Startseite
Kontakt
Jörg Beerhenke - ein Reiter feiert Gold; PD 03/2002
HEILBRONN. Der Reitverein Heilbronn feiert! Der Grund: Jörg Beerhenke, Pferdewirtschaftsmeister und Chefreitlehrer an der Reitanlage Trappensee in Heilbronn, bekommt das Goldene Reiterabzeichen verliehen. "Verliehen" ist das richtige Wort, denn "erwerben" kann kein Reiter diese Auszeichnung. Jahre gründlicher Ausbildung, sorgfältige und intensive Aufbauarbeit liegen hinter dem 35-jährigen Berufsreiter, der nach der Mittleren Reife 1985 sein Berufsziel im Pferdesport fand. Sein Motto im Umgang mit Pferden heißt: "Immer bereit sein, vom Pferd zu lernen!" Das vermittelt der selbständige Reitlehrer auch seinen Schülern tagtäglich. Er selbst aber lässt sich immer wieder "überprüfen". Fehler schleichen sich in der Routinearbeit ein, mancher Mangel wird nicht gleich erkannt, verfestigt sich. Deshalb: "Ich lasse mich regelmäßig kontrollieren, nehme Unterricht bei anderen Reitlehrern. Nur so kann ich mein Niveau halten und verbessern. Der Blick über die eigene Reitbahn hinaus hilft mir sehr!" Schließlich will Jörg Beerhenke, der längst dem Landeskader angehört, eines Tages sein sportliches Ziel erreichen und im Grand Prix reiten!

Die Voraussetzungen dafür sind denkbar günstig, denn mit dem Erfahrungspolster von zehn Siegen in Klasse S, kann der Dressurreiter dieses hohe Ziel mit Recht ansteuern. Zehn Siege für das Goldene Reiterabzeichen hören sich indes für eine zwanzigjährige Reiterlaufbahn nicht gerade viel an. Doch das täuscht. Die Messlatte liegt wirklich hoch. Das "Goldene" soll ja nicht inflationär verschleudert werden, meint die Deutsche Reiterliche Vereinigung, die ihre erfolgreichen Reiter mit dem Abzeichen ehrt. Doch bei aller Ehre - ohne seine Pferde wäre auch Jörg Beerhenke nur ein Fußgänger! "Savarin", "Feiner Herr", "Lokao-Lotus" heißen und hießen die Dressurpferde des Reiters. Rosen-Bolero ist der Name eines seiner Nachwuchspferde. Der erste Sieg in Klasse S liegt dabei schon 10 Jahre zurück. 1992 gewann Beerhenke mit "Savarin" zum ersten Male in einer schweren Prüfung, in Nürtingen war es. Das war ein besonderer Tag im Leben des gebürtigen Stuttgarters! Noch zweimal siegte er mit diesem Pferd 1993 und 1994 in Murg-Niederhof und Emmendingen. Natürlich ist er während dieser Jahre ständig auf Turniere gefahren, aber S-Siege sind nicht einfach am Dressurviereck abzuholen. Erst 1999 konnte Beerhenke seinen nächsten S-Sieg einheimsen. In Nördlingen startete er damals mit "Feiner Herr". Mit ihm hat er nach "Savarin" wieder einen echten "Kracher" unter dem Sattel, wie man so schön im Pferdesport sagt. Fünfmal siegte Beerhenke im vergangenen Jahr: bei Dressurwettbewerben in Klasse S in Schwäbisch Hall, Schwieberdingen, Heddesheim, Ehingen und Böblingen, allesamt Turnierplätze mit gutem Ruf und starker Konkurrenz. Wo aber bleibt der zehnte Sieg in der Rechnung? Den errang Jörg Beerhenke schon 2000 mit - "Lakao-Lotus", zugegeben, ein Ausreißer in der Serie mit "Feiner Herr".

