwo in der DDR. Nach der Wende bekam der Wirt sein ruiniertes Gasthaus wieder zurück und erweckte es mit ungeheuerem Aufwand an Arbeit, Emotion und Geld wieder zu neuem Leben. Seine Kräfte hat der Besitzer bis zum äußersten angespannt und hätte diese Aufgabe aus heutiger Sicht vielleicht nicht auf sich genommen. Verwunden hat er die Unge-rechtigkeit bis heute nicht. Die zweite Begegnung: Ein Gastgeber aus der Nähe von Gräfenthal überraschte mich mit seiner Sicht der Dinge: „Ich will meine Stasi-Akte nicht lesen! Ich will nicht wissen, wer hier im Dorf oder aus der Nachbarschaft über mich und andere berichtete. Ich will hier weiter so leben können wie bisher, jeden offen ansehen können wie bisher! Das könnte ich nicht mehr, wenn ich die Akte lesen würde.“ Diese Einstellung birgt eine besondere Art der Vergebung in sich. Auch diesen Abend bei der Familie werde ich nicht vergessen.

Heute sind sich die Menschen am Wege meiner Reise sicher: „Wir sind frei und können uns selbst bestimmen!“ Die Wende von 1989 ist in lebhafter Erinnerung, die Änderungen im Lebensstil sind deutlich und werden angenommen, auch wenn nicht jedermann der Wechsel in eine neue politische wie neue soziale Zeit stolperfrei gelang. Ich selbst bin dankbar für die vielen Stunden der Erzählung und Erinnerung. Dankbar besonders bin ich für die herzliche Gastfreund-schaft, die ich Tag für Tag erfuhr. Das alles konnte ich nicht planen. Das erlebte ich nur, weil ich mich auf ein Abenteuer einließ und mich auf den Weg machte. Es wird dauern, alles zu ver-arbeiten. Aber das Leitwort meiner Reise stimmte haargenau: „Grenzritt in Frieden und Freund-schaft“: Ich erlebte die Grenze nur als Fragment, als historische, gleichwohl wichtige Erinne-rung, vertieft durch manche Gedenkstätte unterwegs als Museum, als Erinnerung am Straßen-rand oder auch als Mahnmal versteckt irgendwo am Wegesrand, erläutert durch schlichte Tafeln. Den Frieden haben die Bürger der ehemaligen DDR selbst erkämpft mit Mut und ohne Gewalt. Diesen Frieden konnte ich fühlen, ja genießen. Und die Freundschaft? Sie begegnete mir jeden Tag aufs Neue in den Menschen, die mir Gastfreundschaft boten, die für mein Pferd und mich sorgten, die Interesse an meinem Grenzritt hatten und mir von ihrem eigenen Leben erzählten. Sie wussten nicht, dass ich ankommen und um Quartier bitten würde. Ich kannte meine Gast-geber vorher auch nicht, denn keine Station war vorgeplant. Ich überließ mich immer dem Augenblick der ersten Begegnung und wurde niemals enttäuscht.

Als ich nach fünf Wochen an meinem Ziel an der Ostsee bei Priwall an der Travemündung ankam, kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit, war mir ein wenig seltsam ums Herz. Meine Reise war plötzlich zu Ende… Schön war, dass meine Frau zu diesem besonderen Ereignis nach-gereist war und mit mir die Ankunft feierte. Die vielen Eindrücke und die freundschaftlichen Begegnungen halten meine Reise in meinen Gedanken lebendig. Ein Buch zu meiner Reise und über die vielen Begegnungen, Eindrücke und Erlebnisse ist mein nächstes Wunschziel. Ob ich einen Verlag dafür finde? Martin Stellberger

Info: Wer den “Grenzritt in Frieden und Freundschaft“ genauer verfolgen will, gebe den Titel im Internet ein. Hier finden sich Medienbeiträge, die während der Reise entstanden. Unter http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/harz/grenzreiter135_p-12.html gibt es ein NDR-Video.


Link: www.ndr.de/regional/niedersachsen/harz/grenzreiter135_p-12.html