Ehrgeizig sei er, erzählt Jörg Beerhenke, zuverlässig dazu. Und mit etwas Kopfschütteln über sich selbst gibt er zu: "Ich bin dazu überpünktlich!" Aber das ist nicht grundsätzlich zu kritisieren, denn wer erfolgreich sein will, muss für seine Partner berechenbar sein, auch für seine Arbeitgeber, die es vor der beruflichen Selbständigkeit gab. Eine Stationen als "Angestellter" war der Reitverein Kirchzarten Mitte der Achtziger Jahre, danach machte er vier Jahre Station in Sulzbach und zuletzt, bis 1997, beim Reitverein Göppingen. Dabei hat er Chefs und Ausbilder erlebt, die in der Reiterei eine "gute Hausnummer" sind: Manfred Hölzel aus Stuttgart zum Beispiel, oder Bernhard Goldschmid in Kirchzarten und Horst Eulich in Sulzbach. Dazu kommen Udo Lange, der renommierte Röttinger Reitlehrer, der für Böblingen startet, und Jürgen Bimmel aus Ilsfeld. Ihnen allen hat der Wahl-Heilbronner das Rüstzeug zu verdanken, das ihn nun zum Träger des Goldenen Reiterabzeichens werden ließ. Ihnen hat er auf seinem Weg ein gut Teil seiner Arbeitsweise abgeschaut: Geduld mit Reitern und Pferden bringt den Erfolg. Deshalb ist Beerhenke auch mit Recht ein wenig stolz auf die von ihm ausgebildeten Pferde und auf seine Schüler, von denen manche Jugendliche sogar schon bei Landesmeisterschaften mithalten können. Unter ihnen zum Beispiel die beiden Göppinger Reiterinnen Conny Edelmann und Eva Ziegelwallner und Tina Kaiser aus Herrenberg.

Ob er hier und da nervös ist, wenn er oder seine Schüler kurz vor dem Start stehen? "Ja, manchmal" sagt der Profi freimütig. Lampenfieber haben ist aber keine Schande, tröstet sich der Reiter, der bereits 1986 beim bundesweiten "Lehrlingsturnier" gewonnen hatte. Dabei ist Beerhenke nicht einfach nur Dressurreiter, auch im Springsattel macht er eine gute Figur und kann auf Starts und Erfolge bis Klasse M verweisen. Um sich in der Theorie weiter zu bringen, hat Jörg Beerhenke inzwischen die Ausbildung und entsprechende Prüfungen zum Turnierrichter absolviert. Seit 1998 hat er die Berechtigung bis Klasse L zu richten, in diesem Jahr folgt die Qualifizierung für Klasse M. Stillstand sorgt für Rost, möchte man sagen. Und dem entgeht der Heilbronner Chefreitlehrer ganz bewusst durch Weiterbildung und Engagement.

Wie hält sich ein Profireiter für seinen Sport fit, um sich nicht "einseitig" abzunutzen, denn gerade die Reiter haben ja oft Probleme mit dem Rücken? Skifahren, Schwimmen und Joggen gehören zum Fitnessprogramm des 1,94 Meter großen Heilbronners. Diese "Länge" störe ihn manchmal beim Reiten, sagt er. Doch nur ihn selbst. Seine Partnerin kümmert's nicht: Claudia Schweizer sieht vielmehr die sportliche Seite, denn auch sie ist Berufsreiterin. Sie kann da mit ihrem Lebensgefährten mithalten, weil sie ebenfalls bis Klasse S reitet. Und feiern wird sie bestimmt mit ihrem Jörg und vielen Freunden, denn ein bisschen Anteil hat auch sie am Erfolg - wie es bei Lebenspartnern eben sein sollte. Das begehrte Goldene Reiterabzeichen wird Jörg Beerhenke in Heilbronn feierlich verliehen, beim Reitturnier vom 19. - 21. April 2002. Dann wird gefeiert, zünftig, nach Reiterart.
Martin Stellberger